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Vortrag von Prof. Ulrich Gottstein

Wer litt unter den Sanktionen?

Über die Folgen von Krieg im Irak

"Wer litt unter den Sanktionen? Die Kranken und die Kinder"

Vortrag am 28. Mai 2005 auf der Veranstaltung der "Hess. Stiftung Friedens- und Konfliktforschung", "Children of Baghdad" und "IPPNW." Die Kinder von Baghdad. Über die Folgen von Krieg und Traumatisierung für die Kinder im Irak", Universitäts Campus Frankfurt.

Gekürzte Fassung.

Das Gesundheitssystem im Irak war bis 1990 eines der besten im Vorderen Orient. Es hatte westliches Niveau mit 172 modernen staatlichen Krankenhäusern sowie Röntgen- und Laborabteilungen. In Bagdad war das best ausgerüstete Bestrahlungsinstitut für Krebskranke in der ganzen Region. Alle damals in Europa modernen Operationsverfahren sowie Therapien internistischer Erkrankungen wurden durchgeführt. Zudem gab es 1.200 Gesundheitszentren über das ganze Land verteilt, wo sowohl Untersuchungen, ambulante Behandlungen, Schwangerschaftskontrollen und Impfungen vorgenommen wurden. Die meisten Fachärzte waren in England oder anderen westlichen Ländern ausgebildet, so auch in Deutschland. Trotz der großen Verschuldung des Landes durch den achtjährigen Irak-Iran-Krieg 1980-88 lebte das Land akonto der Ölverkäufe im Wohlstand. Nahezu sämtliche Medikamente, Operationsbedarf, Geräte und Apparate sowie Röntgen und Bestrahlungseinrichtungen wurden im westlichen Ausland oder in Japan gekauft. Die Neugeborenen- und Müttersterblichkeit war die geringste in der ganzen Region. Die Impfrate lag bei über 90%.

Schlagartig im August 1990, nach dem von den UN verhängten Embargo wegen des Einfalls irakischer Truppen in Kuweit brach der gesamte Import ab. Vom einen zum anderen Tag fehlten alle notwendigen Medikamente und Krankenhausbedarf, Kindernahrung, Milchpulver etc. Ganze Schiffsladungen mit bereits vom irakischen Staat bezahlten Artikeln durften nicht mehrt ausgeliefert werden.

Als ich im Dezember 1990, wenige Tage vor Ausbruch des 2. Golfkriegs mit einer internationalen IPPNW-Delegation in Bagdad war, zeigte mir der irakische Präsident des Roten Halbmonds sowie der Gesundheitsminister die Listen der bezahlten, aber nicht gelieferten Artikel, so von Siemens, Hellige, Nestle und vielen anderen. Auch die Zeitschriftenabonnements durften nicht mehr geliefert werden.

Schon drei Monate nach Beginn des Embargos, bevor ein Schuss gefallen war, waren bereits viele Kinder mit Diabetes und Infekten gestorben, außerdem Erwachsene, die mit Hämodialyse sowie Immunsuppressiva nach Nierentransplantation behandelt werden mussten.

Dann brach im Januar 1991 der Krieg aus, mit all den massiven Zerstörungen im ganzen Land und dem Zusammenbruch der Infrastruktur. Durch die völkerrechtswidrige Bombardierung der Elektrizitäts-, der Wasser- und Wasserreinigungswerke wurde das Gesundheitssystem empfindlichst getroffen. Durch den Ausfall der Elektrizität wurden alle temperaturempfindlichen Medikamente, Blutkulturen und Impfstoffe unwirksam, und die Kranken litten unter der Hitze nach dem Ausfall der Ventilatoren. Es gab kein sauberes Trinkwasser, das Flusswasser war massiv verunreinigt, wurde aber dennoch von den Menschen zum Trinken und Kochen verwandt. Es kam zu massenhaftem Ausbruch von Gastroenteritiden, Typhus, Cholera. 10.000 bis 20.000 Erkrankungen in den ersten 3 Monaten führten bei den Kleinkindern zumeist zum Tod, da den Kliniken Infusionslösungen, Mineralien und Antibiotika fehlten. Viele Eltern brachten ihre sterbenskranken Kinder nicht mehr in die Kliniken, zumal alle Brücken im Land bombardiert worden waren und der Antransport zu den Kliniken sehr erschwert war.

Im Namen der IPPNW führten Kollegen und ich in den ersten Jahren zahlreiche Hilfstransporte mit großen Lastwagen durch. Mit Hilfe finanzieller und auch sachlicher Spenden konnten wir viele Menschenleben retten. In den Kinderkrankenstationen sahen wir die unterernährten bis zu kachektischen Kinder, deren Mütter entweder nicht hatten stillen können oder kein Geld hatten, auf dem Straßenmarkt von Händlern das teure Milchpulver oder Babynahrung zu kaufen. Im Sommer waren ganze Krankensäle mit Masernkindern, die eine Letalität von 30 % hatten, gefüllt. Daneben Bronchopneumonien ohne Anbtibiotika, Bronchiolitis ohne genügend Sauerstoff. Überall verzweifelte Mütter, deren Kinder oftmals zum Weinen zu schwach waren. Viele depressive Kinder mit den großen traurigen Augen.

