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2022

IPPNW-Chronik

Februar: Am 27. Februar 2022 organisierte die IPPNW im Bündnis mit Campact, Greenpeace, den Gewerkschaften und weiteren Friedensinitiativen eine große Demonstration in Berlin. Hunderttausende schlossen sich dem Protest unter dem Motto „Stoppt den Krieg! Frieden für die Ukraine und ganz Europa“ an. Die IPPNW stellte mit dem IPPNW-Vorsitzenden Dr. Lars Pohlmeier einen Redner und versammelte sich in einer Gruppe von Ärzt*innen hinter einem Banner „No war in Europe – Stop a humanitarian disaster“. Weitere Demonstrationen für Frieden und Solidarität für die Menschen in der Ukraine, an denen die IPPNW maßgeblich beteiligt war, fanden am 13. März 2022 in Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Leipzig statt.

Knapp 300 Mediziner*innen aus Europa und anderen Teilen der Welt haben im Februar vor Kriegsbeginn den Appell „Kein Krieg in Europa!“ veröffentlicht, und dazu aufgerufen, einen Krieg zwischen Russland und der NATO in Europa zu verhindern. Die IPPNW warnte vor einer humanitären Katastrophe in Folge eines Krieges und rief alle Konfliktparteien dazu auf, die Diplomatie der Eskalation vorzuziehen.

März: Am 25. März organisierte die IPPNW einen Friedensblock beim globalen Klimastreik in Berlin. Hinter dem Slogan „Deeskalieren und Abrüsten – Klimaschutz geht nur gemeinsam“ versammelten sich 13 Friedensorganisationen und streikten mit den Fridays For Future für Klimagerechtigkeit und Frieden.

Die russische und die ukrainische Sektion der IPPNW veröffentlichten am 17. März eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprechen und vor einer weiteren Eskalation bis hin zum Atomkrieg warnen. Die Erklärung vereint die Mediziner*innen über die Kriegsgrenzen hinweg und baut auf dem Grundsatz der ärztlichen Pflicht, Menschen gleichberechtigt und ohne Vorurteile zu helfen. Sie betont zudem die tiefe Verbindung zwischen Russland und Ukrai-ne: familär, kulturell und ökonomisch.

April: Zum Abschluss der Kampagne #GleichBeHandeln übergaben Vertreter*innen von 80 zivilgesellschaftlichen Organisationen, darunter die IPPNW, über 26.400 Unterschriften für einen „Arztbesuch ohne Angst vor Abschiebung“ an die Abgeordneten der Regierungsfraktionen in Berlin. Mit der Petition forderten die Unterstützer*innen mehrere hunderttausend Menschen nicht mehr von der Gesundheitsversorgung auszuschließen, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in Deutschland leben.

Der IPPNW-Jahreskongress stand ganz im Zeichen des Überfalls von Russland auf die Ukraine. Etwa 150 IPPNW-Mitglieder trafen sich vom 29. April bis 1. Mai 2022 in Hamburg das erste Mal seit 2019 wieder in Präsenz und genossen den persönlichen Austausch und die Begegnungen. Verabschiedet wurde die Hamburger Erklärung „Im Sturm den Friedenskurs halten“. Darin fordert die IPPNW die Bundesregierung auf, die Anstrengungen für eine Waffenruhe in der Ukraine ins Zentrum des politischen Handelns zu stellen.

Juni: Am 3. Juni 2022 protestierte die IPPNW im Bündnis mit mehreren Friedensorganisationen gegen die Verabschiedung des Sondervermögens vor dem Bundestag, am 10. Juni 2022 vor dem Bundesrat.

