Prof. Dr. Ulrich Gottstein

60. Hiroshima-Jahrestag

Vortrag auf dem IPPNW-Benefizkonzert in Berlin

Vor 60 Jahren am 8. Mai endete für Deutschland und Europa der 2. Weltkrieg. Millionen Menschen waren gefallen, in Konzentrationslagern umgebracht, durch Bomben oder in Gefangenschaft gestorben, verwundet, vertrieben. Gott sei Dank ist jetzt ein Angriffskrieg zwischen Europäischen Ländern nicht mehr vorstellbar, wie er Jahrhunderte stattgefunden hatte. Ein abgeschlossenes Kapitel deutscher und europäischer Geschichte?

Kein abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte und aller Menschen dieser Erde bedeutet der 6. August 1945, als die US-amerikanische Regierung die japanische Zivilistenstadt Hiroshima mit der Uran-Atombombe „little boy“ auslöschen ließ und drei Tage danach mit der Plutonium Atombombe „fat man“ die Stadt Nagasaki. Mit diesen zynisch- grausamen Demonstrations- und Physikerexperimenten, von Präsident Truman und den Militärs verlangt, wurden Hunderttausende japanischer Kinder, Frauen und Männer, sowie mehrere tausend Koreanische Kriegsgefangene, ferner nahezu alle Ärzte und Krankenschwestern, entweder sofort getötet, oder sie erlagen qualvoll in den folgenden Stunden, Tagen, Wochen und Monaten ihren massiven Trümmerfrakturen, Verbrennungen und Verstrahlungen. Tausende der Überlebenden erkrankten später an Leukämien und anderen Krebsarten, alle hatten schwerste seelische Schäden erlitten.

Die Atombomben hatten ein neues Kapitel der Kriegsführung eröffnet, und die Menschheit erkennen lassen, dass die gottlos gewordene Hybris sich in die Lage geforscht hat, die Menschheit und die Natur zerstören zu können.

Während die meisten US-Amerikaner nach wie vor der auch von der Bush-Administration propagandistisch verbreiteten Meinung sind, die Atombombenabwürfe seien ausschließlich zur Beendigung des Krieges erfolgt und notwendig gewesen, beginnen jetzt amerikanische Historiker, Wissenschaftler und Autoren einzugestehen, dass Japan, dessen Waffenindustrie zu 80% zerstört war, ohnehin kurz vor der Kapitulation stand, nachdem nun auch die Sowjetunion den Krieg gegen Japan erklärt und mit dem Einmarsch in die Mandschurei begonnen hatte. Auch führende und berühmte amerikanische ehemalige Generäle und Admiräle, wie z.B. Dwight D.Eisenhower, Douglas Mac Arthur, William D. Leahy und Chester Nimitz, distanzierten sich scharf von der Behauptung, die Atombombenabwürfe seien unvermeidlich gewesen. Präsident Truman kam es aber darauf an, mit der Demonstration der grausamen Massenvernichtungen Stalin und die sowjetischen Militärs zu beeindrucken, die in Zukunft den Führungsanspruch Amerikas anerkennen müssten. Außerdem sollte Japan kapituliert haben, ehe die sowjetischen Truppen am Sieg gegen Japan Anteil hätten. Präsident Truman forderte daher, dass die Atombombenabwürfe noch vor der in wenigen Tagen erwarteten japanischen Kapitulation erfolgen sollten!

Es gab drei Optionen: 1. Abwurf der Atombombe über unbewohntem Waldgebiet, 2. über militärischen Objekten, 3. über einer bisher nicht bombardierten Stadt. Die unmenschlichste Option wurde ausgewählt!

Mit der Einschüchterung der Sowjetunion und anderer Staaten hatte sich die US-Regierung jedoch getäuscht, denn nun begann ein Wettlauf bei der Entwicklung der Atombombentechnologie. Bereits 1949 hatte auch die Sowjetunion Atombomben, 1953 auch Großbritannien, 1964 auch Frankreich und China, 1967 wahrscheinlich auch Israel und schließlich 1998 auch Indien und Pakistan, seit ca. einem Jahr sehr wahrscheinlich auch Nord-Korea, und weitere Länder werden folgen.

Leider treiben die USA das offizielle und geheime nukleare Wettrüsten weiter. Die Bush-Administration hat in ihrer vor zwei Jahren beschlossenen neuen Atomwaffenstrategie, im „nuclear posture review „ , festgelegt, sie werde sich wegen der Terrorattentate vom 11. September 2001 nicht mehr an den Artikel VI des „Atomwaffensperrvertrages“ von 1970 halten. In diesem hatten sich die USA zum Abbau der Atomwaffen verpflichtet und zu Verhandlungen mit dem Ziel der totalen nuklearen Abrüstung. Nun aber beschloss die Bush-Administration, die USA werde auch weiterhin Atomwaffen modernisieren und neue entwickeln, die zum Einsatz als Gefechtsfeldwaffe gebraucht würden. Diese neue amerikanische Atomwaffendoktrin wird zur Folge haben, dass alle anderen Atomwaffenstaaten und solche, die es werden wollen, dem schändlichen Treiben der USA folgen werden, und auch Terroristen solche Atomwaffen in ihre Hände bekommen werden.

Der Britische Atomphysiker und Friedensnobelpreisträger Prof. Sir Joseph Rotblat sagte in einer Rede vor internationalen Naturwissenschaftlern ( 53.Pugwash Conference on Science and World Affairs in Halifax/Canada) : Nicht wir sind antiamerikanisch, wenn wir die Politik der US-Administration kritisieren, sondern sie selber ist antiamerikanisch. Ihre Haltung zum Atomwaffensperrvertrags ist ungeheuerlich. Sie hat einen völkerrechtlichen Vertrag unterzeichnet und ratifiziert und sich zur Abschaffung von Atomwaffen verpflichtet und nun verfolgt sie eine entgegengesetzte Politik !

