IPPNW-Forum 119/09

Den Patienten im Visier

Der Einfluss der Pharmaindustrie im Gesundheitswesen (Teil 1)

12.01.2010 Der Einfluss der Industrie auf unser Gesundheitswesen legt sich mehltauartig auf immer weitere Bereiche. Transparency International spricht in diesem Zusammenhang bereits von einem bedrohlichen Ausmaß struktureller Korruption und Korrumpierbarkeit in Deutschland.

Während aber direkte Lobbyarbeit in Politik und Interessenkonflikte in Institutionen wie der EMEA (European Medicines Agency), BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) und STIKO (Ständige Impfkommission) durch Konfliktfälle wie die HPV-Impfung auch hin und wieder in den Medien kritisiert werden, bleibt der Geldfluss für ärztliche Fortbildungen, Kongresse, Fachpresse und –literatur weitgehend unberührt. Auch über intransparente Studiendesigns an Kliniken und die Belagerung der Praxen durch über 20 000 Pharmaberater liest man wenig. Seit etlichen Jahren hat die Industrie nun eine weitere Gruppe besonders ins Visier genommen: den Patienten.

Sponsoring
Aus Sicht der Industrie ist der Patienten unmittelbarer Konsument. Bei geringem finanziellem Einsatz lassen sich hier erstaunliche Umsatzgewinne erzielen. So haben Untersuchungen ergeben, dass hier pro eingesetztem US-Dollar über vier Dollar zurückfließen. Eine lohnende Zielgruppe also, die am einfachsten über die Selbsthilfebewegung zu erreichen ist. Allein in Deutschland haben sich über drei Millionen Betroffene verschiedenster Krankheiten in mehr als 70 000 Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, die die Industrie auf verschiedenen Wegen zu beeinflussen versucht.
Direkte und indirekte Zuwendungen finden vor allem bei Gruppen mit Krankheiten statt, bei denen hochpreisige, patentgeschützte Mittel die Therapie bestimmen. Seit über zehn Jahren gibt es ein gezieltes Sponsoring solcher Gruppen. Völlig pervertiert wird der Selbsthilfegedanke, wenn seitens der Industrie im Vorfeld einer erhofften Zulassung eines Medikaments Gruppen ins Leben gerufen, aber bei Nicht-Zulassung wieder fallen gelassen werden. So geschehen z.B. bei der Selbsthilfeorganisation Lungenkrebs. Im Jahr 2004 wurde sie von Astra Zeneca unterstützt, unter anderem in Form von Broschüren, in denen eine neue Behandlungsmethode angekündigt wurde. Nach dem Fehlschlag einer Studie zu diesem Medikament wurden jedoch mit einem Schlag sämtliche Zuwendungen gestrichen.
Direkte Zuwendungen spielen eine wesentlich geringere Rolle als die indirekten „Unterstützungen“, also dem Einrichten von Websites, der Pressearbeit oder der Betreuung von Patientenzeitschriften. Gerade bei der Besetzung solch sensibler Felder ist jedoch die inhaltliche Einflussnahme naheliegend und die Patientenorganisationen riskieren, ihr höchstes Gut zu verspielen – ihre Glaubwürdigkeit.
Bei einer näheren Betrachtung von Websites verschiedener Selbsthilfegruppen kommt man ins Stauen. Beispiel: die Deutsche MS Gesellschaft (DMSG). Die Präsenz der DMSG im Netz ist nicht nur technisch perfekt, dort werden im Namen der Selbsthilfe-Gesellschaft auch fachmedizinische Kongresse und Symposien in 5-Sterne-Hotels ankündigt – spätestens dann sind wohl Zweifel an der Unabhängigkeit der DMSG angebracht.
Die Brisanz der Thematik verdeutlichte auch das Kursangebot der Hamburger Volkshochschule: dort konnten Leiter von Patientengruppen in einer Schulung lernen, wie sie ihre Selbstständigkeit bewahren können.

Ziel
Das grundsätzliche Vorgehen ist eine Unterwanderung der Gruppen, um den Medikamentenumsatz zu erhöhen. Langfristiges Ziel dabei ist, Patienten und Öffentlichkeit für die Abschaffung des Direktwerbeverbots zu gewinnen. Dabei handelt es sich um ein Verbot innerhalb der EU, rezeptpflichtige Arzneimittel direkt beim Konsumenten zu bewerben. Erst kürzlich konnte ein erneuter Versuch, dieses Werbeverbot zu durchbrechen, durch vielfältigen Widerstand von Patientenverbänden, NGOs über Gesundheitsminister bis hin zur offiziellen Ärzteschaft abgewehrt werden.

