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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter September 2016

Der Kampf um die ukrainische Atomindustrie

Wird das Bürgerkriegsland künftig aus Westfalen mit Uran beliefert?

Chernobyl, Ukraine (Sept. 2010), Foto: Patrik Hermansson, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de
14.09.2016

Man sollte meinen,  dass die Ukrainer nach dem Super-GAU von Tschernobyl ein gesundes Misstrauen ge-genüber den Versprechungen der Atomenergie entwickelt hätten. Leider scheint das nicht der Fall zu sein. Noch immer werden in dem von Krieg und Teilung gezeichneten Land 15 atomare Altmeiler an 4 Standorten betrieben. Nun könnten diese bald von Deutschland aus mit Uran-Brennstäben versorgt werden.

Bislang war die ukrainische Atomindustrie stark von Russland abhängig. Die Anlieferung von Brennelemen-ten und Ersatzteilen, die Wartung und die Abnahme von Atommüll - Ansprechpartner war stets der russische Weltmarktführer Rosatom. Angesichts der fortschreitenden Orientierung der Ukraine gen Westen soll nun jedoch auch die heimische Atomindustrie enger mit westlichen Firmen kooperieren. Der Ost-West Konflikt, der mittlerweile so viele Leben gekostet hat, wird nun auch auf dem Atommarkt ausgetragen. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem forcierten Weg der Ukraine nach Westen ist der kürzlich abgeschlossene Vertrag zwischen dem staatlichen ukrainischen Atombetreiber Energoatom und der europäischen Uranfirma URENCO. Diese soll angereichertes Uran für ukrainische Atomkraftwerke liefern. Geplant sind laut Vertrag zwei Lieferungen von angereichertem Uran pro Jahr für vorerst drei Jahre. Zwischenstopp wäre die Westinghouse-Brennelementefabrik im schwedischen Västerås, wo das Uran in Brennelemente eingebaut werden soll. Künftig soll dieses Liefervolumen noch ausgebaut werden, um die Abhängigkeit von Rosatom und Russland weiter zu reduzieren und durch eine Abhängigkeit von westlichen Firmen zu ersetzen.

Die britisch-niederländisch-deutsche Firma URENCO, an der die beiden Energieriesen E.on und RWE beteiligt sind, betreibt unter anderem eine Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau. Bislang sind nur wenige Details bekannt, aber es ist nicht auszuschließen, dass in Zukunft angereichertes Uran aus Deutsch-land in die Ukraine geliefert wird. Sollte sich in den kommenden Monaten herausstellen, dass tatsächlich Gronau als Standort von URENCO ausgewählt wird, würde dies die deutsche Regierung vor eine Entscheidung stellen. Gemäß Atomgesetz muss nämlich die Ausfuhr von Atombrennstoff vom Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium genehmigt werden. Die Bundesregierung könnte also durchaus eine Lieferung aus Gronau verhindern.

Schon jetzt entwickelt sich die URENCO-Urananreicherungsanlage mehr und mehr zum Politikum, ist sie doch unverständlicherweise vom Atomausstieg bislang ausgeklammert worden. URENCO hatte dieses Jahr zudem massive Kritik auf sich gezogen, als bekannt wurde, dass angereichertes Uran aus Gronau auch an die belgische Atomfirma Synatom geliefert wird. Diese betreibt die maroden belgischen Atomreaktoren in Tihange und Doel, von denen eine direkte Gefahr auch für Deutschland ausgeht. Mehrere Kommunen und Bundesländer klagen aktuell gegen den Weiterbetrieb dieser Anlagen, während deutsche Energiefirmen die katastrophengefährdete Atomkraftwerke weiter mit Brennstoff versorgen. Nun also Uranexporte die Ukraine. Auch hier gelten die Atomkraftwerke nicht gerade als sicher, zumal die Ukraine der erste Atomstaat der Welt sein dürfte, in dem ein Bürgerkrieg herrscht. Die Sorge, dass auch die Atominfrastruktur oder gar die Atomreaktoren selber Ziele von Kampfhandlungen oder Anschlägen sein könnten, ist verständlicherweise groß.

Auch ohne äußere Einwirkung durch den andauernden Konflikt im Land stellen die veralteten Kraftwerke bereits jetzt ein relevantes Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Je früher die Meiler abgeschaltet und durch alternative, am besten regenerierbare Energiequellen ersetzt würden, desto besser. Stattdessen sind die geplanten Brennelementexporte in die Ukraine an Kredite für Modernisierungen gekoppelt, die eine Laufzeitverlängerung der Altmeiler ermöglichen soll. So tragen die Lieferungen von URENCO dazu bei, die marode Atominfrastruktur der Ukraine für viele weitere Jahre aufrechtzuhalten, statt sie durch moderne und sichere Alternativen zu ersetzen.

Dies ist umso schwerwiegender, wenn man bedenkt, dass der Wechsel von russischen auf westliche Brennelemente keineswegs die Sicherheit der Atomkraftwerke erhöhen würde. Experten warnen, dass genau das Gegenteil der Fall wäre. Die ukrainischen Atomkraftwerke sind für russische Brennelemente ausgelegt, so dass der Einsatz der Westinghouse-Brennstäbe zu technischen, ggf. auch sicherheitsrelevanten Problemen führen könnte. Der während der Übergangsphase geplante gleichzeitige Einsatz von Westinghouse- und Rosatom-Brennstäben ist noch umstrittener. Rosatom bezeichnet die Verwendung von fremden Brennstäben und Ersatzteilen explizit als Sicherheitsrisiko und lehnt jegliche Haftung ab. Keine guten Vo-raussetzungen für die Zukunft der ukrainischen Atomindustrie.

Die Alternative wäre eine Kombination aus Energiespar- und Effizienzmaßnahmen und eine Energiewende hin zu Erneuerbaren Energien. Das Potential der Ukraine ist enorm. Laut dem internationalen Energiekooperationsprojekt zwischen der EU und der ehemaligen Sowjetunion INOGATE, besteht ein Energiesparpotential von nahezu 50%. Zudem besteht in der Ukraine eine hohe Sonneneinstrahlung, die vor allem in der Südhälfte des Landes deutlich über der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung in Deutschland liegt. Die größte Photovoltaikanlage Osteuropas steht in Ohotnikovo auf der Krimhalbinsel und gehört daher heute zu Russ-land, aber entlang des Asowschen Meers und der ukrainischen Schwarzmeerküste besteht großes Potential für weitere Photovoltaik-, Photothermie- und Windkraftprojekte. Auch Biomasse, Wasserkraft- und Geothermie-Resourcen sind in der Ukraine reichlich vorhanden, so das die GIZ von einer möglichen Steigerung der erneuerbaren Energieproduktion in der Ukraine um den Faktor 10 in den kommenden 15 Jahren ausgeht.

Die deutsche IPPNW fordert daher von der Bundesregierung neben einem Verbot von Urananreicherung und Uranexport auch konkrete Maßnahmen zur Unterstützung einer Energiewende in der Ukraine – weg von der gefährlichen Atomindustrie und den schmutzigen fossilen Brennstoffen und hin zu Energieeffizienz, Energiesparen und Erneuerbaren Energien. Weg von der Abhängigkeit von ausländischen Energiekonzernen und hin zu einer echten Energieautonomie.

Von Dr. Alex Rosen

 

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Foto: Chernobyl, Ukraine (Sept. 2010), Foto: Patrik Hermansson, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de

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