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Aus IPPNW-Forum 92/05

Umweltmedizin für irakische Ärzte

Sommerschule in Amman

Hauptziel der Sommeruniversität war es, einen Einblick in die neuesten Fortschritte der Methoden für epidemiologische Studien zu geben und Rahmenbedingungen für weitere Schritte hin zur Durchführung von eigenen wissenschaftlichen Studien im Irak zu schaffen. Diese sollten besonders darauf ausgerichtet sein, sich mit den dringlichsten und von den Teilnehmern aus dem Irak identifizierten Umweltthemen zu befassen.

Im Mittelpunkt der Sommeruniversität standen die Ermittlung von Strahlungsbelastung durch epidemiologische Studien sowie durch andere Methoden und Fragen nach deren Anwendung in der ökologischen Epidemiologie. Dies schloss das Zurückgreifen auf internationale Datenquellen, wie zum Beispiel auf das deutsche Kinderkrebsregister (GCCR) und Projekte zur Registrierung erblich bedingter Missbildungen in Deutschland, einschließlich des Mainzer Modells und der Registrierung von Geburten in Mecklenburg-Vorpommern, ein. Bei der Auswahl ihrer jeweiligen Referenzen und Beispiele konzentrierten sich alle Vortragenden auf im Internet weltweit zugängliche Daten, um den Zugang ihrer irakischen Kollegen zu diesen Informationen bei eigenen epidemiologischen Studien sicherzustellen.

Die Teilnehmer aus Basra signalisierten schon vor Beginn der Sommeruniversität ihr besonderes Interesse an der Ermittlung von Strahlungsbelastung im Bereich der Ionisierung von radioaktiver Bestrahlung. Die einschlägigsten Gesichtspunkte dieser Thematik wurden deshalb in speziellen Vorträgen von Dr. Axel Gerdes (Themen wie Stichproben und das Messen von Radionukliden einschließlich abgereicherten Urans) und Heike Schröder (die Anwendung von biologischen Merkmalen in epidemiologischen Studien) behandelt.

Da es ein wesentliches Ziel der Sommeruniversität war, Rahmenbedingungen für weitere Forschungsprojekte im Irak zu schaffen, wurde den Berichten zur Situation im Irak große Bedeutung zugemessen. Einige der Teilnehmer stellten während der zweiten Woche kurze Berichte vor oder hielten Vorträge, die in Tabellen, Schaubildern und Photographien Ausgangsdaten enthielten. In diesen Präsentationen schilderten die Teilnehmer im Detail die Situation in den Krankenhäusern von Basra. Sie berichteten über klinische Merkmale von spezifischen und seltenen Erkrankungen, die sie dort beobachteten und legten die Anzahl der Erkrankungen an einem spezifischen Krebs, der in verschiedenen Institutionen diagnostiziert und behandelt wurde, vor. Umweltthemen wurden von Wissenschaftlern aus Bagdad, die im Bereich der Umweltüberwachung aktiv sind, vorgestellt. Ein Physiker aus Basra berichtete über Messungen an mit abgereichertem Uran verseuchten Panzerwracks in der Umgebung von Dörfern und im Stadtumland von Basra, die er selbst durchgeführt oder betreut hatte.
Während der letzten beiden Tage arbeiteten die Teilnehmer der Sommeruniversität sowie die Vortragenden in kleinen Gruppen zusammen, um Konzepte für zukünftige Forschungsprojekte zu Gesundheitsthemen im Irak zu entwickeln.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Ein wichtiger Bestandteil der Sommeruniversität war, dass die irakischen Teilnehmer ihre Kontakte zur internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft wieder aufbauen konnten. Diskussionen nach den Vorträgen, viele bilaterale Gespräche sowie die Planung von zukünftigen Projekten in den Gruppen machten den Teilnehmern Mut in bezug auf ihre eigene wissenschaftliche Arbeit. Außerdem bot die Sommeruniversität eine hervorragende Gelegenheit, um die neuesten methodologischen und analytischen epidemiologischen Methoden und Erkenntnisse, die für die behandelten Themengebiete von Relevanz waren, zu übermitteln.

