Xanthe Hall, IPPNW und Trägerkreis „Atomwaffen a

"Today is the first day of the rest of our lives"

Rede zum Hiroshima-Tag

”„Today is the first day of the rest of our lives”
Heute ist der erste Tag unseres restlichen Lebens.
Ein englischer Spruch, der bedeutet, dass wir jeden Tag bewusst entscheiden sollten, was wir mit unserem Leben machen. Er bedeutet, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern.

Heute am 6. August - dem 60. Jahrestag des Abwurfes der Atombombe auf Hiroshima - beginnt das Jahr der Bewusstseinsänderung. Im japanischen Kultur sind 60 Jahre der Zeitraum eines Zyklus. Vor 60 Jahren begann das atomare Zeitalter. Heute wollen wir das Ende dieser Zeitalter einleiten, in dem wir junge Menschen über die Geschichte mit und die Zukunft ohne die Atomwaffen aufklären. Es sind die jungen Menschen, die ablehnen, die Erben dieser Waffen zu werden. Deswegen wird nachher in der Kirche wird der Erlös des Benefizkonzertes das studentisches Projekt für eine Zukunft ohne Atomwaffen "Nuclear Weapons Inheritance Project" unterstützen.

Erinnern lehrt vorbeugen
Wer die Geschichte ignoriert, der ist dazu verdammt, Fehler zu wiederholen
Ein Generationswechsel findet statt. Die Atombombenopfer - die Hibakusha - werden in der Zahl immer weniger oder können nicht mehr aktiv ihre Selbstverpflichtung verfolgen. Durch das Erinnern an den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki sollte eine Wiederholung verhindert werden. „Nie wieder Hiroshima! Nie wieder Nagasaki!” war für die Hibakusha so ähnlich wie der Schwur „Nie wieder!” für die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Aufgabe des Erinnerns müssen wir jetzt übernehmen. Wir müssen unseren Kindern erzählen, was damals die Kinder von Hiroshima erlebt haben. Hier an diesem Platz sind die Bilder dieser Kinder zu sehen. Die Kinder sind jetzt entweder gestorben oder haben dem letzten Abschnitt ihres Lebens erreicht. Sehr viele dieser Überlebenden haben ein Leben mit Schmerz und Krankheit erlebt. Manche haben sicher die Toten beneidet, andere haben sich das Leben genommen. Alleine das psychische Trauma dieses Erlebnisses wäre genug, um das Leben eines Menschen zu zerstören.

Die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki zusammen mit den IPPNW-Kopräsidenten Ron McCoy und Gunnar Westberg und dem Atomphysiker Sir Joseph Rotblat erklären anlässlich des heutigen Tages:

„Die Menschen von Hiroshima und Nagasaki erfuhren den gewaltigen, tiefgreifenden, lang anhaltenden Horror und das Trauma der Atombombenabwürfe vom 6. und 9. August 1945. Sie erlebten das höllische Ende jener Welt, das Nuklearwaffen für uns bereit halten können. Sechzig Jahre haben die Überlebenden alles in ihrer Macht stehende unternommen, um eine einzige Botschaft zu verkünden: Es darf nie wieder passieren. Werden sie diese Welt erfolgreich aus ihrer irrsinnigen nuklearen Trance erwecken? Oder wird die Vergangenheit vergessen - und wiederholt?”

Heute ruft Hiroshimas Bürgermeister Tadatoshi Akiba zu einem "Year of Awakening" auf. Die Menschen sollen aufwachen und sich aktiv gegen die Atomwaffen und für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen. Die Aufgabe wird wie die ewige Flamme von Hiroshima aus an die jungen Menschen der Welt weiter gegeben. Die Bürgermeister für den Frieden (Mayors for Peace) setzen ihre Kampagne für eine atomwaffenfreie Welt bis 2020 fort, verstärkt durch die Unterstützung tausender Friedensgruppen weltweit und die Mehrheit der Menschen auf der Erde.

Akiba sagt: Wir sind die Mehrheit. Nicht nur in Deutschland, wo 93% der Bevölkerung meinen (wie der Internationalen Gerichtshof auch) die Atomwaffen sind grundsätzlich völkerrechtswidrig und sollten weder produziert noch gehortet werden. 92% meinen: Die Atommächte sollten zur Schaffung einer atomwaffenfreien Welt schnellstmöglich mit der Verschrottung der eigenen Atomwaffen vorangehen. Und 89% wollen, dass die Bundesregierung dafür sorgt, dass die 150 auf deutschem Boden gelagerten Atomwaffen umgehend beseitigt werden. Diese letzte Forderung können Sie hier und jetzt mitunterschreiben!

