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Neues Rehabilitationszentrum nahe Mossul

Die Jiyan Foundation hilft traumatisierten Opfern vor Ort

Blutvergießen und Verzweiflung: Die Flucht vor der Schlacht um Mossul

Als der so genannte Islamische Staat (IS) 2014 die Stadt Mossul, Sinjar und die Nineve Ebenen angriff, wurden binnen weniger Wochen etwa eine Million Menschen vertrieben. Seit Oktober 2016 verschlechterte sich die Situation zunehmend, als die irakische Armee, Peschmerga-Truppen, verbündete Milizarmeen und die internationale Koalition eine Militäroperation begannen, um Mossul zurückzuerobern. Die Zahl der sicherheitsrelevanten Vorfälle hat sich vervierfacht, was zu großflächigen Zerstörungen und Vertreibungen der Zivilbevölkerung führte.

Nach Angaben des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) haben die Kämpfe in und um Mossul mehr als 340.000 Menschen vertrieben. Die jüngsten Versuche Westmossul zu befreien sorgen dafür, dass durchschnittlich 5.000 Menschen täglich in die nahegelegenen Flüchtlingslager strömen. Die Lager sind bereits am Rande ihrer Kapazitäten angelangt, doch lediglich 40% der Binnenvertriebenen (IDP‘s) finden überhaupt Obdach in Flüchtlingslagern. Etwa 30% leben in privaten Wohnungen oder Haushalten und 20% in inoffiziellen Siedlungen sowie Bauruinen oder Schulen.

Das Ninive-Gouvernement, eine multiethnische und religiös diverse Provinz, bekannt für antike Stätten und ihre Kulturgeschichte, beherbergt aktuell die größte Anzahl an Binnenflüchtlingen. Die Gesamtzahl der Menschen in Not liegt bei fast 3,3 Millionen, einschließlich derer, die in den Konfliktzonen leben, der Flüchtlinge und der aufnehmenden Gemeinde. Die Bedürfnisse der Menschen vor Ort sind zwar sehr unterschiedlich, doch gibt es einen hohen Bedarf an medizinischer Versorgung und psychologischer Fürsorge.

Aus diesem Grund eröffnet die Jiyan Foundation ein neues Rehabilitationszentrum für traumatisierte Personen und Not leidende Familien in Alqosh, einer assyrischen Ortschaft nördlich von Mossul. Das Zentrum wird unterstützt von den Johannitern und der Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen Union.

Eindrücke aus den Camps Hasansham und Debaga

Die Jiyan Foundation ist in zwei Lagern für Vertriebene aus Mosul und Umgebung tätig. Das Hasansham-Lager, 30 Kilometer von Mosul in der Ninive-Provinz gelegen, gilt als Hochrisiko-Lager. Im März 2017 lebten dort mehr 8.700 Menschen. Das Lager Debaga im Süden Erbils, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistans, beherbergt mehr als 13.000 Menschen. In Absprache mit anderen Organisationen macht sich ein Team, bestehend aus einem Mediziner, einem Pharmazeuten und ein bis zwei Psychotherapeuten, zweimal wöchentlich auf den Weg in diese Lager. Traumatisierte Gewaltopfer bekommen dort kostenlose medizinische und psychologische Versorgung. Die Jiyan Foundation konnte in Hasansham schon mehr als 1.000 Patienten mit physischen und psychologischen Problemen feststellen.

Das Vertrauen der Patienten zu gewinnen und das Stigma, das Psychotherapie umgibt, zu brechen ist jedoch keine einfache Aufgabe: “Psychotherapie ist kein Teil der hiesigen Kultur. Es gilt als Schande, sollte man psychologische Beratung benötigen. Die Leute wollen einfachere Lösungen (Wie eine Pille). Sie sind enttäuscht darüber, dass Therapie bedeutet, dass man an sich selbst arbeiten muss“, sagt Yousif, einer der Psychotherapeuten. Trotz alledem ist der Bedarf an Hilfe überwältigend. Die Jiyan Foundation betreut in beiden Lagern täglich bis zu 70 Patienten medizinisch und zwischen sechs bis acht psychologisch. Die Patienten werden unabhängig ihre Alters, Geschlechts, Nationalität oder Glaubens behandelt.

Fallstudie: Depressionen und posttraumatischer Stress nach der Flucht aus Mossul

Ahmed ist 29 Jahre alt und lebt derzeit im Hasansham Lager zusammen mit seiner Mutter und einem seiner Brüder. Letztes Jahr floh er vor dem IS aus seiner Heimatstadt Mossul. Auf der Flucht wurde die Familie voneinander getrennt. Ahmeds Vater und einer seiner Brüder haben es nicht aus Mossul heraus geschafft. Ahmed und seinem jüngeren Bruder gelang jedoch die Flucht. Ihre behinderte Mutter trugen sie auf den Schultern. Mittlerweile teilen sie sich ein Zelt in Hasansham. Die beiden Brüder können ihre Mutter nicht unbeaufsichtigt lassen, da sie rund um die Uhr Hilfe benötigt.

Ahmed leidet sehr unter der Trennung von seiner Familie und der Situation im Lager. Vor drei Wochen bekam er einen niederschmetternden Anruf. Sein Bruder ist während einer Auseinandersetzung zwischen dem IS und der Koalition ums Leben gekommen. Die Nachricht hat ihn zutiefst erschüttert. Ahmed fühlt sich verantwortlich und ist zunehmend besorgt um die Sicherheit seines Vaters. Ahmed  verzweifelte so sehr, dass er bereits zwei mal versuchte, sich das Leben zu nehmen. Sein Bruder brachte ihn nach den beiden Suizidversuchen in das Zentrum. Ahmed wirkte ermüdet und traurig. Die Therapeuten haben eine schwere Depression festgestellt sowie eine posttraumatische Belastungsstörung. Ein Psychiater hat ihm Psychopharmaka verschrieben und er begann seine Psychotherapie. Um den Familienzusammenhalt zu stärken, sind Ahmeds Mutter und Bruder häufig in die Sitzungen involviert. Erste Fortschritte sind bereits sichtbar: Ahmeds Suizidgedanken sind verschwunden und er fängt an positiv zu denken. Weitere Sitzungen sind aber selbstverständlich notwendig, damit er mit diesem Trauma umzugehen lernt.

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Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

Materialien


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