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Aus IPPNW-Forum 92/05

US-Atomwaffen in Europa

150 befinden sich noch in Deutschland

Eigentlich ist die Nachricht bereits im letzten September in dem Bulletin of Atomic Scientists erschienen. Just als die IPPNW ihr Aktuell zu 65 Atomwaffen in Deutschland publizierte, erklärten unsere US-Kollegen beim Natural Resources Defense Institute (NRDC), auf deutschem Boden befänden sich mehr als doppelt so viele Atomwaffen. Wir deutschen Experten - Otfried Nassauer, Martin Kalinowski, Regina Hagen und ich - erkundigten uns nach den Quellen. Aber Hans Kristensen, der Autor der jetzt erst im Februar 2005 erschienenen Studie, wollte sie noch nicht preisgeben. Wir mussten uns gedulden.

Die Veröffentlichung der Studie wurde zweimal verschoben. Aber endlich war es so weit. Hans Kristensen und Tom Cochran vom NRDC kamen nach Berlin. Sie veranstalteten mit uns ein Pressegespräch und sprachen mit deutschen Abgeordneten. Das Interesse war jedoch nicht sonderlich groß. Die Presse hat kaum darüber berichtet, und die Abgeordneten hörten zwar höflich zu, aber es äußerten sich nur die "üblichen Verdächtigen" bei den Grünen öffentlich dazu: Winni Nachtwei und Angelika Beer.

Dennoch ist die Nachricht skandalös. 15 Jahre nach Beendigung des Kalten Krieges befinden sich noch 480 US-Atombomben in Europa. Diese Bomben haben eine Reichweite, die gerade mal die Grenzen der erweiterten EU erreicht. Also wen sollen sie bedrohen? Und warum so viele? Man hat uns glauben lassen, es wären schon längst weniger geworden. Jetzt stellt sich heraus, dass die Reduzierungen nur ein gut platziertes Gerücht waren.

Wie wurde die neue Zahl ermittelt?
Die genaue Zahl der Atomwaffen in Europa unterliegt der Geheimhaltung. Es ist heutzutage - mit Hilfe von Satellitenbildern, die kommerziell verfügbar sind - jedoch möglich, einfach alles zu sehen. Diese Bilder von DigitalGlobe.com zeigen die Atomwaffendepots bei den Stützpunkten. Andere Bilder zeigen, dass in diesen Depots doch vier Atomwaffen lagern können und nicht nur zwei, wie wir vorher gedacht haben. Dokumente u.a. der US-Streitkräfte und des Verteidigungsministeriums belegen, dass momentan sechs europäische Länder "Gastgeber" der sogenannten "nuklearen Teilhabe" spielen (siehe Tabelle oben).

20 Atomwaffen wurden 2001 still und heimlich aus Griechenland abgezogen und lagern jetzt bei Ramstein in Deutschland. Damit ist Griechenland atomwaffenfrei. Außerdem wurden 20 Bomben aus Memmingen und Nörvenich abgezogen und nach Ramstein gebracht. Alle 40 sollen aber für die nukleare Teilhabe in Reserve gehalten werden und wurden nicht in die USA zurücktransportiert. Aus zwei anderen türkischen Depots wurden Atomwaffen nach Incirlik gebracht und in Italien wurden die Atomwaffen von Rimini nach Ghedi Torre verlegt. Die Zahl der Atomwaffen in Europa ist damit größer als das gesamte chinesische Atomwaffenarsenal. Die letzte Amtshandlung des ausscheidenden US-Präsidenten Clinton war im November 2000 die Autorisierung dieser 480 Atomwaffen. Es wird vermutet, dass Präsident Bush die Zahl nicht reduziert hat.

Welchem Typ gehören sie an?
Alle Atomwaffen gehören der B-61-"Familie" an. Die Modelle 3 und 4 sind sehr alt, das Modell 10 ist ein konvertierter Pershing-II-Sprengkopf und ein nuklearer "Bunker Buster". Alle drei haben "auswählbare" Sprengkraftmöglichkeiten von 300 Tonnen (Mininuke-Größe) bis zu 45 Kilotonnen (Mod-4), 80 Kilotonnen (Mod-10) oder 170 Kilotonnen (Mod-3). Zum Vergleich: die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von 12,5 Kilotonnen. Alle diese Waffen wurden 2002 modernisiert. Ungefähr 300 dieser Bomben werden auf US-Kampfflugzeugen eingesetzt (F-15 oder F-16), die fünf bzw. zwei Bomben tragen können. Jeweils zwei der übrigen 180 Bomben werden im Ernstfall auf belgische, holländische oder türkische F-16-Flugzeuge bzw. auf deutsche oder italienische Tornados geladen und zum Ziel gebracht.

Die meisten der Atombomben (300) lagern in Nordeuropa, obwohl Russland keine Bedrohung mehr darstellt. Nur 180 Atomwaffen befinden sich in Südeuropa, näher am Nahen Osten, von wo angeblich die eigentliche Bedrohung kommt. Die Atomwaffen in Europa tragen mehr zur Zementierung des Bündnisses bei als dass sie einen militärischen Sinn ergäben. Wenn man danach fragt, schmunzeln die Entscheidungsträger in Europa und weisen auf ihren "großen transatlantischen Partner" hin.

Die komplette Studie findet man im Internet als Download bei: www.nrdc.org/nuclear/euro/euro.pdf. Die Satellitenbilder und Dokumente sind bei: www.nukestrat.com/us/afn/nato.htm abrufbar.

Xanthe Hall, Abrüstungsexpertin der IPPNW

 

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Ansprechpartnerin

Juliane Hauschulz

Juliane Hauschulz
Referentin für nukleare Abrüstung
Tel. 030-698074 - 23
Kontakt

Materialen

Factsheet: Auslaufen von NewSTART. Das Factsheet erklärt den New START-Vertrag und zeigt die Folgen auf, die das Auslaufen dieses Vertrags haben kann. Format DinA4.

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Briefing: Der Vertrag über das Verbot von Atom-waffen (AVV). Das Briefing (aus 2017 als der AVV bei den Vereinten Nationen angenommen wurde) gibt einen Überblick über Inhalte und Strukturen des Vertrags.

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