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Arzneimittelpreise

Wie Patente und eine falsche Arzneimittelpolitik bezahlbare Medikamente behindern

Neue Broschüre von Dieter Lehmkuhl

Arzneimittelpreisverhandlungen. Foto: Techniker Krankenkasse, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Drastisch steigende Preise bei vielen neuen Arzneimitteln - oft zwischen 50.000 und 100.000 Euro und mehr für die (Jahres-) Behandlung - führen zu einer beträchtlichen Steigerung der Arzneimittelkosten. So stiegen die Ausgaben für patengestützte rezeptpflichtige Arzneimittel seit 1996 um 700 %. Die Kostensteigerung betrifft vor allem Medikamente gegen Hepatitis C, neue Onkologika und sog. Orphan Drugs (für seltene Erkrankungen). Diese Entwicklung droht unsere solidarisch finanzierten Gesundheitssysteme zu überfordern, geht zu Lasten anderer wichtiger Gesundheitsgüter und schränkt inzwischen selbst in wohlhabenden Industrieländern den Zugang zu erforderlichen und bezahlbaren Medikamenten ein. War dies bislang (fast) nur ein Problem für die Länder des globalen Südens, sind nun auch wir in den Metropolen davon betroffen. Dies scheint ein Grund für eine Wende in der Debatte.

Die Preisgestaltung, der Zugang zu bezahlbaren Medikamenten, die derzeitigen Anreizsysteme und alternative Modelle für Forschung und Entwicklung stehen inzwischen ganz oben auf der Agenda internationaler Organisationen wie EU, Europarat, OECD und UN. Es wird immer deutlicher: Hohe Arzneimittelpreise und der Zugang zu bezahlbaren Arzneimitteln sind Ausdruck einer Systemkrise.

So hat der Rat der EU-Gesundheitsminister in seinen Council Conclusions von Juni 2016 mit ungewöhnlich starken Worten einige Problem des gegenwärtigen Systems angesprochen und lässt mit einem Untersuchungsauftrag auch die "heiligen Kuh" eines übermäßigen Schutzes geistiger Eigentumsrechten und deren Missbrauch von der Kommission auf den Prüfstand stellen.

Die niederländische Regierung hat Anfang 2016 einen Plan zur Arzneimittelpolitik (Medicines Policy Plan) vorgelegt, der systemimmanente, aber auch - transformierende Vorschläge enthält, um den hohen Medikamentenpreisen zu begegnen. Die niederländische Gesundheitsministerin Edith Schippers spricht von einem "kaputten (broken) System, das dringend repariert werden" müsse.

Der KCE-Bericht Future Scenarios about Drug Development and Drug Pricing, ein Projekt, das von den Belgischen und den Niederländischen (HTA)-Agenturen für Medizintechnikfolgeabschätzung in Auftrag gegeben wurde und an dem Vertreter aller relevanten Akteure beteiligt waren, hat vier Szenarien für eine zukünftige Preisgestaltung bei Arzneimitteln aufzeigt, die - miteinander kombinierbar - die Richtungen für eine dringend notwendige Kursänderung vorgeben.

Das High Level Panel (HLP) On Access to Medicines legte Oktober 2016 einen Bericht an den UN Generalsekretär vor, der deutlich macht, dass der Status quo keine Option ist. Der Bericht mahnt an, Eigentumsrechte, Gewinninteressen, Menschenrechte und die Interessen öffentlicher Gesundheit wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das gegenwärtige System sei zu sehr "profit-" und zu wenig "need driven" und er schlägt - wie auch viele andere Akteure - eine Entkopplung der Ausgaben für F&E von den Arzneimittelpreisen vor.

Bezüglich der komplexen Ursachen und Treiber dieser Entwicklung und Lösungswege wird auf die MEZIS -Hintergrundbroschüre Arzneimittelpreise verwiesen, deren Autor ich bin. Dieser Beitrag ist daher auch ein Hinweis auf das Papier für Leser, die mehr an dem Thema interessiert sind.

Es gibt auf 18 Seiten einen Überblick zum Thema mit Fallbeispielen , Graphiken, Literaturverzeichnis und Anmerkungen. Das Papier ist das Ergebnis einer Recherche zur Vorbereitung der MEZIS-Fachtagung am 1.und 2. Dezember 2016 in Berlin, an der auch mehrere IPPNW-Mitglieder mitgewirkt haben. In das Papier sind die Inputs und Ergebnisse dieser Tagung eingeflossen. Dort wurde auch ein Manifest verabschiedet.

Foto: Arzneimittelpreisverhandlungen. Foto: Techniker Krankenkasse, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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