Von Alexander Wimmers | IPPNW-Forum 174

Rückbau: Die unterschätzte Aufgabe

Am 15. April 2023 wurden die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland endgültig abgeschaltet. Damit endet zwar die kommerzielle Nutzung der Atomenergie. Die Herausforderungen, die mit der jahrzehntelangen Nutzung dieser Energieform einhergehen, stehen jedoch erst am Anfang. Denn vor der endgültigen Einlagerung von radioaktiven Abfällen in noch nicht existierende Endlager stehen wesentliche Zwischenschritte an.

Einer dieser Zwischenschritte ist der technisch höchst aufwendige Rückbau der stillgelegten Atomkraftwerke. Aufgrund der kontaminierten und aktivierten Gebäude und Komponenten können kerntechnische Anlagen nicht konventionell abgerissen werden. Denn während des Betriebs kann nicht verlässlich vorhergesagt werden, welche Gebäudeteile und Komponenten wie stark radioaktiv kontaminiert oder aktiviert sein werden. So bedarf es einer sorgfältigen Planung und Aufsicht während des gesamten Prozesses, um einerseits die Sicherheit der vor Ort tätigen Mitarbeitenden zu gewährleisten, andererseits auch um sicherzustellen, dass keine Kontamination nach außen dringen kann.

Die Atomindustrie ist im Bereich des Rückbaus weitgehend unerfahren. Von den mehr als 200 Kernreaktoren, die Mitte 2022 stillgelegt waren, wurden bisher nur etwa 20 vollständig zurückgebaut. Dabei handelt es sich größtenteils um Forschungsreaktoren mit wenigen Megawatt Leistung – die Erfahrungen mit dem Rückbau hochkapazitärer Atomkraftwerke sind also beschränkt.

In den letzten Jahrzehnten wurden verschiedene Rückbaustrategien verfolgt. Die heute weitestgehend etablierte Strategie ist die des sofortigen Rückbaus. Hier werden die Rückbauarbeiten direkt nach der Stilllegung aufgenommen, um das institutionelle Wissen der Mitarbeitenden zu nutzen und um den Standort möglichst zügig aus der atomrechtlichen Überwachung zu entlassen. Bei der Strategie des verzögerten Rückbaus werden die Anlagen über Jahre bis Jahrzehnte in den sog. „sicheren Einschluss“ (engl. „longterm enclosure“) übergeben, um Strahlung abklingen zu lassen; der Rückbau soll dadurch weniger gefährlich sein. Allerdings stellte man beispielsweise im Vereinigten Königreich an einigen Standorten fest, dass durch diese Verzögerung wichtiges Wissen über mögliche Kontamination, vor allem in Abfallsammelbecken, verloren gegangen war. Man bemüht sich aktuell um einen Strategiewechsel hin zum sofortigen Rückbau. Die dritte Strategie ist der sogenannte „langfristige Einschluss“ (engl. „entombment“). Die Anlage wird versiegelt, wie am Reaktor Nr. 4 in Tschernobyl geschehen, und der Rückbau wird ins Ungewisse verschoben.

In Deutschland werden aktuell 32 Reaktoren parallel zurückgebaut. Dabei wird vor allem der sofortige Rückbau angewandt, was mitnichten bedeutet, dass dies zügig geschieht: Das einzige kommerzielle Atomkraftwerk, das nach 17 Jahren technisch vollständig zurückgebaut wurde, ist das Atomkraftwerk Würgassen. Perspektivisch soll der Standort als zentrales Zwischenlager für das Endlager Konrad genutzt werden. Daher ist der Standort auch heute noch nicht aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen. Die aktuellen Schätzungen der Atomkraftwerksbetreiber hinsichtlich der Dauer des Rückbaus sind bestenfalls vage gehalten, vgl. Abbildung 1. Eindeutig ist jedoch, dass der Rückbau im Schnitt über 28 Jahre dauern könnte. Bestätigt wird diese Einschätzung aus bisherigen Erfahrungen, die zeigen, dass der Rückbau länger andauern kann als der Betrieb der Anlagen. So werden die Atomkraftwerke der ehemaligen DDR, Greifswald und Rheinsberg, seit 1995 von der bundeseigenenen EWN zurückgebaut. Mittlerweile wird nach zahlreichen unerwarteten Verzögerungen von der Veröffentlichung eines Abschlussdatums abgesehen. In Deutschland befinden bzw. befanden sich zwei Kernreaktoren im „sicheren Einschluss“. Das Atomkraftwerk Lingen war von seiner Stilllegung 1977 bis 2015 in diesem Zustand, sodass heute am Standort aktiv zurückgebaut wird. Der Hochtemperaturreaktor THTR-300 in Hamm-Uentropp, eine der größten Fehlinvestitionen der deutschen Atomkraftwerksgeschichte, ist heute noch verschlossen und soll ab den frühen 2030er-Jahren zurückgebaut werden.

