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Aus dem IPPNW-Forum 63/64

Den Frieden in Afrika fördern

Lokale Aktivitäten in Afrika

 

Mosambik: "Erneuerte Hoffnung"
Den direktesten medizinischen Bezug hat die Arbeit der mosambikanischen Organisation "Reconstruindo a Esperança" (RE), die von dem Psychologen Boia Efraime Junior vorgestellt wurde.

 

Mosambik, 1975 nach einem brutalen Unabhängigkeitskrieg aus portugiesischer Kolonialherrschaft entlassen, befand sich danach in einem 17 Jahre andauernden Bürgerkrieg, an dem zehntausende von Kindern als Soldaten oder Kriegssklaven beteiligt waren. Ein Team von mosambikanischen, in Deutschland ausgebildeten Psychologen gründete 1994 zunächst gemeinsam mit der Public Health Abteilung des Gesundheitsministeriums eine Initiative zur Rehabilitation und Reintegration von ehemaligen Kindersoldaten. Diese Arbeit wird seit 1996 in der neu gegründeten unabhängigen Hilfsorganisation RE fortgesetzt. Von Beginn an verbanden die Mosambikaner lokale traditionelle Heilmethoden und Reinigungsrituale mit den Erkenntnissen der westlich geprägten Psychotraumatologie in der Arbeit mit den ehemaligen Kindersoldaten.

Uganda: "Vereinigung Betroffener Eltern"
Angelina Acheng Atyam von der ugandischen Organisation "Concerned Parent's Association" stellte den Versöhnungsprozess und die Bemühungen um Rehabilitation und Reintegration ehemals entführter Kindersoldaten aus der Perspektive einer betroffenen Mutter für den Norden Ugandas vor. Angelinas Tochter wurde im Alter von 14 Jahren zusammen mit anderen Mädchen gewaltsam von einer bewaffneten Oppositionsgruppe aus ihrer Schule entführt und in den Sudan verschleppt. Schätzungsweise 10.000 Kinder im Alter von 5-18 Jahren wurden so entführt und zu Kindersoldaten ausgebildet oder als Kriegsdiener benutzt. Viele der Mädchen dienen neben der Hausarbeit als Sexsklaven der Kommandanten, werden vergewaltigt, schwanger und sterben häufig an den Risiken der verfrühten Schwangerschaft und den katastrophalen Bedingungen ihres Umfelds. So widerfuhr es auch Angelinas Tochter. Ein anderes Mädchen, dem die Flucht gelang, berichtete von den Umständen der Vergewaltigung und der komplizierten Geburt. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Eine ugandische traditionelle Hebamme, ihrerseits 10 Jahre zuvor entführt, schlug auf das schreiende Mädchen unter der Geburt ein und schickte sie bei protrahierter Placentalösung schwerblutend mit dem neugeborenen Kind in den Busch. Zwei Wochen später wurde Angelinas Tochter mit Kind noch einmal lebend gesehen, seitdem hat Angelina keine Nachrichten mehr über ihre Tochter.

 

Die Arbeit von "Concerned Parent's Association" ist nach innen und außen gerichtet. In Form von Selbsthilfegruppen stehen sich die Eltern und betroffenen Familien gegenseitig bei. Im Fall einer Rückkehr der Kinder begleitet die Organisation die Familien bei der Wiederaufnahme der ehemaligen Kämpfer und sexuell missbrauchten Mädchen. Auch hier wird sogenannte Traumaarbeit in Form von traditionellen Heil- und Reinigungsritualen sowie stark christlich geprägtem Counselling geleistet.

 

Die nach außen gerichtete Informations- und Lobbyarbeit richtet sich an alle Instanzen, die die Kinder gemäß international festgeschriebener Schutzrechte schützen sollten, beginnend bei den Eltern, Verwandten, Freunden und Lehrern. Sie appelliert an staatliche Instanzen, ihre Verantwortung gegenüber ihren Bürgern besser wahrzunehmen. Der Organisation ist es sogar gelungen, Gespräche mit den Guerillaführern zu führen, in denen die Freilassung der Kinder verhandelt wurde. Des weiteren wendet sich die Kampagne der Organisation an regionale und internationale Organisationen zur Wahrung der Menschenrechte und Sicherheit. Sie sucht Vergebung und Versöhnung als Grundlage für ein friedvolleres Zusammenleben herbeizuführen sowie politischen Druck für ein gewaltfreies Umgehen mit Konflikten auszuüben.