Vom 21. bis 23. Juni 2022 beteiligte sich eine deutsche IPPNW-Delegation an der ersten Staatenkonferenz zum Atomwaffenverbotsvertrag in Wien, um für einen deutschen Bei-tritt zum UN-Vertrag für ein Atomwaffenverbot zu werben. Deutschland hat den Vertrag nicht unterzeichnet, nahm aber wie Belgien, die Niederlande und einige weitere Staaten als Beobachterin an der Konferenz teil. Die 62 Vertragsstaaten verabschiedeten einen kleinschrittigen Aktionsplan mit dem Ziel einer atomwaffenfreien Welt.

Rund 100 Aktivist*innen von IPPNW und ICAN haben vom 5.-10. Juni 2022 am US-Atomwaffenstützpunkt im rheinland-pfälzischen Büchel gegen die geplante nukleare Aufrüstung und für den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland demonstriert. Es fanden kreative Protestaktionen mit Vorträgen, Workshops, einer Moselrundfahrt, Musik und einer Theatervorführung statt.

40 Jahre IPPNW: Unter dem Motto „Ärztliche Verantwortung für eine Welt in Frieden“ feierten über 160 Menschen vom 17. bis 19. Juni 2022 das IPPNW-Jubiläum mit einem dreitägigen Kongress in Landsberg am Lech. Der Kongress verabschiedete das Landsberger Memorandum, das ein Ende der nuklearen Geiselhaft und den rechtsverbindlichen Verzicht Russlands und der USA auf einen Ersteinsatz von Atomwaffen fordert.

Juli: Am 2. Juli 2022 beteiligte sich die IPPNW an der bundesweiten Demonstration „Zivile Zeitenwende“ in Berlin. Nach Angaben der Veranstalter demonstrierten 4.000 Menschen gegen das 100-Milliarden-Aufrüstungspaket für die Bundeswehr.

Am 27. Juli 2022 veröffentlichte die IPPNW die erste Auflage des IPPNW-Papiers „Waffenstillstand und Frieden für die Ukraine“. Es gibt einen Überblick über bestehende Vorschläge und mögliche Schritte, den Krieg in der Ukraine durch Diplomatie statt durch Waffen zu beenden. Das Papier soll einen Beitrag zu einer konsequenten Suche nach friedlichen Mitteln zur Konflikttransformation leisten.

August: Laut einer neuen globalen Studie könnten durch einen Atomkrieg zwischen den USA und Russland mehr als fünf Milliarden Menschen an Hunger sterben. Klimawissenschaftler*innen der Rutgers-Universität berechneten, wie viel Ruß durch die Feuerstürme in Folge der Detonation von Atomwaffen in die Atmosphäre gelangen würde und welche Konsequenzen dies auf die Lebensmittelversorgung weltweit hätte. Im August veröffentlichte die IPPNW die Studie „Nukleare Hungersnot“, die die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen zum Thema Atomkriegsfolgen auf das Klima zusammenfasst.

September: Der AK Geflüchtete und Asyl entwickelte in einem Strategieworkshop seine Arbeit zum Thema Abschiebungen aus stationärer Behandlung weiter und vernetzte sich mit weiteren Akteuren. Ziel war die Aufklärung von Klinikpersonal über ihre Rechte und Möglichkeiten in Abschiebesituationen sowie die Systematisierung von Daten, um auf politischer Ebene fundierter für ein Verbot von Abschiebungen im Kontext stationärer Behandlung zu streiten.

Oktober: Im Oktober beteiligte sich die IPPNW zudem an einer Aktion vor dem Bundesparteitag der Grünen in Bonn gegen den Kauf der F35-Atombomber.

Unter dem Motto „Atomkraft: Raus! Uranfabriken: Schließen! Energiewende: Jetzt!“ fand am 1. Oktober eine Demonstration in Lingen gegen Laufzeitverlängerungen, Urangeschäfte mit Russland und den Weiterbetrieb der Lingener Brennelementefabrik statt. Der Demo waren mehrere Proteste gegen Urantransporte aus Russland nach Lingen vorausgegangen. In einem Statement der IPPNW stellte Angelika Claußen klar, dass Atomkraft sowohl zivil wie militärisch eine Hochrisikotechnologie darstellt.

