Ab dem Jahr 2026 plant die Bundesregierung die Einführung eines neuen Wehrdienstmodells. Offiziell ist von Freiwilligkeit die Rede. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Es handelt sich um ein System staatlicher Erfassung und wehrpolitischer Einflussnahme auf Jugendliche – mit weitreichenden Konsequenzen für Gesellschaft, Gesundheit und Menschenrechte.
Zentrale Elemente des Modells sind ein verpflichtender Fragebogen für junge Männer, der Einstieg in eine strukturierte Rekrutierung von Freiwilligen und die perspektivische Ausweitung der Reserve. Die Pläne erfolgen im Kontext wachsender globaler Spannungen, insbesondere im Verhältnis zu Russland, und unter dem Druck, die Bundeswehr personell zu stärken. Doch die Frage ist: Welche Sicherheit entsteht dadurch wirklich – und zu welchem Preis?
Junge Menschen als Zielgruppe – unter Druck gesetzt
Besonders problematisch ist der Druck, der auf junge Menschen ausgeübt wird. Die Kommunikation des „neuen Dienstes“ setzt gezielt auf moralische Appelle: Wer sich nicht melde, verhalte sich unsolidarisch. In sozialen Medien, Schulen und öffentlichen Kampagnen entsteht ein Bild vom „einsatzbereiten Staatsbürger“, das junge Männer – und zunehmend auch Frauen – unter einen latenten Erwartungsdruck stellt.
Dieser moralische Druck ist aus friedensethischer Sicht ebenso kritisch wie aus medizinischer Perspektive. Die Erfahrung zeigt: Wehrdienste unter gesellschaftlichem Erwartungsdruck belasten die psychische Gesundheit junger Menschen, insbesondere wenn sie unvorbereitet in militärische Hierarchien eintreten. Angst, Leistungsdruck und Konfrontation mit Gewalt sind reale Belastungen, die sich langfristig auf die seelische Gesundheit auswirken können.
Kein Beitrag zum sozialen Frieden
Der neue Wehrdienst wird oft damit begründet, dass er auch zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt fördere – etwa durch soziale Einsätze oder freiwillige Dienste. Doch dieser Aspekt bleibt im aktuellen Modell marginal. Der Fokus liegt klar auf militärischer Verfügbarkeit. Gleichzeitig bleiben zivile Friedensdienste, internationale Austauschprogramme oder sozialmedizinische Freiwilligendienste strukturell unterfinanziert und öffentlich kaum sichtbar.
Hier zeigt sich ein grundlegender Zielkonflikt: Sicherheit wird militärisch gedacht, nicht sozial. Dabei zeigen Erfahrungen aus der zivilen Friedens- und Gesundheitsarbeit, dass nachhaltige Stabilität vor allem dort entsteht, wo soziale Gerechtigkeit, Bildung, Prävention und Zugang zu Gesundheitsversorgung im Zentrum stehen – nicht durch die Ausbildung zum Schießen.
IPPNW fordert: Keine Erfassung – keine Pflichtmodelle
Die IPPNW lehnt jeden Versuch der verpflichtenden Erfassung junger Menschen im Kontext sicherheitspolitischer Strategien ab. Die Einführung eines neuen Wehrdienstes ist kein Akt der Modernisierung, sondern ein Rückschritt: weg von ziviler Konfliktbearbeitung, hin zur Vorbereitung auf militärische Eskalationen.
Die Erfahrungen der Vergangenheit lehren uns: Eine Gesellschaft wird nicht sicherer, wenn sie junge Menschen auf militärische Rollen vorbereitet. Sie wird sicherer, wenn sie sie zu mündigen, friedensfähigen und gesundheitlich geschützten Bürger*innen erzieht. Dazu gehören auch Freiwilligendienste – aber auf zivilgesellschaftlicher Grundlage, ohne Zwang, ohne moralischen Druck und ohne militärische Prägung.
Für eine Gesellschaft des Friedens – nicht der Pflicht
Die aktuelle Entwicklung ist ein Weckruf – nicht für neue Wehrpflichtmodelle, sondern für eine friedenspolitische Wende: hin zu einer Politik, die Gesundheit, Menschenrechte und Prävention ins Zentrum stellt. Die IPPNW wird diesen Weg weiter mitgestalten – mit medizinischem Wissen, ethischem Kompass und klarer Haltung gegen die Militarisierung junger Menschen.
Julia Engels (Jahrgang 1994) ist Politikwissenschaftlerin (M.A.) und promoviert zu Deutschlands Rolle in der internationalen nuklearen Abschreckung an der RWTH Aachen. Sie engagiert sich seit vielen Jahren in der Friedensbewegung und arbeitet an verschiedenen Fragen der atomaren Abrüstung, Sicherheitsarchitektur und Antimilitarismus. Sie schreibt regelmäßig zu sicherheitspolitischen Themen, u. a. für die taz.
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