Ursprünglich war die Produktion von Atomstrom ein Nebenprodukt der Atomwaffenprogramme. Zwar ist der Anteil des Atomstroms an der weltweiten Stromproduktion seit über zwei Jahrzehnten rückläufig, doch genügt diese Industrie bis heute dem Zweck der Herstellung von Massenvernichtungswaffen und der Aufrechterhaltung ihrer Einsatzfähigkeit.
Der Slogan „Atoms for Peace“ ist tief in der Atomindustrierhetorik verankert. In seiner gleichnamigen Redei, die er im Dezember 1953 vor der UN-Generalversammlung hielt, gab US-Präsident Dwight D. Eisenhower den Anstoß zur Gründung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) im Jahr 1957. In der ersten Hälfte seiner Rede beschreibt Eisenhower ausgiebig die Schrecken, Gefahren und das zerstörerische Potenzial der Atombombe und der nuklearen Aufrüstung, betont die gewaltige Zerstörungskraft, die Unmöglichkeit des vollständigen Schutzes und die Gefahr für die gesamte Menschheit. Anschließend vollzieht er einen erstaunlichen Übergang. „Das größte destruktive Potenzial kann zum Segen für die Menschheit werden“, so Eisenhower. „Wer könnte bezweifeln, dass, wenn alle Wissenschaftlerinnen und Ingenieure der Welt über ausreichende Mengen an spaltbarem Material verfügen würden, um ihre Ideen zu testen und weiterzuentwickeln, diese Fähigkeit rasch in eine universelle, effiziente und wirtschaftliche Nutzung umgewandelt würde?“, spekulierte er weiter.
Tatsächlich waren bereits in den 1950er Jahren Zweifel an dieser Annahme angebracht. Die weitreichenden Überschneidungen der zivilen und militärischen Nutzung des Wissens über die menschlich herbeigeführte Kernspaltung sind schließlich keine Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit. Bereits das erste Papier zur Frage der Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen des „US Secretary of State‘s Committee on Atomic Energy“, das im Jahr 1946, also im Jahr nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, veröffentlicht wurde, stellte unmissverständlich fest, dass „die Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke und die Entwicklung der Atomenergie für Bomben in weiten Teilen ihres Verlaufs austauschbar und voneinander abhängig sind“.ii Das Papier wurde unter maßgeblicher Mitarbeit von J. Robert Oppenheimer erstellt. Oppenheimer war wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts, das die USA zur weltweit ersten atomar bewaffneten Nation machte. Auch auf die von Eisenhower 1953 rhetorisch postulierte Abgrenzbarkeit von Atomen für kriegerische Zerstörung und Abschreckung von Atomen für den Frieden folgte keine materielle Abgrenzung getrennter Industriekomplexe – geschweige denn eine Überwindung der nuklearen Rüstung und Abschreckung.
Großbritannien etwa ist seit 1952 nuklear bewaffnet. In diesem Jahr führten die Briten die ersten von insgesamt zwölf Atomwaffentests in Australien durch. In den Jahren nach 1956 – also nach Beginn der „Atoms for Peace“-Initiative und in die Frühphase der IAEO hinein – vollzogen die britischen Atomwaffenentwickler den nächsten großen Schritt im Aufwuchs des nuklearen Vernichtungspotenzials: Die Entwicklung der Wasserstoffbombe, über die die USA und die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt bereits verfügten. Dabei spielte das erste Atomkraftwerk Englands eine entscheidende Rolle. Das AKW in Calder Hall im Nordwesten Englands speiste ab dem Jahr 1956 Strom in das britische Netz ein. Zudem entsprach es von Beginn an dem Zweck der Produktion von Plutonium für Atomwaffen, wie die UK Atomic Energy Authority (UKAEA) selbst öffentlich verkündete.iii „Nichts, was danach kommt, wird die Bedeutung dieses ersten großen Schritts nach vorn schmälern können“, betonte Sir Edwin Plowden als Vorsitzender der UKAEA bei der Eröffnung des AKW.iv Hatte er dabei seine rückblickend überzogenen Erwartungen an die Atomenergie zur Stromproduktion im Sinn? Oder ging es ihm um die Rolle des AKW bei der Produktion von waffenfähigem Plutonium oder von Tritium als „Booster” für die Wasserstoffbombe, in deren Entwicklung Calder Hall von Beginn an einbezogen war? Sicher ist, dass die materielle und institutionelle Verbindung zwischen militärischen Zwecken und der Stromproduktion in der Frühphase der Atomenergie maßgeblich war und bis heute in den meisten atomar bewaffneten Staaten fortbesteht.