Vom 3. bis 14. Oktober empfing die IPPNW zum zweiten Mal Menschenrechtsaktivist*innen aus den Bereichen Gesundheitswesen, Justiz, Sozialarbeit, Kinder und Frauenrechte aus dem Südosten der Türkei in Berlin, Braunschweig und Köln. Neben einem Fachtag zum Thema Traumaarbeit und zur psychosozialen Versorgung von Folterüberlebenden, waren die Themen Gewalt gegen Frauen, Repression in der Türkei, die Situation von Geflüchteten an der Grenze zum Iran und die Handlungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft Themen der Podiumsdiskussionen.

75 Jahre nach der Urteilsverkündung im Nürnberger Ärzteprozess fand vom 21. bis 23. Oktober der sechste internationale IPPNW-Kongress „Medizin und Gewissen“ in Nürnberg statt. Das Kongressthema „LebensWert“ spannte den Bogen von einer „Medizin ohne Menschlichkeit“ hin zu ethischen Diskussionen in der Gesundheitsversorgung der Gegenwart und aktuellen Herausforderungen wie planetaren Grenzen und den ökologischen Folgen von Krieg und Klimakrise. An der Konferenz nahmen rund 200 Personen teil, darunter fast 40 Medizinstudierende.

November: Die IPPNW unterstützte gemeinsam mit mehreren hundert Organisationen das internationale Statement gegen Atomkraft anlässlich der Klimakonferenz COP27 und stellte damit erneut klar: Atomkraft ist keine Lösung für die Klimakrise.

Dezember: Im Dezember entschieden der Verteidigungs- und der Haushaltsausschuss des Bundestags über den Kauf von atomwaffenfähigen F-35-Tarnkappenjets des US-Rüstungsherstellers Lockheed Martin. Gegen diese Entscheidung und auch gegen die Stationierung von neuen US-Atomwaffen B61-12 in Deutschland ab 2023 organisierte die IPPNW mit anderen Initiative eine Fotoaktion vor dem Bundestag.

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Meilensteine der IPPNW-Arbeit

    • 1985: Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW für das Engagement gegen Atomwaffen

    • 1986: Der Präsident der Sowjetunion Michael Gorbatschow verlängert das einseitige Atomtestmoratorium aus dem Jahr 1985 mehrfach. Die Ko-Präsidenten der IPPNW, Bernhard Lown und Evgeny Tschasow trafen sich mehrfach mit Michail Gorbatschow und halfen dabei, ihn davon zu überzeugen, das einseitige Moratorium der Sowjetunion für Atomwaffentests zu verlängern.

    • 1991: Während des Golfkrieges entsendet die IPPNW-Vertreter*innen, die die gesundheitlichen Auswirkungen des Krieges öffentlich machen, sich für den Frieden einsetzen und Tonnen von Medikamenten und Nahrungsmitteln liefern.

    • 1993: Nach langer Lobby-Arbeit der IPPNW verabschiedet die 46. Weltgesundheitsversammlung die Resolution "Auswirkungen von Atomwaffen auf Gesundheit und Umwelt". Darin wird die WHO beauftragt, beim Internationalen Gerichtshof ein Gutachten über den Rechtsstatus der Androhung und des Einsatzes von Atomwaffen zu ersuchen. 1996 veröffentlichte der Internationale Gerichtshof ein Gutachten zur Illegalität von Atomwaffen.

    • 1996: Der Atomteststoppvertrag wird von der UN-Generalversammlung angenommen und zur Unterzeichnung geöffnet. Bereits im Jahr 1988 hatte die IPPNW eine neue weltweite Kampagne unter dem Motto »Global Cease Fire" gestartet. Ärzt*innen protestierten gegen die Atomtests und forderten einen sofortigen Stopp. Der Aktion wurde regelmäßig alle Jahre bei jedem Atomtest wiederholt, bis zur Unterzeichnung des Atomteststoppvertrages.

