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Zum Tode von Michi Roelen

Von Dr. Ulrich Fegeler

Am 23. November 2017 starb Michael Roelen (Michi), knapp ein Vierteljahr vor seinem 82. Geburtstag. Michi Roelen hat die Deutsche Sektion der IPPNW mitgegründet, war viele Jahre lang ihr spiritus rector, punctum movens, Pressesprecher und zuletzt Geschäftsführer. Ohne sein nachhaltiges Wirken gäbe es die Deutsche IPPNW nicht in der erfolgreichen Form, in der sie heute auftritt.

Um Michi gerecht zu werden und ihn zu würdigen, müssen wir bei seinen Wurzeln beginnen. Er wurde 1936 in Frankfurt am Main geboren. Er machte in Frankfurt eine Ausbildung zum Handelskaufmann und wechselte in den frühen 60er Jahren nach West-Berlin, da er sich erhoffte, sich hier am politischen Leben besser beteiligen zu können.

In Berlin arbeitete er zunächst in einer Werbeagentur. Er kam in Berührung mit vielen kreativen Menschen, u. a. Künstlern, die es damals in die Toscana zog. Daraus entwickelte sich eine starke Affinität zu Italien, die ihn Zeit seines Lebens begleitete. Seine herzliche, warme Freundlichkeit öffnete auch die Herzen der italienischen Bevölkerung und es war kein Wunder, dass er in der Region als „Michi di Mugello“ bekannt war, benannt nach dem Tal in der Nähe von Florenz.

In der Toscana lernte er die anästhesiologische Assistenz-Professorin Barbara Hövener kennen, seine spätere Ehefrau. Barbara war eine überzeugte Aktivistin aus der damaligen vielströmigen  politischen Linken und diskutierte mit ihm über die Voraussetzungen zu einer gerechten Gesellschaft, einer friedlichen Welt ohne Hass und Rassismus und vor allem ohne Waffen. Die zunehmenden Umweltschäden erkannten beide als Folge einer rücksichtlosen Ausbeutung und Haltung gegenüber der Natur mit der Inkaufnahme einer Verschlechterung der menschlichen Lebensbedingungen. Sie kämpften alsbald gemeinsam in der sich entwickelnden grün-alternativen Bewegung und waren u.a. erfolgreich in der Verhinderung des Baus eines Kohlekraftwerks im Spandauer Forst. 40.000 Bäume sollten dafür gefällt werden.

Kein Wunder, dass Michi sich der Idee eines nicht nur spontanen und punktuellen, sondern grundsätzlichen politischen Kampfes für den Erhalt der Umwelt öffnete und zu den Gründungsmitgliedern der Alternativen Liste in Berlin wurde. Er hatte ein natürliches Organisationstalent und ohne ihn wäre die AL vielleicht schon bald wieder Geschichte gewesen. Er gründete und bewirtschaftete die „Igel-Kneipe“, die nicht nur Kneipe, sondern Treffpunkt, Sitzungs- und Veranstaltungsort der Berliner AL wurde, ein Zentrum der (West-)Berliner Linken.

Die Ende der 70er Jahre geplante nukleare Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben bedeutete für Michi eine inhaltliche Neuausrichtung. Viele politische Gruppen erkannten die geplante Errichtung einer nuklearen Wiederaufbereitung als letztes in Deutschland noch fehlende Glied im Kernbrennstoffkreislauf und damit als unerschöpfliche Quelle für die Entnahme und Konzentrierung von waffentauglichem Plutonium. Nur über eine Wiederaufbereitungsanlage konnten eigene Atomwaffen hergestellt werden. Auch unter den politisch aktiven Ärzten wurde Gorleben diskutiert und es formierte sich Widerstand.

Barbara und Michi riefen 1979 mit einigen Mitstreitern zur Gründung der Berliner Ärzteinitiative gegen Atomenergie auf, die rasch wuchs und bald mehrere 100 Mitglieder zählte. Nicht nur in Berlin, auch in Hamburg und München, aber auch anderorts entstanden ähnliche Ärzteinitiativen und bald wurde mithilfe von Michis Organisationsgenie ein erster Kongress 1981 in Hamburg („Die Überlebenden werden die Toten beneiden“) und 1982 in Berlin („Medizin und Atomkrieg – hilflos?“) abgehalten. Das Interesse an der Veranstaltung für die Öffentlichkeit auf dem Berliner Kongress war so groß, dass sie wegen des überbordenden Andranges von über 4.000 Zuhörern wiederholt werden musste.

Angesichts des damals für möglich gehaltenen Atomkrieges erkannten viele Ärzte, dass die Medizin zunehmend von der Politik instrumentalisiert wurde, da diese propagierte, dass die Folgen eines Atomkrieges mit den Mitteln der Medizin (Katastrophenmedizin) reduzierbar wären. Die Ärzte schlossen sich weltweit in wachsender Zahl hinter der Einsicht "Wir werden Euch nicht helfen können" zusammen, weil sie die Folgen eines Atomkrieges als das Ende der Zivilisation, ja vielleicht der gesamten Menschheit erkannten. Stellvertretend für die vielen Tausend zum Teil noch heute hoch engagierter Kolleginnen und Kollegen, die über ihre vielfältigen beruflichen und politischen Kontakte in der damaligen Bundesrepublik selbst, aber auch international eine sich schnell ausbreitende Vernetzung ähnlich besorgter Ärzte erreichten, seien an dieser Stelle der Gießener Psychiater Horst-Eberhard Richter und der Frankfurter Internist Ulrich Gottstein genannt.

