Aus IPPNW-Forum 77/02

Schlechte Noten für Siemens-Reaktor

Finnland

Der weltweit führende Atomkraftwerkshersteller Framatome ANP, eine Beteiligungsgesellschaft der Siemens AG, drängt Finnland zwei angeblich super-sichere Reaktortypen auf. Die vorläufige Sicherheitsbeurteilung der finnischen Genehmigungsbehörde ergab allerdings, dass keiner der untersuchten Reaktoren den erforderlichen Sicherheitsbestimmungen entspricht. "Zündkerzen" können gefährliche Wasserstoffexplosionen herbeiführen - wie vor wenigen Monaten im deutschen Siemens-Reaktor Brunsbüttel geschehen.

Mit knapper Mehrheit billigte das finnische Parlament im Mai diesen Jahres den Bau eines fünften Reaktorblocks in Finnland. Das Atomkraftwerk soll eine thermische Leistung von bis zu 4.300 Megawatt haben. Die elektrische Leistung soll zwischen 1000 und 1600 Megawatt liegen.

Nach Angaben der Siemens-Tochter Framatome ANP ist vor Ablauf des Jahres 2002 mit der Ausschreibung durch den finnischen Atomkraftwerksbetreiber TVO zu rechnen. Die Auftragsvergabe wird bis Ende des Jahres 2003 erwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt soll auch der Standort feststehen. Vor Baubeginn ist das atomrechtliche Genehmigungsverfahren zu durchlaufen, für das etwa zwei Jahre anzusetzen sind.

Im Jahre 2005 soll mit dem Bau des Atomkraftwerks begonnen werden. Mit der Fertigstellung wird offiziell bis zum Jahr 2010 gerechnet.

Es bleibt also noch Zeit, den Bau zu verhindern. Beispielsweise durch das Herbeiführen von Image-Schäden bei Siemens im Rahmen des Siemens-Boykotts. Siemens sollte sich noch rechtzeitig von dem Projekt verabschieden.

Vernichtendes Zeugnis
Die Beteiligungsgesellschaft von Siemens, Framatome ANP, versucht den Finnen zwei neue Reaktorentwicklungen schmackhaft zu machen: zum einen den sogenannten "Europäischen Druckwasser-Reaktor (EPR)", zum anderen einen Siedewasserreaktor mit der Bezeichnung "SWR-1000". Beides sind lediglich Weiterentwicklungen von bestehenden Druck- bzw. Siedewasserreaktor-Konzepten, werden aber dennoch als super-sichere neue  Reaktorentwicklungen angepriesen.

Die finnische Genehmigungsbehörde STUK hat im Auftrag des finnischen Wirtschaftsministeriums eine vorläufige Sicherheitsbeurteilung vorgenommen. Ergebnis: keiner der untersuchten Reaktortypen entspricht den erforderlichen Sicherheitsbestimmungen. Ein vernichtendes Zeugnis für angeblich super-sichere Reaktorneuentwicklungen aus dem Hause Siemens.

Großreaktor statt "inhärente Sicherheit"
Der "Europäische Druckwasserreaktor (EPR)" wurde in den 90er Jahren von Siemens und der französischen Firma Framatome entwickelt (der Name der einstigen Holding, Framatome, wurde inzwischen für die deutsch-französische Tochtergesellschaft übernommen).

Der EPR war eine Antwort von Siemens auf die "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke - Phase B", in der allen derzeit in Deutschland betriebenen Atomkraftwerken ein erhebliches Super-GAU-Risiko mit massiven radioaktiven Freisetzungen bescheinigt wurde.

Siemens versprach damals einen sogenannt "inhärent sicheren" Reaktor, bei dem die gefürchtete Kernschmelze durch die Art der Konstruktion und die geringe Leistung konstruktiv ausgeschlossen sein sollte. Doch mit der Entwicklung des EPR wurde das Gegenteil praktiziert: Der neue Super-Reaktor wurde für die gewaltige elektrische Leistung um 1.500 Megawatt konzipiert - mit einem entsprechend gigantischen radioaktiven Inventar.

Diese allein aus wirtschaftlichen Gründen vorgenommene Leistungssteigerung gegenüber bisherigen Reaktoren, wurde vom Öko-Institut 1999 in einem Gutachten für das Europäische Parlament heftig kritisiert. Das - inzwischen als moderat atomskeptisch einzustufende und von Gutachteraufträgen aus Regierung und Industrie abhängige - Institut fragt, ob wirtschaftliche Erwägungen oder die Sicherheit ausschlaggebend für die Konzeption von Atomkraftwerken sein soll.