    • 1992: Die IPPNW beteiligt sich an der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen. Die Kampagne hat maßgeblich dazu beigetragen, dass 1997 das Ottawa-Abkommen (Minenverbotsvertrag) beschlossen wurde, das den Einsatz, die Produktion, Lagerung und Weitergabe von Antipersonenminen verbietet. 1997 wurde der Friedensnobelpreis 1997 an die Kampagne verliehen.

    • 2011: Am 11. März kommt es im japanischen Fukushima zu einem mehrfachen Super-GAU, nachdem das Atomkraftwerk Dai-ichi durch ein Erdbeben und einen Tsunami getroffen wurde. Vorstand und Mitglieder der IPPNW Deutschland befinden sich zu dem Zeitpunkt auf einer Mitgliederversammlung in Frankfurt und wenden sich sofort als Expert*innen an die Medien. Wochenlang geben IPPNW-Ärzt*innen Interviews in Print, Funk und Fernsehen. Ihre Expertise zur Niedrigstrahlung wird auch von Menschen in Japan aufgenommen, übersetzt und weitergegeben. 

    • 2012: Die internationale IPPNW veröffentlicht eine Studie über die Klima- und Gesundheitsauswirkungen eines regionalen Atomkrieges, das auf wissenschaftlichen Untersuchungen von Klimaforscher*innen basiert, und warnt, dass bis zu eine Milliarde Menschen an den Folgen einer nuklearen Hungersnot sterben könnten, die durch die Detonation von 100 Atomwaffen von der Größe Hiroshimas verursacht würde.

    • 2013: Auf der UN-Generalversammlung in New York wird ein historischer Vertrag über den Waffenhandel (The Arms Trade Treaty, ATT) verabschiedet. Der Vertrag, für den sich die internationale IPPNW als Stimme der öffentlichen Gesundheit eingesetzt hat, legt klare Regeln für alle weltweiten Waffen- und Munitionstransfers fest.

    • 2016: Die IPPNW, der Weltärztebund, der Weltverband der Gesundheitsverbände und der Internationale Rat der Pflegenden legen der UN-Arbeitsgruppe für nukleare Abrüstung (OEWG) in Genf ein gemeinsames Arbeitspapier mit dem Titel „Die gesundheitlichen und humanitären Argumente für ein Verbot und die Beseitigung von Atomwaffen“ vor. Die vier führenden internationalen Verbände fordern gemeinsam dringende Maßnahmen zum Verbot und zur Beseitigung von Atomwaffen als „einzige Vorgehensweise, die der von ihnen ausgehenden existenziellen Gefahr angemessen ist“.

    • 2017: Verleihung des Friedensnobelpreises an ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. IPPNW-Vertreter*innen haben die Kampagne auf dem Vorbereitungstreffen zum Atomwaffenverbreitungsvertrag (NPT) 2007 in Wien gestartet. 

    • 2021: Der Atomwaffenverbotsvertrags (TPNW) tritt in Kraft, den die IPPNW mit initiiert hat. Inzwischen haben den Vertrag  knapp 100 Staaten unterzeichnet. Er verbietet nicht nur den Besitz und Entwicklung sowie das Testen von Atomwaffen. Er untersagt auch deren Einsatz und die Drohung damit. 

    • 2025: Nach intensiver Lobbyarbeit der IPPNW beschließt die Weltgesundheitsversammlung die Resolution „Auswirkungen eines Atomkrieges auf die öffentliche Gesundheit“. Darin wird die WHO aufgefordert, die gesundheitlichen und umweltbezogenen Auswirkungen eines Atomkrieges und einzelner Atomtests systematisch zu untersuchen und die Forschung auf diesem Gebiet erheblich auszuweiten. Zuvor hatten Russland und die USA gemeinsam versucht, die Resolution zu verhindern.

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