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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter September 2016

Atomenergie in Großbritannien vor dem Aus?

Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)
12.09.2016

Viel wurde in den letzten Wochen über die schädlichen Folgen der britischen Entscheidung geschrieben, die EU zu verlassen. Ein bislang wenig beachteter Aspekt des Brexit-Votums ist jedoch die Position der neuen britischen Regierung unter Theresa May zum Thema Atomenergie. Könnte sie möglicherweise das Ende der zivilen Atomenergie Nutzung in Großbritannien einleuten?

Während sich in Deutschland nach Tschernobyl und Fukushima und durch die aufklärerische Arbeit der Anti-Atom-Bewegung ein breiter gesellschaftlicher Konsens herausbildete, dass Atomkraft keine Zukunftsoption für die Energiegewinnung in unserem Land darstellt, hat es die Atomlobby in Großbritannien geschafft, sie als vermeintlich "saubere", ja sogar "grüne" Alternative zu den fossilen Energieträgern zu verkaufen. Selbsternannte "environmentalists" wie George Monbiot, die sich intensiv gegen den Klimawandel und für den Umweltschutz engagierten, verteidigen plötzlich die Atomenergie als zukunftsträchtige Alternative zur Verfeuerung von Kohle und Gas. Selbst die britische IPPNW-Sektion MedAct ist in dieser Frage gespalten. Auf einem MedAct-Kongress im Dezember 2016 sollen die verschiedenen Argumente für und gegen Atomenergie als "Klimaretter" diskutiert und abgewogen werden.
 
Der britische Diskurs mutet für uns in Deutschland recht antiquiert an und erinnert ein wenig an unsere eigenen gesellschaftlichen Diskussionen in den 1990'er Jahren, die zum Atomausstiegs Beschluss von 2001 führten. Wir erinnern uns auch an den Versuch der hiesigen Atomlobby, in den Folgejahren durch groß angelegte Werbekampagnen und massiven politischen Druck die Entscheidung des Bundestags rückgängig zu machen. Doch der breite Konsens in der Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr umkehrbar – spätestens der Super-GAU in Japan 2011 beendete die Phantastereien von einer Atomrenaissance in Deutschland.
 
Eine ähnliche gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Zukunft der Energieproduktion findet nun also auch in Großbritannien statt. Der offenbare Widerspruch zwischen den optimistischen Erwartungen an die Atomenergie und der bedrückenden Realität scheint in der Debatte dabei fast eine Nebenrolle zu spielen. Die mittlerweile 70 Jahre alte Atomtechnologie wird der Bevölkerung weiterhin als moderner Heilsbringer für die Probleme der Energieversorgung und des Klimaschutzes verkauft. Massiver Fehlinformation, gekaufter Wissenschaftler und korrupten Politikern ist es zu verdanken, dass weiterhin unverblümt von der "Grünen Atomenergie" gesprochen und sogar der Bau neuer Atomkraftwerke geplant werden kann. Sieben der acht aktiven britischen AKWs stammen aus den Jahren 1976 bis 1988. Der letzte Atommeiler ging 1995 ans Netz - vor mehr als 20 Jahren. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus. Atomenergie ist ein Auslaufmodell. Das wollte die letzte britische Regierung unter David Cameron jedoch ändern.  
 
Im Süden Englands, in Hinkley Point, sollte ein Europäischer Druckwasserreaktor (EPR) errichtet werden - ein Reaktortyp, der noch nicht erprobt ist und dessen Bau im finnischen Olkiluoto sich bereits seit zehn Jahren verzögert und dessen Kosten mittlerweile auf das Dreifache des ursprünglich veranschlagten Betrags angestiegen sind. Auch der geplante EPR im französischen Flamanville ist bereits sechs Jahre im Verzug und kostet mittlerweile dreimal so viel wie anfangs berechnet. Die französische Firma Areva ist durch diese beiden Projekte in die Pleite getrieben worden, andere beteiligte Firmen wie Siemens sind mittlerweile aus der Atomenergie ausgestiegen. Durch das erhöhte Risikobewusstsein in der Bevölkerung und die dadurch notwendigen Sicherheitsbestimmungen ist mit Atomkraftwerken heutzutage ohne substantielle staatliche Förderung kein Geld mehr zu verdienen.
 
Das südenglische Hinkley Point C. ist also der dritte Versuch, in Europa ein großes neues Atomkraftwerk zu errichten: Unter der Regierung Cameron war das Projekt in Zusammenarbeit mit der staatlichen chinesischen Firma CGN und der staatlichen französischen Firma EDF politisch forciert worden. Im Juli 2016 sollten die Finanzierungsverträge unterzeichnet werden, in 2019 sollte der erste Spatenstich stattfinden, in 2023 sollte sie ans Netz gehen - ein ehrgeiziger Plan, wenn man die Bauverzögerungen in Finnland und Frankreich bedenkt. Ob der EPR jemals fertig gestellt wird, ist weiterhin unklar.
 