Gegenmaßnahmen

Laut Transparency International helfen hier keine Empfehlungen mehr, sondern nur noch verbindliche Richtlinien. Der Dachverband der Selbsthilfegruppen müsste für Konfliktfälle Instanzen schaffen. Krankenkassen müssten ihre Zuwendungen dann von solchen Regelungen abhängig machen.
Zudem gibt es mehrere Vorschläge, wie die gezielte Einflussnahme bezüglich eines bestimmten Medikaments vermieden werden kann. So wurde beispielsweise im Jahr 2007 während eines bundesweiten Treffens der Selbsthilfegruppen in Berlin gefordert: wenn ein Verzicht auf Industrie-Sponsoring unrealistisch sei, so sollten die verschiedenen Pharmabranchen zumindest in einen gemeinsamen Pool einzahlen. Trotz der damaligen Zustimmung durch einige Industrievertreter wird nichts davon umgesetzt werden – mit der deutlichen Begründung: „Wir sind doch kein Wohltätigkeitsverein.“ Natürlich kann von der Industrie nicht erwartet werden, die Interessen von Patienten über die der Shareholder zu stellen. Man kann aber sehr wohl von den Pharmakonzernen mehr Transparenz verlangen, also offenzulegen, welche Geldbeträge und sonstigen Hilfen an welche Stellen getätigt werden.

Während GlaxoSmithKline seit 2008 sämtliche Geldzuwendungen auf der eigenen Webseite deklariert, bleibt es bei anderen Konzernen wie z.B. La Roche seit geraumer Zeit bei Absichtserklärungen. Unter dem Druck von Bußgeldzahlungen in Milliardenhöhe wegen unzulässigen Marketings haben sich jedoch inzwischen auch einige US-Konzerne dazu bereit erklärt, ihre finanziellen Zuwendungen zu veröffentlichen. Einzelne Staaten in den USA haben zudem Gesetze erlassen („sunshine act“), die die Pharmaindustrie verpflichten, sämtliche finanziellen Zuwendungen an alle im Gesundheitswesen Tätigen –also auch an Patientenverbände– offenzulegen.

Was dort möglich ist, kann auch bei uns umgesetzt werden. Der Blick der Öffentlichkeit für solche Schieflagen muss geschärft werden, um so Druck auf die Politik aufzubauen. Gerade wir als Ärztinnen und Ärzte in der IPPNW, als „Ärzte in Sozialer Verantwortung“ sollten kritischer hinsehen und nicht zögern, den Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen - denn die Debatte über den Einfluss der Industrie wird in den angelsächsischen Ländern viel offensiver und kreativer geführt wird.
Auch sollten wir Mut zur Veränderung machen und dem Gefühl eigener Ohnmacht entgegenwirken. Ein erster Schritt, um auf die „Häppchen“ der Industrie zu verzichten, wurde bereits mit der Gründung von MEZIS (Mein Essen Zahl Ich Selber) getan – einem Verband pharmaunabhängiger Ärzte.
Wir sollten zudem Gesetze ähnlich denen in den USA fordern. Dies könnte mit einem Antrag beim Ärztetag begonnen werden und mit einer Beschlussfassung weitergehen, in der die Politik aufgefordert wird, sich mit dem Thema zu befassen und eine entsprechende Gesetzesinitiative einzuleiten.

Drs. Joachim Both und Jürgen Fegeler sind Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie. Beide sind Mitglied bei MEZIS und seit über zwei Jahren im pharmakritischen Arbeitskreis der IPPNW Berlin aktiv. Für das Forum werden sie in loser Abfolge den wachsenden Einfluss der Pharmakonzerne auf das Gesundheitswesen beleuchten. Die nächste Folge soll den Fokus auf der Beeinflussung von niedergelassenen Medizinern legen.
Bei Interesse an mehr Informationen: jboth@arcor.de

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Ansprechpartnerin

Susanne Dyhr, IPPNW-Referentin für Soziale Verantwortung
Susanne Dyhr
Referentin für Soziale Verantwortung
Tel. 030/698074 - 17
Email: dyhr@ippnw.de

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