 

Kenia: Die "WajirGeschichte"
Aus Kenia berichtete Mohamed Ibrahim Elmi von einer erfolgreichen Friedensinitiative mit Modellcharakter. Mohamed Elmi, mit medizinischem Berufshintergrund in Psychiatrie und "Nomadic Public Health", leitet heute die kenianische Sektion von Oxfam. Er stammt aus der Kleinstadt Wajir im Nordosten Kenias. Die größte Bevölkerungsgruppe dieser Region stellen die Somali. Die Bevölkerung lebt überwiegend von nomadischer Weidewirtschaft und ist strukturell extrem benachteiligt im Vergleich zu den Bewohnern von Kenias fruchtbarem Hochland und Küstenregionen. Historische und regionalpolitische Konflikte, regelmäßig wiederkehrende Naturkatastrophen sowie die anhaltenden Bürgerkriege der benachbarten Länder Sudan und Somalia bestimmen seit Jahrzehnten das Zusammenleben der Bevölkerung dieser Region.

 

Die tägliche Konkurrenz um Wasser- und Weidestellen für das Vieh stellte während der extremen Dürrekatastrophe im Horn von Afrika 1991-1992 auch für die Bevölkerung von Wajir ein großes Konfliktpotential dar, zumal die Region mit 500.000 Flüchtlingen aus Somalia zusätzlich in den extremen Notstand geriet. Unter anderem die breite Verfügbarkeit von Kleinwaffen in der Region sowie die kulturell festgeschriebene Blutrache in der somalischen Bevölkerung führten zu einem sehr gewalttätigen Austragen dieser Konflikte.

 

Es waren die Frauen der Region, die dieser Gewalt ein Ende setzen wollten und eine Gruppe "Frauen für den Frieden" gründeten. Durch Gespräche mit Frauen und Monitoring auf lokalen Märkten weichten sie die Verfeindungen zwischen den einzelnen Clans auf, durch die bestimmten Frauen Zutritt und Kauf- und Verkaufsrechte verweigert wurden. Die Frauen waren sich einig, dass das Leid durch Blutrache nicht gemildert wurde und nur neues Leid schuf.

Die Frauen involvierten frühzeitig die Ältesten der Region. Es gelang ihnen einen respektierten Ältesten, der nicht den drei stärksten Clans angehörte, als Vermittler zu gewinnen, und es gründete sich eine Gruppe "Elders for Peace". Die Frauen und Ältesten involvierten ebenfalls lokale Regierungsvertreter, die zu dem Zeitpunkt alle aus dem Süden Kenias kamen, also keine ethnischen Somali waren. Gemeinsam mit einem Parlamentarier erarbeiteten die Gruppe eine Friedenserklärung, die Richtlinien für die Rückkehr zum Frieden in der Region vorlegte. Gemäß dieser bildeten die Clanältesten gemischte Teams, die im Falle von Konflikten die Wahrheit herausfinden und gerechte Urteile und Lösungsstrategien erarbeiten sollten. Die lokale Regierung nahm die Wajir Friedensgruppen in das lokale Sicherheitskomitee auf, wodurch lokale kulturelle Konfliktlösungsstrategien in gesetzlich vorgeschriebene innen- und sicherheitspolitische Vorgehensweisen integriert wurden.

 

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Friedensarbeit war die Konzentration auf die Jugendlichen in der Region. Durch fehlende Ausbildungsmöglichkeiten und hohe Arbeitslosigkeit hatte sich unter den Jugendlichen Hoffnungslosigkeit ausgebreitet. Auch die Jugendlichen bildeten Friedensgruppen, die durch sinnvolle Beschäftigung für Jugendliche versuchten, Alternativen zum Kämpfen aufzuzeigen und über herumreisende Theatergruppen zum Frieden aufriefen. Selbst die Geschäftswelt gründete eine Gruppe "businessmen for peace" aus der Überzeugung heraus, dass es sich lohnt in den Frieden zu investieren.

 

Auch für diese kenianische Friedensinitiative war die bewusste Integration von lokaler Kultur mit ihren Symbolen, Ritualen und öffentlichen Ehrungen, Festen und Erklärungen von großer Bedeutung für den Erfolg.

 

Durch internationale Kooperation ist ein Video über die erfolgreiche Transformation vom Krieg zum Frieden im Wajir Distrikt produziert worden. Auszuleihen über die Geschäftsstelle: "The Wajir Story - A film about conflict transformation in Kenya"

Nicola Kaatsch

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Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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