Am 8. Dezember 2020, genau 67 Jahre nach Eisenhowers „Atoms for Peace“-Rede, stellte Emmanuel Macron, der Präsident Frankreichs, das seit 1960 eine Atommacht ist, fest: „Das eine geht nicht ohne das andere. Ohne zivile Atomkraft gibt es keine militärische Atomkraft, ohne militärische Atomkraft gibt es keine zivile Atomkraft“.v In seiner Rede vor Arbeiter*innen der französischen Atomschmiede Le Creusot fuhr er fort: „Fabriken wie Ihre, die sowohl für Atomkraftwerke als auch für Marineeinrichtungen produzieren, und Einrichtungen wie die Behörde für Atomenergie und alternative Energien [CEA] sind der lebendige Beweis dafür.“ Neben der materiell-technischen gegenseitigen Abhängigkeit betont Macron hier auch die institutionelle Basis der Verbindungen, indem er die CEA erwähnt, die bis 2010 nur „Commissariat à l’énergie atomique“ hieß.
Die Aufgabe der CEA, deren Gründung bereits 1945 beschlossen wurde, bestand darin, „wissenschaftliche und technische Forschung im Hinblick auf die Nutzung der Atomenergie in den Bereichen Wissenschaft, Industrie und Landesverteidigung zu betreiben“.vi Damit stand sie im Widerspruch zur offiziell verkündeten französischen Regierungsposition der frühen Jahre des Atomzeitalters, laut der sich Frankreich in diesem Feld auf friedliche Zwecke beschränken werde.vii Die in den folgenden Jahrzehnten getroffenen Entscheidungen, etwa bei der Auswahl von Reaktortechnologien, fielen jedoch häufig zugunsten einer militärischen Nutzbarkeit aus, um insbesondere eine möglichst einfache Extraktion von Plutonium für die Atomwaffenproduktion zu gewährleisten.viii
Ein weiterer lebendiger Beweis für die fortbestehenden engen institutionellen und industriellen Verbindungen der vermeintlich trennbaren zivilen und militärischen Zweige der Atomenergienutzung ist Rosatom, der russische Atomsektor. Das Unternehmen bzw. die staatliche Institution umfasst eigenen Angaben zufolge über 450 Organisationen, darunter eine eigene Abteilung für Atomwaffen. Offiziellen Zahlen zufolge sind mehr als 86.000 Mitarbeiter*innen für die „Nuclear Weapons Division“ des russischen Atomkomplexes tätig.ix Eine Trennung der Bereiche ist nicht vorgesehen, im Gegenteil. Der ehemalige Rosatom-Chef und enge Vertraute von Präsident Putin, Sergei Kiriyenko, sagte 2011: „Es ist eine Tatsache, dass Atomenergie nicht nur AKW umfasst. Atomenergie ist der gesamte Atomwaffenschild dieses Landes. (...) Wenn ein Land die zivile Atomenergie auslaufen lässt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es keinen wettbewerbsfähigen Rüstungskomplex mehr hat.“x
Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart des Atomzeitalters zeigt: Die Entwicklung der Atomenergie begann militärisch. Es folgte eine Phase der Parallelentwicklung, in der auch die Stromerzeugung eine Rolle spielte. Zur langfristigen Aufrechterhaltung und Fortentwicklung ihrer Atomwaffenarsenale verfügen die fünf großen Atomwaffenstaaten über ein komplexes System einer zivil und militärisch genutzten, eng miteinander verwobenen Atomindustrie. Zwar muss nicht jedes Atomenergieprogramm zwangsläufig in der Bombe münden. Doch jede Atomanlage kann einen Schritt auf dem Weg zur Nuklearwaffe darstellen.