Im Laufe der EPR-Entwicklung seien zahlreiche "bemerkenswerte Änderungen" vorgenommen worden, um die Konkurrenzfähigkeit gegenüber fossilen Großkraftwerken zu erhöhen, schreibt das Öko-Institut.

Ungelöste Sicherheitsprobleme
Da eine Kernschmelze bei dem Großreaktor konstruktiv nicht ausgeschlossen werden kann, bestand die zentrale sicherheitstechnische Zielsetzung darin, die Kernschmelze im Notfall aufzufangen und zu stabilisieren. Der abstürzende, mehrere hundert Tonnen schwere und 3000 Grad heiße Kern soll sich in einem weitläufigen Keramikbecken ergießen, ein darüber angeordnetes Wasserbassin soll die Schmelze kühlen und stabilisieren.

Auf einem "EPR-Workshop" der schleswig-holsteinischen Landesregierung in Kiel im Jahre 1999 wurde ausführlich über laufende Experimente zur Kühlung von Metallschmelzen berichtet. Es zeigte sich, dass das Aufeinandertreffen der heißen Schmelze mit dem Kühlwasser zu heftigsten Explosionen führen kann. Mindestens einmal führten die Experimente zur Zerstörung einer Versuchsanlage. Es zeigte sich, dass die Sprengkraft selbst für den angedachten Sicherheitsbehälter aus doppelwandigem Stahlbeton zu groß wäre.

Der für die EPR-Entwicklung zuständige Siemens/Framatome-Manager Ulrich Fischer musste auf dem Workshop einräumen, dass man dieses zentrale sicherheitstechnische Problem noch nicht gelöst hat.

Dennoch wird den Finnen mit dem EPR ein Atommeiler angeboten, für dessen zentrales Sicherheitssystem ein akzeptabler Nachweis nicht erbracht werden kann.

Wasserstoffexplosionen
Am 14. Dezember 2001 war im deutschen Atomkraftwerk Brunsbüttel in unmittelbarer Nähe des Reaktorkerns drei Meter einer Rohrleitung durch eine Wasserstoffexplosion zerfetzt worden. Es hätte leicht zum Super-GAU kommen können. Die Atomindustrie kann bislang nicht erklären, wie der Wasserstoff im "Normalbetrieb" in dieser Menge an dieser Stelle entstehen konnte.

Im Falle einer Kernschmelze zählen Wasserstoffexplosionen zu den größten Gefahrenquellen für eine Zerstörung des Reaktors. Wasserstoff kann bei einer Kernschmelze in großer Menge entstehen, wie die Atomindustrie offenbar erst seit dem Unfall im US-amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburg im Jahre 1979 weiß.

Das nicht mehr wegzudiskutierende Problem möglicher Wasserstoffexplosionen brachte die Siemens-Ingenieure bei der Entwicklung des EPR auf eine Idee, die das Öko-Institut - laut früherer Stellungnahmen - für besonders abwegig hält: "Zündkerzen" sollen den entstehenden Wasserstoff frühzeitig verbrennen, bevor große Mengen des Gases entstehen, die den gesamten Atommeiler zerstören könnten. Das Institut vermutet, dass diese Zündkerzen wohl die sicherste Art sind, um den Sicherheitsbehälter des Reaktors zum frühestmöglichen Zeitpunkt gezielt zu zerstören und Radioaktivität freizusetzen.
Grundlegende Defizite
Nach Auffassung des Öko-Instituts können die vorgeschlagenen Maßnahmen "die grundlegenden Defizite der vorhandenen Anlagen nicht beseitigen." Bis 1999 lag keine detaillierte Veröffentlichung von unabhängiger Seite vor, in der das Unfallrisiko des EPR abgeschätzt wurde.

Dass der EPR keinen Quantensprung in der Reaktorsicherheit bedeutet, gestand aber ohnehin Siemens-Atommanager Adolf Hüttl bereits im Rahmen der ersten Energiekonsensgespräche im Jahre 1993 indirekt ein. Er gab zu, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze gegenüber heutigen Reaktoren nicht verringert. 1989 hatte er schon verlangt, dass die Sicherheitsanforderungen an den neuen Reaktor nicht zu hoch geschraubt werden sollten. Schließlich kostet Sicherheit jede Menge Geld.

SWR-1000: erst klein und passiv …
Auch beim zweite Reaktortyp, der den Finnen angepriesen wird, wurde im Laufe seiner Entwicklung nach Wirtschaftlichkeitsberechnungen an der Sicherheit gespart. Der Siedewasserreaktor SWR-1000 wurde seit 1992 im Auftrag der Atomkraftwerksbetreiber RWE und E.ON (damals Veba und Viag) entwickelt, die die Entwicklungskosten an die Stromkunden abwälzen konnten.