Aber auch 66% der US-AmerikanerInnen sagen: Kein Land soll Atomwaffen besitzen, auch nicht ihr eigenes, laut einer Umfrage von AP-Ipsos vom März 2005. Die Meinung in den USA über den Abwurf der Atombombe auf Japan teilt sich 50 zu 50 durch alt und jung. Junge Menschen (18 bis 29) sind überwiegend der Meinung, dass die nukleare Bombardierung falsch war. Die meisten alten Menschen (sechs von zehn über 65-Jährigen) fanden die Entscheidung richtig, weil sie angeblich den Zweiten Weltkrieg beendete.

Der erste falsche Mythos:
„Hiroshima war notwendig"
Der japanische Historiker Tsuyoshi Hasegawa schreibt in seinem neuen Buch "Racing the Enemy", die Annahme, vorwiegend der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima hätte die Kapitulation der Japaner verursacht, sei falsch. Wie bekannt hatte Japan sich bereits vor Hiroshima um eine Beendigung des Krieges durch eine Vermittlung der Sowjetunion bemüht. Als dann die Sowjetunion am 8. August Japan den Krieg erklärte und die Manchuria angriff, hatte Japan kein Vermittler mehr und auch keine andere Wahl mehr als zu kapitulieren.

Laut Hasegawa, hatten die Amerikaner das japanische Wertsystem nicht verstanden. Die Annahme war, dass die Japaner nach der Bombardierung mit Atomwaffen sofort kapitulieren würden, weil die Amerikaner in einer ähnlicher Situation so gehandelt hätten. Die Wahrheit ist - so tragisch wie es sein mag - dass die japanische Führung mehr an dem Erhalt des Kaiserreiches als an die Bevölkerung gedacht hatten. Sonst hatten sie nach der Flächenbombardierung von Tokyo bereits kapituliert, die auch zum Massentod geführt hatte.

Seit 60 Jahre hören wir jedoch den Mythos, dass die Hiroshima-Bombe das Leben von zig tausend Menschen gerettet haben sollte, weil sie den Krieg beendet hätte. Das ist bloß Propaganda, der die Scham aufheben sollte, die jeder normale Mensch angesichts dieser menschenverachtenden Tat spürt. Die Verdrängung dieser Tat in den USA muss aufhören. Das Gefühl der jungen Amerikanern stimmt einfach. Es war falsch. Die USA müssen um Verzeihung bitten. Erst dann kann es möglich sein, dass die Geschichte aufgearbeitet werden kann. Erst dann ist es möglich, dass die Atomwaffen aus unserem Leben verbannt werden können. Während der Mythos bleibt, dass die Atomwaffen lebensrettend seien, können sie nicht vernichtet werden.

Die zweite Mythos:
„Die Atomwaffen erhalten den Frieden”
Wir mussten noch einen weiteren falschen Mythos ertragen: Die Atomwaffen hätten den Frieden erhalten. Es wurde und wird vor allem in Europa gesagt, während überall in der Welt ununterbrochen bewaffnete Konflikte und Kriege toben. Viele Konflikte während des Kalten Krieges waren Stellvertreterkriege der USA und Sowjetunion. Dennoch wozu waren die Atomwaffen gut, als es um Frieden in Jugoslawien oder Ruanda ging?

Nein, angeblich habe die Abschreckung uns den Frieden durch gegenseitige versicherte Vernichtung (Mutually Assured Destruction=MAD) gesichert. Durch das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Supermächten sollte eine Art Stabilität gewährt sein. Der Haken war nur dies: Wenn das nicht klappt, dann sind wir alle dran. Bei 70.000 Atomwaffen zum Höhepunkt des Kalten Krieges hatte diese Erde wirklich keine Chance auf einem Überleben.

Selbst bei 28.000 Atomwaffen haben wir heute immer noch ein riesiges Problem.

3.500 Atomwaffen sind immer noch in Höchstalarmbereitschaft. Kein Mensch kann mir erklären warum. Weder die USA noch Russland sind bereit, diese Bereitschaft zu beenden, obwohl das Risiko besteht, einen Atomkrieg durch Fehlalarm auszulösen. Bei Alarmstufe Rot muss die Entscheidung fallen, ob ein Angriff auf dem Computerbildschirme echt ist. Dann wird innerhalb von wenigen Minuten entschieden, einen Vergeltungsschlag durchzuführen. Ein menschlicher Fehler ist dann nicht unwahrscheinlich. Das Starten der Raketen dauert weniger als eine Minute, drei Minuten brauchen sie, um aus den Silos zu kommen und etwa 25 Minuten Flug bis zum Ziel. Diese ist die Erbschaft des Kalten Krieges, mit der wir heute noch leben.

Hinzu kommen neue Gefahren. Das sogenannte Gleichgewicht ist einer neuen Situation des nuklearen Chaos gewichen. Die Zahl der Atomwaffenstaaten ist von fünf auf neun gestiegen. Der jüngste - Nordkorea - rüstet mit dem Argument, sich gegen die USA verteidigen zu müssen, auf. Mit dem Krieg gegen den Irak provozieren die USA viele Länder, sich zum "Schutz" gegen den selbsternannten Weltpolizisten atomar zu bewaffnen. Wenn der Atomwaffensperrvertrag verfällt, dann werden wir in einer Welt mit Dutzenden Atomwaffenstaaten ohne jede Kontrolle leben. Bereits heute wird Atomwaffentechnologie auf dem Schwarzmarkt angeboten und gekauft.