Dafür stehen unter anderem die Beispiele Indien und Pakistan. Die IAEA signalisiert unterdessen wenig Lernbereitschaft, wenn ihr Generaldirektor Rafael Grossi bei seinem Besuch in Saudi-Arabien erklärt, dass er es für eine „sehr kluge Entscheidung“ hält, dass das Königreich die Atomenergie in seinen Energiemix aufzunehmen wolle, obwohl die Pläne als ökonomisch wenig sinnvoll gelten.xi Mohammed bin Salman hatte erst wenige Jahre zuvor erklärt, sein Land wolle eigentlich keine Atombombe erwerben, „aber wenn der Iran eine Atombombe entwickelt, werden wir zweifellos so schnell wie möglich nachziehen.“xii Auch dort, wo eine militärische Nutzung heute wirklich keine Option zu sein scheint, können sich die politischen Bedingungen bereits morgen geändert haben. Deshalb gehört zu einer langfristig effektiven nuklearen Abrüstung auch der Ausstieg aus der Atomstromproduktion.
Patrick Schukalla ist IPPNW-Referent für Atomausstieg, Energiewende und Klima.
Quellen:
i Address by Mr. Dwight D. Eisenhower, President of the United States of America, to the 470th Plenary Meeting of the United Nations General Assembly, 8. Dezember 1953. Verfügbar unter: https://www.iaea.org/about/history/atoms-for-peace-speech (Zugriff: 29.07.2025)
Für Hintergründe und Einordnungen siehe u.a.: Krige, John. “Atoms for Peace, Scientific Internationalism, and Scientific Intelligence.” In: John Krige und Kai-Henrik Barth (Hg.), Global Power Knowledge: Science and Technology in International Affairs. Osiris, Vol. 21, No. 1 (2006): 161–181.
ii Lilienthal, D. E., Barnard, C. I., Oppenheimer, J. R., Thomas, C. A., & Winne, H. A. (1946): A Report on the International Control of Atomic Energy. Washington, D.C.: United States Department of State, S. 4:
“The development of atomic energy for peaceful purposes and the development of atomic energy for bombs are in much of their course interchangeable and interdependent.” Verfügbar unter:
https://www.cia.gov/readingroom/docs/Report_on_the_International_Control_of_Atomic_Energy_16_Mar_1946.pdf (Zugriff: 29.07.2025) /
Siehe für Hintergründe und Einordnungen u.a. auch: Stephanie Cooke (2009): In Mortal Hands: A Cautionary History of the Nuclear Age, Black Inc.
iii Jay, Kenneth Edmund Brian (1956): Calder Hall. The story of Britain's first atomic power station. London: Methuen.
v Présidence de la République française (2020): Discours du Président de la République au Creusot sur l'avenir du nucléaire, 8 décembre 2020. Verfügbar unter: https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-16825-fr.pdf (Zugriff: 29.07.2025)
„L’un ne va pas sans l'autre. Sans nucléaire civil, pas de nucléaire militaire, sans nucléaire militaire, pas de nucléaire civil. Des usines comme la vôtre qui produisent à la fois pour des centrales électriques comme pour des bâtiments de la marine, des organismes comme le Commissariat à l'énergie atomique et aux énergies alternatives en sont la preuve vivante.”
vi Zitiert in Hecht, Gabrielle (2009): The Radiance of France: Nuclear Power and National Identity after World War II. MIT Press, 2. Auflage (erste Auflage 1998). S. 58
viii Hecht, Gabrielle (2009): The Radiance of France: Nuclear Power and National Identity after World War II. MIT Press, 2. Auflage (erste Auflage 1998), S. 69ff. und Vorwort von Michelle Callon, S. xiii.
x Zitiert in: Minin, Nikita, und Tomáš Vlček: “Determinants and considerations of Rosatom's external strategy”, in Energy Strategy Reviews, 17 (2017) Seiten 37–44.
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