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Pressemitteilung vom 30.11.2001

Schleswig-holsteinische Reaktoraufsicht begutachtet sich selbst

Wissenschaftler fordern unabhängige Untersuchung

Berlin- Laut schleswig-holsteinische Energiestaatssekretär Willi Voigt (Bündnis 90/Die Grünen) sollen die radioaktiven Spaltsstoffe in der Elbmarsch natürlichen Ursprungs sein. Voigt bezieht sich auf den Abchlussbericht des Strahlenschutzbüros SAST in York zu den Fun-den von Kernbrennstoff-Partikeln, den er am 28.11. im Landtag vorstellte.

Prekäres Detail des Berichtes von SAST: Der erste Autor Dr. Wolfgang Wolter ist bis vor kurzem langjähriger Leiter des Referats Reaktoraufsicht im Energieministerium ge-wesen. Als solcher war er verantwortlich für die Aufsicht der Geesthachter Nuklearanlagen (Kernkraftwerk Krümmel und GKSS) und die Bearbeitung des in der Elbmarsch ab 1990 aufgetretenen Leukämieproblems. Die Aufsichtsbehörde hat sich also selbst begutachtet. Der mögliche Täter spricht sich selbst frei.

Die unterzeichnenden Wissenschaftler und Ärzte finden es äußerst bedenklich, dass die Aufsichtsbehörde keine unabhängigen Gutachter für das Elbmarschproblem mehr be-müht. Voigt erklärte am 28.11.01 im Umweltausschuß des Landtages: "Für uns ist der Fall abgeschlossen. Wir wollen keine weiteren Untersuchungen mehr!". Dagegen hält der Vorsitzende der schleswig-holsteinischen Leukämiekommission Prof. Dr. Otmar Wassermann, dass die Leukämiekommission zur Wahrheit verpflichtet ist und dafür Sorge tragen werde, dass die Öffentlichkeit nicht getäuscht werde.

Gegenüber den Behauptungen von SAST stellen die Unterzeichner fest:
Am 12.9.86 wurden radioaktive Stoffe in die Elbmarsch freigesetzt, die nicht natür-lichen Ursprungs sind. Dies ist u. a. belegt durch das Erscheinen von Spaltprodukten (Cs 137, Cs 134, Sb 125, Ru 106, Ru 103, Nb 95, Ce 144) in der Umgebung des Kernkraftwerks Krümmel (KKK) und der Kernforschungsanlage GKSS am gleichen Tage und an den Folgetagen, dokumentiert durch die Unterlagen des amtlich bestellten Instituts LUFA Kiel und der Betreiber von KKK und GKSS.

Am 12.9.86 wurde im Kernkraftwerk erhöhte Radioaktivität gemessen. Nachdem kraft-werks-interne Ursachen ausgeschlossen wurden, ergaben Messungen im Außenbereich eine deutlich erhöhte Radioaktivität. Das Energieministerium gab bekannt, dass dies auf einen Aufstau natürlichen Radons durch Inversionswetterlage zurückgeführt würde. Weil die Luftansaugung beim Kernkraftwerk Krümmel in einer Hohe von mehr als 40 Metern erfolgt, war diese Erklärung von vornherein unsinnig. Dies lässt sich auch experimentell belegen. Für den gleichen Zeitraum findet sich in den Überwachungsunterlagen ein Hin-weis auf einen Brand im Bereich des nahgelegenen GKSS-Geländes (eine Strahlen-Meßeinrichtung mußte wegen eines Brandes verlegt werden).

In der Elbmarsch befinden sich Plutoniumisotope und andere Kernbrennstoffe oder deren Relikte, die dort nicht vorkommen dürften. Dies ist unter anderem belegt durch Untersuchungen der Aufsichtsbehörde selbst.

In der Elbmarsch wurden unnatürliche Konzentrationen des auch als Ausgangsprodukt für erbrüteten Kernbrennstoff verwendeten Nuklids Thorium-232 nachgewiesen. Dies wird durch ein amtliches Schreiben vom 9.2.1993 Herrn Dr. Wolters zum Vorfall am 12.9.86 betätigt.
Angereichertes - also ebenfalls nicht natürliches - Uran fand sich in der Elbmarsch durch die Messungen mehrerer Institute unabhängig voneinander. In Kontrollproben aus anderen Regionen fanden diese Institute kein angereichertes Uran, deshalb ist die Erklärung von SAST, es handele sich um Meßungenauigkeiten, falsch und daher irreführend.

Die Arbeitsgemeinschaft Physikalische Analytik und Meßtechnik (ARGE PhAM) hat in der Elbmarsch und auf der Geesthachter Elbseite PAC-Mikrokügelchen in ver-schiedenen Konfigurationen aufgefunden. Diese sind einer speziellen Entwicklung von Spaltstoffen zuzuordnen. Solche Kügelchen wurden u.a. zur Verwendung im Hochtemperaturreaktor entwickelt. Sie wurden durch mikroskopische und elektronenmikroskopische Aufnahmen zweifelsfrei dokumentiert und lassen sich per Deklaration nicht wegdiskutieren. Wegen ihrer großflächigen Verteilung sind sie jederzeit wieder auffindbar, wie Befunde verschiedener Institute belegen.

Dr. Ute Watermann, Sprecherin Int. Ärzte gegen den Atomkrieg, Berlin
Dr. Sebastian Pflugbeil, Gesellschaft für Strahlenschutz e.V., Berlin
Uwe Harden, MdL in Nieders., Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch
Diplom-Physiker Reinhard Hoppe, Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch
Prof. Dr. Otmar Wassermann, Vorsitzender der schl.-holst. Leukämiekommission
Priv. Doz. Dr. A.F.G. Stevenson, Wiss. Geschäftsführer der schl.-holst. Leukämie-kommission
Dr. med. Helga Dieckmann, Mitglied der schl.-holst. Leukämiekommission
Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake, Mitglied der schl.-holst. Leukämiekommission
Dr. med. Dirk Eylerts, Vorsitzender des Umweltausschusses der Bezirksstelle Lüneburg der Ärztekammer Niedersachsen
Dr. med. Hayo Dieckmann, Mitglied der Expertenkommission Leukämie des Landes Niedersachsen
Prof. Dr. Dr. h.c. Edmund Lengfelder, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der aktuelle Stand der Untersuchungen ist von ARGE PhAM in einem Bericht vom 27.11.01 zusammengefasst, unterschrieben von
Prof. Dr. Rainer Brandt, ARGE PhAM,
Dipl. Ing. H.-W. Gabriel, ARGE PhAM, Weinheim,
Dr. Dirk Schalch, ARGE PhAM, Weinheim,
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Arthur Scharmann, ARGE PhAM, Weinheim

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Ansprechpartner

Patrick Schukalla
Patrick Schukalla
Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
Email: schukalla[at]ippnw.de

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