Auf Initiative des US-Kardiologen Bernard Lown und des UdSSR-Kardiologen Jewgeni Tschasow wurde im Dezember 1980 die IPPNW gegründet. Bei der im Februar 1982 gegründeten Deutschen Sektion der IPPNW war Michi bereits aktiv beteiligt. Im Rahmen der sich entwickelnden vielfältigen regionalen und internationalen Aktivitäten avancierte Michi zu einer zentralen Organisationsinstanz der ärztlichen Anti-AKW- und Anti-Atomkriegs-Gruppen sowohl in Westdeutschland als auch international.

So wurde er auf dem zehnten Internationalen IPPNW-Kongress in Stockholm 1991 für seine grundlegenden Arbeiten zur internationalen Kooperation der IPPNW-Sektionen mit dem Albert-Schweitzer-Peace-Achievement-Award der IPPNW geehrt.

Zehnter Internationaler IPPNW-Kongress. Foto: IPPNW
Zehnter Internationaler IPPNW-Kongress, Stockholm 1991. Foto: IPPNW

Ab 1982 führte Michi die Redaktion des IPPNW-Rundbriefes über 13 Jahre in öffentlichen Sitzungen bei gutem, selbstgekochten Essen mit reichlich Wein. Der IPPNW-Gründer Bernard Lown nannte den Rundbrief einmal die "weltbeste Ärztezeitschrift zur Verhütung des Atomkrieges". Zuletzt hatte der Rundbrief eine Auflage von 15.000 Exemplaren.

Damals war der Frieden in der Welt durch die NATO-Nachrüstung mit Pershing-Raketen (Kurz- und Mittelstrecken-Raketen) als sogenannte Antwort auf die in der damaligen DDR und anderen Ostblock-Staaten stationierten SS20-23 Raketen in Gefahr. Diese Raketen konnten wechselseitig in kürzester Zeit Stellungen der Gegenseite mit Atomwaffen erreichen, die Schwelle zu einem Atomkrieg zwischen den damaligen großen Militärbündnissen wurde hierdurch extrem gesenkt.

1984 erhielt die IPPNW für ihre brückenschlagenden Friedensaktivitäten den UNESCO-Friedenspreis und 1985 den Friedensnobelpreis. In dieser Zeit entstanden wesentlich durch Michis Initiative Kontakte zur DDR-Friedensbewegung und zum Neuen Forum, die vor der Wende noch konspirativ waren, nach der Wende zur Verschmelzung der DDR-Friedensärzte und der bundesrepublikanischen Sektion zu „Deutschen IPPNW – Ärzte in sozialer Verantwortung“ führten. Michi erreichte in der Zeit vor der Wende vieles, was eigentlich als unmöglich galt, z.B. der DDR-Friedensbewegung einen modernen Kopierer und Druckmaterial zu verschaffen.

1991 holte Michi die Geschäftsstelle der IPPNW aus Heidesheim in eine ehemalige typische Berliner Hinterhoffabrik in Kreuzberg in die Körtestraße, wo sie heute noch besteht.

Nachdem er vorher Pressesprecher der West-Deutschen IPPNW-Sektion war (1990-93), wurde er von 1993 bis 1996 Geschäftsführer.

Michis immerwährendes Anliegen einer Aufarbeitung des Verhältnisses von Nationalsozialismus und Medizin fand im ersten Kongress „Medizin und Gewissen“ in Nürnberg eine erste Realisierung. Bis heute gibt es vier weitere Kongresse zu diesem Thema.

Zum zehnten Jahrestag der IPPNW Deutschland organisierte Michi erneut einen großen Kongress mit über 3.000 Teilnehmern in Berlin. Als Hauptredner konnte er Willy Brandt gewinnen. Er referierte über die damalige Sicherheitslage. Anschließend versorgte Michi Willy Brandt mit einer guten Flasche Rotwein.

Michi war nach Auskunft der Mitarbeiter immer ein guter Chef und Anleiter, er war umsichtig und großzügig in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen in der Geschäftsstelle. Sein unerschütterlicher Optimismus, seine menschliche Wärme, sein immer vorhandenes leichtes Lächeln, seine immerwährende Gesprächsbereitschaft, sein Vertrauen in den anderen waren unverwechselbare Eigenschaften.

Die Geschäftsstelle entwickelte sich unter Michi zu einem soliden Bezugspunkt mit bis heute reichender nachhaltiger Wirkung, im Übrigen nicht nur für die deutsche, sondern auch internationale IPPNW und andere Friedensgruppen. Während seiner Tätigkeit machte er viele Veröffentlichungen der IPPNW möglich. Alle diese für den Erfolg und das Ansehen der deutschen IPPNW-Sektion maßgeblichen Arbeiten und Tätigkeiten übte Michi über viele Jahre ehrenamtlich aus, hauptamtlich war Michi erst seit 1993 tätig. Michi kann sicher als einer der entscheidenden Architekten und Baumeister der Deutschen IPPNW benannt werden. Wir schulden ihm größten Dank und Respekt.

Bernard Lown schrieb 1991 über Michi Roelen: „… we owe you our deepest thanks for you have rekindled the inner light of many engaged in this timing struggle. May you continue to be a source of inspiration to physicians and healthworkers around the world“.

Das gilt nach wie vor.


Dr. Ulrich Fegeler

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