 

 Abbildung 1: Bau, Betrieb und (geplanter) Rückbau deutscher Atomkraftwerke (Eigene Darstellung)
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Die Finanzierung des Rückbaus westdeutscher Atomkraftwerke obliegt auch nach der Neuregelgung der Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung 2017 vollständig bei den Betreibern E.ON, EnBW und RWE, sowie zu einem Teil für das Atomkraftwerk Isar 2 bei den Stadtwerken München. Die Betreiber sind verpflichtet, alljährlich Informationen zu den Rückstellungen für den Rückbau bereitzustellen, welche vom Deutschen Bundestag veröffentlicht werden. In Summe beliefen sich diese Rückstellungen Ende 2020 auf 21,5 Mrd. Euro. Diese Summe deckt sich inflationbereinigt ungefähr mit Schätzungen einer 2015 durch die Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie. Ob diese Deckung aufrechterhalten werden kann, bleibt abzuwarten. Bisherige Kostenannahmen und -projektionen geben Anlass für Zweifel. Beispielsweise mussten kürzlich die Annahmen für die Projektkosten für den Rückbau von sieben französischen Reaktoren von 4 auf 6,5 Mrd. Euro korrigiert werden. Auch die letzte Schätzung der Kosten für den Rückbau der DDR-Kraftwerke, finanziert aus dem Bundeshaushalt, aus 2015 liegt um mehr als 2 Mrd. Euro über den vorher angenommenen.[1] Ob von den Betreibern versprochene Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen tatsächlich auftreten werden, kann heute noch nicht abgesehen werden. Historisch nicht eingehaltene Versprechen der Atomindustrie, insbesondere beim Neubau von Atomkraftwerken, lassen vermuten, dass auch hier aus heutiger Sicht unbegründeter Optimismus vorherrscht. Sollte sich herausstellen, dass die Betreiber finanziell nicht für den sicheren Rückbau aufkommen werden können, besteht auch in Deutschland weiterhin die Möglichkeit der schon oft praktizierten Vergesellschaftung von Kosten und Risiken im Atomsektor.

Der sichere und effiziente Rückbau ist für das Gelingen der „Atomwende“, also der vollständigen Beendigung der Nutzung der Atomenergie, in Deutschland essenziell.[2] Mit dem Beschluss zur Beendigung des kommerziellen Betriebs der Atomenergie zur Stromerzeugung war das Volumen des hochradioaktiven Abfalls in Form abgebrannter Brennelemente abschätzbar, sodass ein tiefengeologisches Endlager planbar ist. Beim Rückbau entstehen allerdings in Form radioaktiver Anlagenteile und Bauschutts, welche z.B. aufgrund einer Aktivierung nicht dekontaminiert werden können, Unmengen an schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, die ebenso wie die Brennelemente gelagert werden müssen. Das im Bau befindliche Endlager Konrad wird in der Lage sein, einen Großteil dieser Abfälle aufzunehmen. Eine genaue Abschätzung über die benötigten Volumina ist jedoch erst in einigen Jahren möglich, wenn der Rückbau an deutschen Atomkraftwerken vorangeschritten ist. Weiterhin verhindert die bestehende Endlagerproblematik eine anderweitge Nutzung der meisten Standorte. Aktuell lagern abgebrannte Brennelemente an acht ehemaligen Kraftwerkstandorten in Lagerbecken und an 13 Standorten in CASTOR-Behältern in sog. dezentralen Zwischenlagern. Bis ein Endlagerstandort gefunden und errichtet ist und die hochradioaktiven Abfälle zur Einlagerung dorthin transportiert werden können, müssen die Behälter an den Standorten bleiben. Deren Betriebsdauer ist auf 40 Jahre ausgelegt, sodass die ersten Genehmigungen in den 2030er Jahren auslaufen werden. Die Zwischenlagerung verhindert die Entlassung der Standorte aus der atomrechtlichen Überwachung und somit eine Weiternutzung.

Die Beendiung der kommerziellen Nutzung der Atomenergie zur Stromerzeugung ist ein notwendiger, jedoch keineswegs hinreichender Schritt zum Gelingen der Atomwende in Deutschland. Der Fokus der Öffentlichkeit muss sich jetzt darauf richten, die für den sicheren und zügigen Rückbau der Atomkraftwerke verantwortlichen Akteure an ihre Aufgaben zu erinnern. Denn erst wenn der Rückbau vollständig abgeschlossen und die einzulagernden radioaktiven Volumina feststehen, kann die Endlagerung von radioaktiven Abfällen perspektivisch abgeschlossen werden. Bis dahin muss der Staat gewährleisten (und die Gesellschaft darauf bestehen), dass die hohen Sicherheitsstandards an den dezentralen Zwischenlagern aufrecht erhalten bleiben – und die Verantwortung dafür bei den Betreibern bleibt.

Alexander Wimmers ist Wirtschaftsingenieur und forscht an der TU Berlin zur politischen Ökonomik der Atomenergie.


[1] Eine Übersicht über die Organisation, Finanzierung und Fortschritt des Rückbaus in sechs Ländern gibt eine Studie aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt der TU Berlin und der Universität Basel, vgl. Wimmers et al. (2023) Decommissioning of Nuclear Power Plants: Regulation, Financing, and Production. DIW Data Documentation 104, DIW Berlin, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.864222.de/diw_datadoc_2023-104.pdf

[2] Vgl. Präger, Brunnengräber, von Hirschhausen (2023) Atomwende? Ja bitte! Warum die Abkehr von der Atomenergie und eine gute Entsorgungspolitik die Energiewende in Deutschland befördern werden. GAiA, Vol. 32/S2, https://www.oekom.de/_files_media/zeitschriften/artikel/GAIA_2023_01_86.pdf

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Ansprechpartner*in

Angela Wolff

Angela Wolff
Referentin Atomausstieg, Energiewende und Klima
wolff [at] ippnw.de

Materialien

Titelfoto: Stephi Rosen
IPPNW-Forum 174: Der unvollendete Ausstieg: Wie geht es weiter für die Anti-Atom-Bewegung?
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