Es gibt Optimisten die glauben, die US-Regierung wolle mit ihrer Atomwaffenstrategie nur beeindrucken, aber ihre Kriegsführung weiterhin nur „ konventionell“ betreiben . Sie übersehen jedoch, dass die US-Kriegsschiffe im 2.Golfkrieg 1991 an die hundert Atomraketen und –bomben an Bord hatten, und dass nach wie vor über hundert Atomwaffen in Deutschland und anderen Europäischen Ländern einsatzbereit lagern. Unvergessen bleibt auch, dass bis 1962 alle atomaren Testexplosionen überirdisch stattfanden, also mit riesiger Wolke und radioaktivem fall-out. Für diese Verbrechen, die bei Millionen Menschen wahrscheinlich zu Krebserkrankungen geführt haben, waren kluge Physiker, Militärs und Politiker verantwortlich, klug, aber ohne Ethik und „Ehrfurcht vor dem Leben“, wie von Albert Schweitzer gefordert. Albert Einstein schrieb schon 1931 (in einem Brief an den „Bund der Kriegsdienstgegner“) : „ Technik und Wissenschaft gedeihen dem Menschen zum Verderben, wenn die moralischen Kräfte verkümmert sind“ . Nach den Atombombenabwürfen sagte Einstein: „Wir brauchen eine neue Art des Denkens, wenn die Menschheit überleben will“.(We shall require a substantially new manner of thinking if mankind is to survive“ ). Der US-amerikanische Chef der Vereinigten Stabschefs der USA, General Omar Bradley, Zeuge der Atombombenabwürfe, sagte in einer berühmt gewordenen Rede anlässlich seiner Pensionierung: „Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge, in einer Welt, die Brillanz ohne Weisheit erreicht hat, und Macht ohne Gewissen“.

Sollen wir nun heute nur um die Opfer von Hiroshima und Nagasaki trauern und wegen der Gewissenlosigkeit in der Welt resignieren? Nein, unsere Aktivität gegen Krieg und für Frieden und Gerechtigkeit und für die Abschaffung aller Atomwaffen muss weitergehen.

Nach Ende des 2.Weltkriegs wurde der deutschen Bevölkerung mit Recht vorgeworfen, nicht gegen die Nazibarbarei aufgestanden zu sein, als es noch möglich gewesen wäre. Daher habe das deutsche Volk eine Mitschuld oder doch Mitverantwortung für den verbrecherischen Angriffskrieg und für den Holocaust zu tragen. Meine Damen und Herren, heute kann sich niemand mehr damit entschuldigen, er oder sie habe ja von den Atomwaffen nichts gewusst. Wir wissen heute, dass die NATO- Doktrin den Einsatz von Atomwaffen, sogar den Ersteinsatz auch gegen nicht-nukleare Staaten, im Kriegsfall nicht ausschließt, obgleich die Androhung und Anwendung von Atomwaffen ein Verbrechen darstellen, wie vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag geurteilt worden ist. Die Gefahr eines nuklearen Holocaust besteht.

Von unserer Regierung und all den Parteien, die sich jetzt um unsere Stimmen bei der Bundestagswahl bemühen, müssen wir fordern, dass sie die USA auf die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrages drängen und den sofortigen und totalen Abtransport der auf deutschem Boden liegenden amerikanischen Atomwaffen verlangen. Eindeutig muss jede Beteiligung an Einsätzen deutscher Flugzeuge und Truppen mit Atomwaffen abgelehnt werden. Die deutsche Bevölkerung will keine „nukleare Teilhabe“, also auch nicht unter einem NATO-Kommando Atomwaffen bewachen, transportieren oder abfeuern, auf welche Art auch immer.

Die Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki und die weitergehende weltweite Atomwaffenrüstung haben uns gelehrt, dass Menschen ohne Ethik und Moral „im Bedarfsfall“ zu jeder Waffe greifen, über die sie verfügen. Das gilt für Regierungen, für fatalistische Kriegsführer und natürlich auch für Terroristen. Daher kann es nur eine Forderung geben : Die totale Abschaffung und Vernichtung aller Atomsprengköpfe weltweit ! Das sind wir den Opfern von Hiroshima und Nagasaki, aber auch unseren Kindern und Kindeskindern schuldig.

Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Gründungs- und Ehrenvorstandsmitglied der IPPNW


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Reden zu den Jahrestagen

Bilder von Gedenkveranstaltungen

Hibakusha Weltweit

Die Ausstellung können Sie bei uns ausleihen! Alle Infos zu Inhalten und Ausleihe unter: survivors.ippnw.de/hibakusha-weltweit.html

Schilddrüsenkrebsscreening in der Präfektur Fukushima. Foto: (c) Ian Thomas Ash

Ausstellung Hiroshima-Nagasaki

Ausstellung zu Hiroshima-Nagasaki (17 DIN A2-Plakate). Per Mail bestellen.

Begleitende Broschüre (32 Seiten DIN A4).
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Weitere Materialien

To Survive is to Resist: Überleben bedeutet Widerstand leisten. 4-seitiges Faltblatt  zu den Folgen von Atomwaffeneinsätzen und -tests.
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IPPNW-Thema: Nuclear Justice Now! 12 Seiten mit aktuellen Themen zu Atomwaffen und nuklearer Gerechtigkeit.
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IPPNW-Report: Nukleare Hungersnot. Auch ein „regionaler“ Atomkrieg hätte katastrophale weltweite Folgen für die Menschheit. 
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