Seit Jahren warnen PolitikerInnen, ExpertInnen und sogar der britische Rechnungshof zudem vor immensen Kostensteigerungen des ursprünglich auf 21 Milliarden Pfund bezifferten Projekts. Schon vor Baubeginn rechnet man in London mit Kosten von mehr als 35 Milliarden Pfund. Innerhalb des Aufsichtsrats von EDF kam es über der Entscheidung, Hinkley Point C zu bauen zu Rücktritten. Am Ende fiel die Entscheidung in einer Kampfabstimmung. Kritiker warnen davor, dass EDF mit dem Projekt sein finanzielles Grab schaufele. Denn EDF hat Schulden in Höhe von 37 Milliarden Euro und musste bereits mit Steuergeldern vor dem Bankrott bewahrt werden. Die Investitionssumme für Hinkley Point C übersteigt ExpertInnen zufolge die Kapazitäten des angeschlagenen Konzerns und droht, Gelder aus anderen, sicherheitsrelevanten Bereichen der französischen Energiewirtschaft abzuziehen – ein Thema, das auch den Rest der europäischen Bevölkerung sorgen dürfte.
 
Um EDF das ungeliebte Projekt dennoch schmackhaft zu machen, war die britische Regierung zu weitreichenden finanziellen Zugeständnissen bereit. Die ungewöhnlich hohe garantierte Einspeisevergütung von 9,25 Pence pro Kilowattstunde (derzeit etwa 10,7 Euro-Cent) über insgesamt 35 Jahre bedeutet dabei nichts anderes als eine massive Subventionierung des Atomkraftwerks durch den Steuerzahler. Bereits heute ist Strom aus Solarenergie deutlich günstiger: Einspeisevergütungen für große Solaranlagen in Deutschland liegen derzeit zwischen sieben und acht Cent pro Kilowattstunde. Wie hoch die Subventionen für den Atomstrom aus Hinkley Point C endgültig ausfallen, ist dabei heute noch gar nicht abzusehen: Seit Vereinbarung des Garantiepreises 2012 ist der Strompreis bereits so stark gesunken, dass die Subventionsversprechungen sich mehr als verdoppelt haben. Derzeit geht man von etwa einer Milliarde Britischer Pfund aus, die aus Steuergeldern jedes Jahr fließen würde.
 
Neben den finanziellen Sorgen warnen SicherheitsexpertInnen zudem vor der Beteiligung chinesischer Staatsfirmen in einem solch sensiblen Bereich wie der britischen Atomenergie. Eine Manipulation der britischen Energieversorgung sei technisch nicht auszuschließen. Und selbst ohne dieses abenteuerliche Szenario stellen Fragen der Sicherheit in Großbritannien eine relevante Sorge dar. Nach Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima sind die Sicherheitsversprechungen der Atomwirtschaft nicht mehr glaubwürdig.
 
All diese Bedenken sind offenbar nicht an den PolitikerInnenn in London vorbeigegangen. Nach der knappen Entscheidung des EDF-Aufsichtsrats für den Bau von Hinkley Point C im vergangenen Monat erklärte Theresa May nun, das gesamte Projekt noch einmal auf den Prüfstand stellen zu wollen. Einen endgültigen Entschluss der britischen Regierung sollte es erst im Herbst 2016 geben. Die Vertragsunterzeichnung mit den chinesischen und französischen Partnern wurde kurzerhand abgesagt, das Image des Projekts nahm weiter Schaden. Nun bleibt abzuwarten, zu welchem Entschluss die neue Regierung am Ende kommt. Objektiv betrachtet bleibt ihr nichts anderes übrig, als das Projekt zu stoppen. Selbst Unterstützer der Atomenergie gehen mittlerweile auf Distanz zu Hinkley Point C. Sie sprechen von einem „Weißen Elefanten“ – einem offensichtlichen Problem, das jeder sieht, aber das keiner sich anzusprechen traut. Der Entschluss der britischen Regierung zum Stopp von Hinkley Point C wäre der letzte Sargnagel der britischen Atomindustrie. 2035 geht das letzte britische Atomkraftwerk vom Netz, danach wäre Großbritannien atomkraftfrei – auch ohne jemals wie Deutschland den Atom¬ausstieg formell zu beschließen.

Dr. Alex Rosen
Stellv. Vorsitzender der deutschen  IPPNW

Der Artikel erscheint parallel im Mitglieder Magazin "ippnw forum" vom September 2016

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Foto: Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)

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