Die WHO und UNICEF ermittelten für die Jahre 1991 bis 1997 eine halbe Million embargobedingter kindlicher Todesfälle, sowie eine Million größerer Kinder und Erwachsener, die ohne die Sanktionen nicht gestorben wären.

Im Mai 2003, wenige Tage nach Präsident George W. Bushs Verkündung des erfolgreichen Abschlusses des Irakkriegs, war ich zuletzt in Bagdad, diesmal zusammen mit Frau Dr. Angelika Claußen und dem deutsch-irakischen Kinderarzt Dr. med. Zuhair Khanak. Wir brachten viele Medikamente zu einer Ambulanz im Armenviertel Bagdad, Sadr City, wo die deutsche Architektengruppe ("architects for people in need") bemüht war, Gebäude für ambulante Krankenversorgung einzurichten. Wir erlebten hier die Mischung aus Elend, Hoffnung auf Hilfe, Skepsis und religiösen Anspruch und Argwohn gegenüber westlicher Hilfsbereitschaft.

In den Kliniken war die medikamentöse Basisversorgung besser geworden, weil nun die Hilfsorganisationen nicht mehr durch die UN- Sanktionen an den Transporten behindert wurden. Aber Ärzte und Pflegepersonal litten unter den Auswirkungen der Bombardements und z.T. Straßenkämpfe, den Plünderungen, der großen Unsicherheit, dem Fehlen von sauberem Wasser, stabiler Elektrizität und damals auch von Gehaltszahlungen.

Wie ist die Gesundheitsversorgung jetzt im Mai 2005 ? Ganz allmählich kommt das irakische Gesundheitsministerium in die Lage, die Krankenhäuser mit Medikamenten und dem Notwendigsten zu versorgen. Aber sowohl die Kliniken in Bagdad, als auch in Kerbela, Basra und sogar in Mosul haben nur die Basismedikamente, wohingegen die teureren und insbesondere die Chemotherapie zur Behandlung kindlicher Leukämien und anderer Krebserkrankungen weitgehend fehlen, bzw. nur von den humanitäten Hilfsorganisationen, so auch von unserer IPPNW erhalten. Die Chefärztin der Kinderonkologie im Ibn Ghazwan Mother-Child Hospital in Basrah berichtete uns, dass sie seit März 2003 keine Anti-Krebsmittel von der Regierung erhalten habe, nur von Hilfsorganisationen, besonders der "Gesellschaft für Österreichisch- Arabische Beziehungen" ("Aladins Wunderlampe" , Frau Dr. Eva-Maria Hobiger) aus Wien. Von der Kinderonkologie im Al-Mansour Hospital in Bagdad erhalten wir immer wieder dringende e-mail Bitten um diverse Medikamente, und noch vor wenigen Wochen mussten wir Tausende Kanülen, Spritzen, Urinbeutel etc. schicken. Dies geschieht jetzt wegen der großen Gefährdung von Europäern im Irak entweder als Begleitpakete mit deutsch- irakischen Ärzten, die zu Familienbesuchen in den Irak reisen, oder mit Eltern von in Deutschland operierten Kindern auf deren Rückweg in ihre Heimat. Vor einem Monat haben wir besonders dringlich angeforderte Medikamente sogar per Spedition über Dubai senden können/müssen.

Seit knapp zwei Jahren haben wir 35 irakische Kinder zu Operationen in deutsche Kliniken bringen können, was ohne die tatkräftige Hilfe des Frankfurter Kinderarztes Dr.med. Jabbar Said-Falyh nicht möglich gewesen wäre. Die Kosten für Visa, Versicherungen, Transport, Unterbringung der jeweiligen Begleitperson, ferner Krankenhauskosten (viele werden uns auch erlassen) und vieles mehr bezahlen wir aus dem Spendenkonto der "IPPNW-Kinderhilfe Irak" ( Konto bei der Stadtsparkasse Gaggenau, Kto 50264639, BLZ 66551290). Es handelt sich bei den Kindern sowohl um Kriegsverwundungen, als auch um dringend operationsbedürftige Erkrankungen, die alle im Irak als Folge von 14 Jahren Embargo und zwei Kriegen nicht durchgeführt werden können. Es fehlen die notwendigen Apparate und die fortgebildeten spezialisierten Fachärzte.

Die Fortsetzung unserer und anderer westlicher humanitärer Hilfen ist dringend notwendig. Die meisten Kinder Iraks sind seelisch belastet, z.T. stark traumatisiert. Nun ist es notwendig, dass man sie und ihre Eltern nicht weiterhin in ihrer Not allein lässt. Unsere Hilfen sind zwar humanitär-ärztlich motiviert, aber dienen gleichzeitig der Versöhnung, dem Abbau von feindlichen Gefühlen sowohl zwischen den Religionen, als auch der Kultur und den Ethnien. Mit unseren Hilfen für die Kinder in den deutschen und irakischen Kliniken erzeugen wir große Dankbarkeit bei den Kindern und Eltern, aber auch den Clans. Damit leisten wir auch auf diesem Weg ein wichtiges Stück Friedens- und Versöhnungsarbeit.

Prof.Dr.med.Ulrich Gottstein, IPPNW.

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Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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