Pressemitteilung vom 25.04.2002

IPPNW kritisiert den Katastrophenschutz in Deutschland

16 Jahre nach dem Tschernobyl-GAU

Berlin- Zum 16. Jahrestag des Super-GAU von Tschernobyl fordert Dr. Rainer Stephan für die IPPNW die bundesweite flächendeckende Vorverteilung hochdosierter Jodtabletten für Bürger jeden Lebensalters.

Dr. Sebastian Pflugbeil kritisiert die Pläne - auch unter deutscher Beteiligung - einen zweiten Sarkophag in Tschernobyl zu errichten als technisch fragwürdig und den humanitären Bedürfnissen entgegengesetzt.

Als Folge des Super-GAU von Tschernobyl am 26.4.1996 sind allein in Weißrussland bisher mehr als 10.000 Menschen an Schilddrüsenkrebs erkrankt, sechsmal so viel wie normal. Zu einem extremen Anstieg von Schilddrüsenkrebsfällen ist es nicht nur bei Kindern (100 fach) sondern inzwischen auch bei Erwachsenen bis zum 64. Lebensjahr um das 5-6 fache gekommen.

Auch in Deutschland ist ein Super-GAU jederzeit möglich. Nach dem neuen Atomgesetz werden Atomkraftwerke noch mindestens 20 Jahre lang betrieben.
Nur durch eine rechtzeitige Einnahme von hochdosiertem Jod (Jodblockade), möglichst 24 Stunden vor Eintreffen der radioaktiven Wolke, kann dem Schilddrüsenkrebs vorgebeugt werden. Entscheidende Voraussetzung hierfür ist, dass die Jodtabletten (0,13g) bundesweit in allen Haushalten, Kindergärten, Schulen, Betrieben und Krankenhäusern vorverteilt sind.
Aber nicht einmal die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (SSK) von 1996 sind umgesetzt worden. In diesen wird ein Versorgung mit Jodtabletten ab 25-100 km Entfernung vom AKW empfohlen, allerdings nur für Kinder bis 12 Jahre und für Schwangere.
Z.Zt sind hochdosierte Jodtabletten lediglich bis 10 km, höchstens im 25 km-Umkreis vorrätig für Bürger bis 45 Jahre. Wer älter als 45 Jahre ist, soll keine Jodtabletten erhalten.
Die Tabletten liegen nach wie vor zentral gelagert zur Abholung im Ernstfall.
Von der Strahlenschutzkommission (SSK) wird aber das "Verbleiben im Haus" nach einem kerntechnischen Unfall als vorrangige Maßnahme des Strahlenschutzes empfohlen.

Gesundheit ist wichtiger als ein schöner Sarg
Seit 1997 wird der Plan verfolgt, einen zweiten Sarkophag über dem Tschernobyl-Sarkophag zu errichten. Das wird mindestens 768 Millionen Dollar kosten. Bisher beteiligen sich 25 Staaten und die Europäische Commission an der Finanzierung.

Die offizielle Begründung dieses gigantischen Projektes lautet - schweren Schaden von der Ukraine und von Westeuropa abzuwenden. Diese Begründung ist nicht stichhaltig. Dr. Sebastian Pflugbeil erklärte dazu in Berlin: "Selbst unter ungünstigsten Annahmen (Einsturz des Sarkophags) würde weder die Ukraine außerhalb des Standortes Tschernobyl noch Westeuropa in irgendeiner Weise bedroht. Öffentlichkeit wie Politiker werden damit unter Druck gesetzt, dass angeblich noch 96% des abgebrannten Kernbrennstoffs in den Trümmern des zerstörten Reaktors stecken. Expertenmeinungen aus Russland und Ukraine, dass fast der gesamte Kernbrennstoff in die Umwelt freigesetzt wurde, werden unterschlagen. Kein einziger westlicher Experte hat bisher selbst Untersuchungen im Sarkophag angestellt."

Experten vor Ort sprechen offen von einer "Geldmaschine", die ein Heer westlicher und östlicher Gutachter, Projektanten, Architekten, Ingenieure und Entscheidungsträger auf den verschiedensten Ebenen gut ernährt. Ein Abriss und die sichere Unterbringung des hochkontaminierten Atommülls liegen außerhalb des "Shelter Implementation Plan", des Plans, einen zweiten Sarkophag zu bauen. Auch der Umgang mit den abgebrannten Brennelementen der drei nicht zerstörten Blöcke des KKW Tschernobyl ist völlig unklar.

Die IPPNW protestiert nachdrücklich dagegen, dass auch die Bundesrepublik Deutschland sich an einem höchst fragwürdigen technischen Projekt in Tschernobyl beteiligt, die medizinische und soziale Betreuung der hart getroffenen Bevölkerung in Russland, Ukraine und vor allem Weißrussland Privatinitiativen überlässt.

Die IPPNW fordert eine offene Diskussion über den zweiten Sarkophag und eine Umleitung der für den Sarkophag verplanten finanziellen Mittel in eine nachhaltige Verbesserung der medizinischen Infrastruktur in Weißrussland, Ukraine und Russland.

Für Nachfragen wenden Sie sich bitte an:
Jodprophylaxe: Dr. Rainer Stephan 04821 - 91215
Tschernobylsarkophag Dr. Sebastian Pflugbeil 0178 - 2600418
IPPNW-Atom-Koordinator Henrik Paulitz 0171 - 5388822

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