Der neue Reaktortyp galt aufgrund seiner teilweise passiv wirkenden Sicherheitssysteme als "revolutionäres" oder auch "innovatives" Reaktorkonzept. Ursprünglich sollte der als SWR-600 bezeichnete Reaktor aus Sicherheitsgründen eine vergleichsweise geringe elektrische Leistung von 780 Megawatt haben.

Das "innovative" Reaktorkonzept sah im Gegensatz zu den heutigen Atomreaktoren zudem eine Reihe passiv wirkender Sicherheitssysteme vor. Passive Sicherheitssysteme werden von Reaktorsicherheitsexperten gegenüber aktiven Systemen seit langem favorisiert, weil sie beispielsweise nicht darauf angewiesen sind, dass die Notstromversorgung auch tatsächlich funktioniert.

Im Gegensatz zu aktiven Systemen erfüllen passive Systeme ihre Funktion meist ohne bewegliche Teile und ohne leittechnische Auslösung und immer ohne Fremdenergieversorgung. Sie nutzen vom Prinzip her einfache physikalische Gesetzmäßigkeiten wie Wasserablauf durch Schwerkraft oder Wärmeübertragung von höherer zu niedriger Temperatur. Als passives System war beim SWR-600 auch ein Kühlmittelnaturumlauf vorgesehen.

... dann groß und aktiv
Erste Abschätzungen der zu erwartenden Stromerzeugungskosten zeigten 1993 allerdings Wettbewerbsnachteile gegenüber größeren Atomanlagen und fossil befeuerten Kraftwerken. "Deshalb", so Siemens-Ingenieur Werner Brettschuh in der Zeitschrift atomwirtschaft (4/96), "wurde das Konzept modifiziert".

Es wurden Abstriche an der ursprünglichen Sicherheitskonzeption vorgenommen: die elektrische Leistung wurde auf rund 1000 Megawatt erhöht und dem anfälligen Kühlmittelzwangsumlauf durch elektrische Pumpen wurde der Vorzug gegenüber dem Naturumlauf gegeben.

Von vornherein waren auch die für die Reaktorabschaltung so wichtigen Steuerstäbe als aktives System ausgelegt; sie werden wie in den bestehenden Atomkraftwerken durch elektromotorische Antriebe bedient und sind daher auf Fremdenergie angewiesen, die im Notfall möglicherweise nicht zur Verfügung steht.

Wie stark sich Siemens bei Sicherheitssystemen letztlich von Kostengründen leiten lässt, ergibt sich auch aus folgender Aussage des Atomtechnikers Brettschuh: "Passive Systeme sind gegenüber aktiven vorzuziehen, wenn sie sicherheitstechnisch vorteilhaft und wirtschaftlich vertretbar sind."

20.000 störanfällige Armaturen
Ohnehin sagen die Typbezeichnungen wie EPR und SWR-1000 nur wenig darüber aus, welches Sicherheitsniveau im konkreten Fall tatsächlich realisiert werden wird. Je billiger ein Atommeiler angeboten werden muss, desto stärker wird an der Sicherheit gespart.

Der finnische Atomkraftwerksbetreiber TVO gab die geplanten Kosten für das Atomkraftwerk mit 1,7 bis 2,5 Milliarden Euro an. Das ist keine allzu üppige Finanzausstattung. Schon die vor über 10 Jahren in Deutschland ans Netz gegangenen Atomkraftwerke haben weitaus mehr gekostet. Und die Kosten eines EPR liegen laut atomwirtschaft (12/95) über denen eines derartigen Konvoi-Reaktors.

Der EPR soll nach Angaben von Siemens aus rund 300.000 untereinander vielfach verknüpften Anlagenteilen bestehen. Computer müssen in rund 850.000 Quadratmeter umbautem Raum 17.000 Rohrstränge mit einer Länge von 150.000 m und 30.000 Halterungen, 20.000 Armaturen, 1.000 verfahrenstechnische Apparate bzw. Aggregate und 5.000 elektrische Verbraucher koordinieren. Da gibt es unzählige Möglichkeiten, "unauffällig" an der Sicherheit zu sparen.

In den Pressemitteilungen wird es auch dann noch heißen, man errichte in Finnland einen super-sicheren EPR, wenn aus Kostengründen auf einen Großteil der ursprünglich vorgesehenen sicherheitstechnischen Verbesserungen verzichtet wird. Hauptsache, es gibt ein Keramikbecken und Zündkerzen.

Henrik Paulitz

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