06.06.2011 Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Tausende Leiharbeiter in deutschen Atomkraftwerken. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kritisiert bereits seit langem, dass bei der Wartung deutscher Atomkraftwerke regelmäßig ungelernte Hilfskräfte und Leiharbeiter eingesetzt werden. Die im Bereich Herstellung und Wartung von Atomkraftwerken tätige Siemens AG, heute firmierend als Siemens-Beteiligungsgesellschaft AREVA, setzt bei der Wartung der deutschen Atomkraftwerke bis zu 40% "Hilfskräfte" ein. Die Arbeiter werden oft in 10-Stunden-Schichten in den Strahlenbereichen eingesetzt.
Der zunehmende Kostendruck aufgrund der Teil-Liberalisierung der Strommärkte führte in den 1990er Jahren obendrein dazu, dass Wartungsarbeiten, Prüfungen und Revisionszeiten reduziert wurden.
40 Prozent Hilfskräfte und 10-Stunden-Schichten
Die Atomfirma Siemens setzte bei der Wartung der deutschen Atomkraftwerke bis zu 40% "Hilfskräfte" ein. Nach Angaben von Siemens waren die Hilfskräfte selbst beim Austausch sogenannter Steuerstabantriebe beteiligt, die im Notfall die Atomkraftwerke abschalten sollen. Wegen des zunehmenden Kostendrucks aufgrund der Strommarktliberalisierung werden sie in 10-Stunden-Schichten in den Strahlenbereichen eingesetzt.
Verkürzung von Revisionszeiten
Um die Kosten für den Reaktorbetrieb zu reduzieren, wurden zudem die jährlichen "Revisionszeiten", bei denen einzelne Anlagenteile überprüft und repariert werden, immer stärker verkürzt. Im Atomkraftwerk Neckarwestheim-2 wurde die Revisionszeit innerhalb von fünf Jahren von 33 Tagen auf 17 Tage um die Hälfte reduziert.
Neue Instandhaltungskonzepte
Der immense Kostendruck führte in deutschen Atomkraftwerken auch zur Einführung neuer Instandhaltungskonzepte: Immer weniger Anlagenteile wurden einer intensiven Prüfung unterzogen und bei mehrfach vorhandenen Sicherheitssystemen wurden Reparaturen einzelner Systeme zeitlich verschoben.
Bei der Prüfung der rund 20.000 Armaturen eines Atomkraftwerks, von denen ein erheblicher Teil als "Sicherheitsventile" zu den zentralen Sicherheitseinrichtungen gehören, plädierte Siemens für den Ausbau bzw. die Einführung einer "zustandsorientierten Instandhaltung", um "längere Service-Intervalle" zu erreichen.
Das bedeutet, daß Armaturen wesentlich seltener überprüft und "bis kurz vor die Abnutzungsgrenze" eingesetzt werden.
Bei Armaturen sowie Pumpen in den Not- und Nachkühlsystemen soll nach Angaben des Atomkraftwerks Grohnde nur noch der Zustand einzelner Komponenten überprüft werden. Die Ergebnisse werden dann auf die übrigen Komponenten übertragen ("Referenzmethode"). Hierbei sind aber "nur wahrscheinlichkeitsbehaftete Aussagen möglich", die eine "langjährige Erfahrung" erfordere, um die Meßergebnisse "richtig interpretieren zu können". Die Atomwirtschaft verläßt sich auf das Prinzip Hoffnung.
Von Henrik Paulitz, IPPNW
Weitere Informationen finden Sie in folgenden Artikeln:
Gravierende Fehler bei Elektroarbeiten in Biblis A nachgewiesen
Nach Angaben eines vor einigen Jahren in Biblis A tätigen Elektromonteurs wurden dort bei sicherheitstechnischen Nachrüstungen gravierende Fehler gemacht. Da sein ehemaliger Arbeitgeber Siemens offenbar nichts unternahm, wandte sich der Elektromonteur schließlich an die IPPNW. Diese machte Druck bei der Atomaufsicht. Doch RWE und die hessische Atomaufsicht wiesen alle Vorwürfe weit von sich.
Mehr unter www.ippnw.de/atomenergie/atomenergie-sicherheit/artikel/880665e158/ehemalige-beschaeftigte-erheben-vorw-1.html
Folgenschwerer Traumstart von Siemens
Im Jahr 1998 hat Siemens im Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 die Kraftwerkssteuerung in sicherheitsrelevanten Bereichen auf digitale Leittechnik umgerüstet. Am 10. Mai 2000 war diese digitale Leittechnik dafür verantwortlich, dass mit der Reaktorschnellabschaltung das zentrale Sicherheitssystem des Reaktors blockiert war.
Mehr unter www.ippnw.de/atomenergie/artikel/858f6f826a/folgenschwerer-traumstart-von-siemen.html
Die unverantwortlichen Atomgeschäfte von Siemens
Die Siemens AG ist einer der weltweit führenden Atomkonzerne. Seit 2001 firmiert das Atomgeschäft unter "Framatome ANP", einer Beteiligungsgesellschaft von Siemens. Nach Auffassung der IPPNW sind diese Atomgeschäfte unverantwortlich. Siemens hat alle deutschen Atomkraftwerke gebaut und baut neue Atomkraftwerke.
Mehr unter www.ippnw.de/print/atomenergie/atomkonzerne/siemens-boykott/artikel/14de9425e7/die-unverantwortlichen-atomgeschaeft.html
Brief an den damaligen Umweltminister Trittin
In einem Brief wendet sich die IPPNW wegen Hilfskräften, Revisionszeiten und neuen Instandhaltungskonzepten an den damaligen Umweltminister Jürgen Trittin. "Vor diesem Hintergrund möchten wir anhand von zwei Beispielen deutlich machen, dass unseres Erachtens das Qualitätsmanagement in den deutschen Atomkraftwerken versagt und im Bereich des Kraftwerks-Service regelmäßig schwerwiegende Fehler gemacht werden" heißt es darin
Den Brief finden Sie unter www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/BMU_Trittin10_05_2005.pdf
Wichtiger Hinweis: Weitere wichtige Original-Text dokumentieren wir in wenigen Stunden auf dieser Website!
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