Die USA wollen nicht, dass andere Staaten, in den Besitz von Atomwaffen gelangen. Zugleich aber modernisieren sie ihr eigenes Arsenal und planen die Entwicklung einer neuen Generation von Atomwaffen. Die neuen Atomwaffen sind für "präventive" Einsätze gegen unterirdische Ziele gedacht und sollen nur geringe Folgeschäden verursachen. Solche Atomwaffen werden die Hemmschwelle für ihren Einsatz senken. Bisherige Tests zeigen, dass auch diese Waffen sehr viel radioaktiven Niederschlag erzeugen - sie bleiben Massenvernichtungswaffen die töten und strahlenkrank machen. Mohammed El-Baradei, der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde, dazu: "Es gibt immer welche, die mit einer Zigarette im Mund anderen erzählen, doch nicht zu rauchen... Das ist langfristig nicht durchzuhalten."

Die dritte Mythos:
„Atomwaffen schützen vor Terroristen”
Heute wird uns suggeriert, man brauche die Atomwaffen, um uns gegen den Terroristen zu schützen. Selbstmordattentäter lassen sich durch keine Drohung - auch nicht mit Atomwaffen - von ihrem Vorhaben abbringen. Menschen, die bereit sind für eine Überzeugung als Märtyrer zu sterben und mit Teppichmessern in der Hand Flugzeuge zu effektiven Bomben umfunktionieren, können nicht mit Atomwaffen bekämpft werden.
Andererseits gleicht die bloße Existenz von Atomwaffen einer Einladung für Terroristen sie sich anzueignen, um sie für ihre Zwecke zu nutzen.
Gestohlenes radioaktives Material kann für "schmutzige" Bomben genutzt werden.

Die Wahrheit ist:
Wir müssen die Welt ändern
Mein Lieblingsspruch: „Schaffen wir die Atomwaffen ab, bevor sie uns abschaffen trifft leider heute genauso zu wie in den 80er Jahren. Man muss Mut fassen, um Visionen zu haben, und daran zu glauben, dass sie realisierbar sind. Alle große Veränderungen in der Geschichte schienen vorher unmöglich zu sein - wer hatte im Januar 1989 gedacht, dass weniger als ein Jahr später die Mauer fallen würde? Denkt an die Beendigung der südafrikanischen Apartheid, oder das Verbot der Sklaverei in den USA, oder das Wahlrecht der Frauen, oder die Unabhängigkeit Indiens? Viele dieser Ziele wurden vorher belächelt. Heute sind wir für den Einsatz der Menschen, die diese Änderungen herbeigebracht haben, dankbar. Diesmal geht es um unser aller Sicherheit, um unsere Zukunft, um die nächsten Generationen und selbst unsere Welt.

Heute ist der erste Tag unseres restlichen Lebens. Fangen wir heute an es sicher zu gestalten. Fangen wir hier in Deutschland an. Unterschreibt den Aufruf für einen Abzug aller US-Atomwaffen!

zurück

Reden zu den Jahrestagen

Bilder von Gedenkveranstaltungen

Hibakusha Weltweit

Die Ausstellung können Sie bei uns ausleihen! Alle Infos zu Inhalten und Ausleihe unter: survivors.ippnw.de/hibakusha-weltweit.html

Schilddrüsenkrebsscreening in der Präfektur Fukushima. Foto: (c) Ian Thomas Ash

Ausstellung Hiroshima-Nagasaki

Ausstellung zu Hiroshima-Nagasaki (17 DIN A2-Plakate). Per Mail bestellen.

Begleitende Broschüre (32 Seiten DIN A4).
Broschüre lesen
| Broschüre bestellen

Weitere Materialien

To Survive is to Resist: Überleben bedeutet Widerstand leisten. 4-seitiges Faltblatt  zu den Folgen von Atomwaffeneinsätzen und -tests.
Download | Bestellen

IPPNW-Thema: Nuclear Justice Now! 12 Seiten mit aktuellen Themen zu Atomwaffen und nuklearer Gerechtigkeit.
Lesen | Bestellen

IPPNW-Report: Nukleare Hungersnot. Auch ein „regionaler“ Atomkrieg hätte katastrophale weltweite Folgen für die Menschheit. 
Download
| Bestellen

 

 

 

Ansprechpartner*innen


Xanthe Hall

Abrüstungsreferentin
Expertin in Fragen zu Atomwaffen
Tel. 030 / 698074 - 12
Mobil 0177 / 475 71 94
Kontakt

Navigation