Lischewski: Was waren prägende Eindrücke während des Aufenthalts in Novi Sad und Belgrad?
Claußen: Die Menschen leiden sehr unter der Isolation, die das Land seit Jahren durchmacht. ÄrztInnen können beispielsweise wegen Visumsproblemen kaum noch an wissenschaftlichem Austausch und an Konferenzen teilnehmen. Gleichzeitig besteht in der Presse weder Erfahrungs- noch Meinungsvielfalt. Eine traurige Folge dieser Isolation ist die Einengung der öffentlichen und privaten Meinung auf eine nationalistisch geprägte Denkweise. Viele Menschen empfinden sich ausschließlich als Opfer der NATO und sehen nicht, dass auch ihrem eigenen Regime ein großer Anteil an den bestehenden Problemen zufällt. Darüber hinaus waren erhebliche materielle Einschränkungen in Folge von Krieg, Boykottmaßnahmen der EU und Misswirtschaft deutlich sichtbar.
Lischewski: Wie ist der Zustand des jugoslawischen Gesundheitswesens?
Claußen: Ich habe in Novi Sad die Psychiatrie und die Neurologische Abteilung besucht. Der Zustand war sehr bedrückend. Die Gebäude waren seit circa 25 Jahren nicht mehr renoviert worden, und insgesamt war der Eindruck eher schäbig. Die psychisch Kranken lagen um fünf Uhr nachmittags in ihren Betten; niemand beschäftigte sich mit ihnen. Es herrscht Mangel an Medikamenten für die ambulante Sprechstunde.
Mängel im Gesundheitswesen sind nur bedingt auf Kriegsfolgen zurückzuführen. Dem Vernehmen nach fließen die Gelder, die als Krankenversicherungsbeiträge von Löhnen und Gehältern abgezogen werden, nicht in das Gesundheitswesen, sondern in private Taschen und Parteikassen. Ein weiterer Grund ist sicherlich der Niedergang der Wirtschaft und der Rückgang des Einkommens.
Lischewski: Wo sind Ansatzpunkte für ein Engagement der IPPNW in Jugoslawien?
Claußen: Ein wesentliches Feld ist die Flüchtlingsversorgung. Es gibt in Serbien etwa eine Million Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo. Das sind zehn Prozent der Bevölkerung. Es existieren bereits einige Projekte für ihre Betreuung. Finanziert wird die Mindestversorgung hauptsächlich durch UNHCR und Care. UNHCR arbeitet vor Ort mit kleineren jugoslawischen Initiativen zusammen, die wiederum von ausländischen humanitären Organisationen unterstützt werden.
Ich habe das Projekt «Sdravo da ste» (= Hallo Nachbar) besucht, das sich um die psychologische und psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen kümmert und zur Hälfte vom UNHCR und von drei westeuropäischen Hilfsorganisationen, darunter das deutsche Komitee für Grundrechte und Demokratie, getragen wird. Vor Ort arbeiten ausgesprochen gut ausgebildete einheimische Fachleute. Der Vorsitzende der jugoslawischen IPPNW, Prof. Milan Popovic, supervidiert einige der MitarbeiterInnen.
Ich halte eine gemeinsame wissenschaftliche Untersuchung in diesem Bereich für sinnvoll; nicht im Hinblick auf das nächste wissenschaftliche Symposium, sondern für die Lösung anstehender Probleme in der konkreten Flüchtlingsarbeit. Darüber hinaus ist es wichtig, die verheerende Lebenssituation der Flüchtlinge zu veröffentlichen, um daran etwas zu verändern. Dafür könnte man auch Wissenschaftler aus Belgrad und Novi Sad gewinnen. Dies soll in zwei weiteren Reisen in diesem Jahr besprochen werden.
Lischewski: Was ist das Besondere des Projektes «ÄrztInnen schaffen Friedensallianzen»?
Claußen: Mit unserer Arbeit können wir bestehende humanitäre Aktivitäten fundieren. Flüchtlingsarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil unserer sozialen Arbeit als FriedensärztInnen, und damit gewinnen wir weiter an Ausstrahlung. Eine längerfristige dauerhafte Kooperation zwischen jugoslawischen und deutschen ÄrztInnen kann darüber hinaus neben dem "wissenschaftlichen Ruhm" vor allem konkrete Veränderungen vor Ort bewirken.
Lischewski: Welche Ziele verknüpfen sich für die deutsche IPPNW mit diesem Projekt?
Claußen: Wir könnten unser Engagement in der Flüchtlingsarbeit vertiefen und weiter ausbauen. Auch für deutsche Wissenschaftler außerhalb der IPPNW müsste ein solches Vorhaben durchaus attraktiv sein, und überdies könnten Studierende bei einzelnen Erhebungen in diese praxisorientierte Forschung einbezogen werden.
Überdies wünsche ich mir MitstreiterInnen, für die das skizzierte Projekt in Jugoslawien Anstoß ist, in diese Arbeit einzusteigen. Besonders freuen würde ich mich über KollegInnen, die bereits in diesem Bereich arbeiten und/oder Kontakte auf dem Südbalkan haben, damit wir gemeinsam auf einer breiten Basis beginnen können.
Darüber hinaus haben bereits einige europäische Sektionen ihr Interesse signalisiert, so dass es zu grenzüberschreitenden Kooperationen kommen könnte. Die Entwicklungen in Südosteuropa werden uns ja in unserer Friedensarbeit in den nächsten Jahren begleiten. Genauere Einzelheiten wollen wir in einem Balkan-Workshop auf dem Weltkongress in Paris vereinbaren.
Es ist etwas ganz anderes, hautnah zu erleben, wie brüchig und kaputt ein Staatswesen ist und die Auswirkungen von Boykott und Isolation, Korruption und Misstrauen zu sehen, als nur darüber zu lesen. Durch meine Reise habe ich Einblicke in landesinterne Faktoren für den Krieg und die Probleme des Landes gewonnen. Die Friedensbewegung hier muss für die Wechselwirkung interner und externer Faktoren bei diesem Krieg noch wesentlich sensibler werden. Dieses Entweder/Oder-Denken - hier die böse NATO, dort der böse Milosevic - müssen wir überwinden, um künftig die Entstehung von Kriegen besser verstehen und beurteilen zu können.
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