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Tübinger Erklärung (1984)

Dokumente und Erklärungen

Der 4. Medizinischer Kongress: "Unser Eid auf Leben vepflichtet zum Widerstand" in Tübingen beschloss diese Schlusserklärung anläßlich der Stationierung neuer Atomraketen in der Bundesrepublik.

"Die Stationierung neuer Atomraketen in der Bundesrepublik hat die Gefahr eines Atomkriegs in Europa weiter verschärft. Es ist wissenschaftlich gesichert, dass in einem modernen Krieg speziell in einem Atomkrieg, keinerlei Hilfe, insbesondere keine medizinische Hilfe, möglich ist. Niemand darf sich darüber Illusionen hingeben. Wir können jedoch nicht sehen, dass die Politik dieser Erkenntnis Rechnung tragen will. Alle Gesetzes-Regelungen und Übungen für den Kriegsfall sind entweder überflüssig und nähren falsche Hoffnungen oder sie verfolgen andere Zwecke.

In zunehmenden Maße erfahren Wissenschaftler weltweit, dass ihr kritischer Einspruch von den Regierenden ignoriert wird. Sie wenden sich aus ihrer Verantwortung heraus an die Öffentlichkeit, an die betroffenen Menschen, weil sie darin den einzigen Weg sehen, durch gemeinsamen Widerstand eine verhängnisvolle Politik zu verhindern.

Angesichts dieser Erfahrungen bleibt auch uns nur der Weg des Widerstands, wenn wir unserem Auftrag gerecht werden wollen, verantwortlich zu handeln für Gesundheit und Leben der Menschen ohne Ansehen von sozialem Stand, von Rasse, Religion und Nationalität.

Wir haben uns heute zu entscheiden zwischen der Loyalität gegenüber Regierungen und Parlaments-Mehrheiten einerseits und der Verantwortung gegenüber den Menschen.

Wir fordern die Entwicklung einer humanen Medizin, auf die uns unser Eid verpflichtet.

Wir bestehen auf einer Verbesserung der sozialen Bedingungen und auf den Erhalt einer intakten Umwelt als Voraussetzung menschlicher Gesundheit.

Wir weisen hin auf die schon gegenwärtigen psychischen Wirkungen der atomaren Bedrohungen auf die Menschen, vor allem auf die Kinder.

Wir treten für die Solidarität der Menschen ein und wenden uns gegen eine Politik, die statt des Kampfes gegen Hunger, Krankheit und Elend vor allem in der Dritten Welt die Kriegs-Rüstung weltweit betreibt.

Als ob in Vergessenheit geraten wäre, dass der Zweite Weltkrieg ein legalisiertes Verbrechen gegen die Menschheit gewesen ist, wird die Gesellschaft heute durch Militarisierung weiter Bereiche, so auch des zivilen Gesundheitswesens, durch Aufrüstung, Sozialabbau und Einschränkung bürgerlicher Rechte bereits in den Spannungszustand versetzt. Dieser Entwicklung setzen wir unseren Widerstand entgegen. Den entsprechenden beruflichen Initiativen gegen den Atomkrieg der sozialen Berufe, der Architekten, der Juristen, der Lehrer, der Journalisten, der Naturwissenschaftler und anderer bieten wir unsere Zusammenarbeit an.

* Wir werden verstärkt Aufklärung der Bevölkerung betreiben.
* Fortbildung in Kriegs-, genannt Katastrophen-Medizin, die uns auch auf die Verknappung sozialer und gesundheitlicher Mittel einstimmen soll, werden wir verweigern, auch wenn man uns gesetzlich dazu verpflichten sollte.
* Militarisierung des Gesundheitswesens, Sozialabbau und die sog. Kostendämpfung werden wir nicht mittragen, sondern unsere Entscheidungen auf der Grundlage der ärztlichen Ethik treffen. "

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