Die Präzisierung der Forschungsfragen zur Gesundheitssituation im Nachkriegsirak, die Aufnahme eines gegenseitigen Austausches und die Formulierung von Voraussetzungen für eine zukünftige Kooperation zwischen den beteiligten Universitäten können als Erfolge der Sommeruniversität verzeichnet werden. Die Unterzeichnung eines "Briefes zur Verständigung" durch die ihre Heimatuniversität vertretenden Teilnehmer (einschließlich der Universitäten von Bagdad, Basra und Erbil) und die Vortragenden der Universitäten von Greifswald und Bremen stellt ein weiteres Resultat dar.

Ein anderes wichtiges Ergebnis dieser Sommeruniversität war der Entwurf eines Projektes zur Erforschung von Erkrankungen, die möglicherweise durch die Umweltverschmutzung in der Region um Basrah verursacht wurden. Es ist geplant, den Datenbestand einer klinischen Registrierung von Krebsfällen heranzuziehen, um zwei Kontrollstudien - eine zu Leukämie und eine zu Brustkrebs bei jungen Frauen -, die sich auf die Krankheitsfälle in der Bevölkerung stützen, zu konzipieren. Bei beiden dieser Erkrankungen wurde in der Region um Basra in den letzten Jahren ein beunruhigender Zuwachs an auftretenden Krankheitsfällen beobachtet. Um potentielle die Umwelt betreffende Risikofaktoren zu identifizieren, wird geplant, Daten ausgewählter früherer Datenbeständen von Umweltmessungen (Boden, Wasser etc.) zu verwenden. Es ist außerdem notwendig, die Verseuchung der Umwelt durch abgereichertes Uran zu untersuchen. Da genaue Messungen von abgereichertem Uran im Irak derzeit nicht durchgeführt werden können, wird die Zusammenarbeit mit Prof. Axel Gerdes der Universität Frankfurt am Main besonders förderlich sein.

Besonders eine Gruppe (hauptsächlich bestehend aus Physikern, Ökologen und Krebsforschern) diskutierte über den Wiederaufbau eines Umweltüberwachungssystems im Irak. Das Konzept für dieses System basiert auf der Idee, eine begrenzte Anzahl von ökologischen Parametern zu überwachen, um eine Datenbank zu erstellen, die dann bei epidemiologischen Umweltstudien als Informationsquelle zu potentiellen Risikofaktoren verwendet werden kann. Die Gruppe beschloss, sich auf die Kontrolle von Schadstoffen zu konzentrieren, die mit Erkrankungen wie Krebs und erblich bedingten Missbildungen in Verbindung gebracht werden. Sie wählte folgende Substanzen aus:

  • Schwermetalle (Blei, Chrom, Kadmium)
  • Phenol und chloriertes Phenol
  • Öl und Fett
  • Abgereichertes Uran

Ökologische Parameter, die zuerst überwacht werden sollen, sind:

  • Wasser (Leitungswasser, Grundwasser, Oberflächenwasser)
  • Luft (solide Aerosole, Schwermetalle)


Die zweite Gruppe (hauptsächlich Ärzte aus Basra) entwickelte ein Konzept für die Registrierung von Krebsfällen in der Bevölkerung der Provinz von Basra (Südirak). Dies sollte ein Anstoß für andere Provinzen im Irak sein, in gleicher Weise eine Registrierung vorzunehmen. Die Krebsregistrierung soll alle Fälle von Krebs einschließen, die in der Bevölkerung der Provinz von Basra auftreten. Als Primärquellen für die Erfassung von Krankheitsfällen werden alle Krankenhäuser, Gesundheitszentren und Privatpraxen sowie alle Praxen von Hämatologen, Onkologen und Pathologen miteingeschlossen werden. Dieses Modell zur Krebsregistrierung ist als Datengrundlage für ökologische und analytische epidemiologische Studien vorgesehen. Es ist unbedingt notwendig, aktuelle Entwicklungen der Morbidität und der Mortalität in der Bevölkerung sowie die Überlebensrate der Patienten zu beobachten und in einem Format aufzunehmen, das einen Vergleich mit internationalen Zahlen erlaubt.

 


Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, Institut für Community Medicine Abt. Versorgungsepidemiologie und Community Health, Ernst-Moritz-Arndt Universität, Greifswald,
Übersetzung: Nadine Bader

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Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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