Die unverantwortlichen Atomgeschäfte von Siemens

Ein kurzer Überblick

Die Siemens AG ist einer der weltweit führenden Atomkonzerne. Seit 2001 firmiert das Atomgeschäft unter "Framatome ANP", einer Beteiligungsgesellschaft von Siemens. Nach Auffassung der IPPNW sind diese Atomgeschäfte unverantwortlich. Siemens hat alle deutschen Atomkraftwerke gebaut und baut neue Atomkraftwerke. Siemens spart bei der Sicherheit und bei der Wartung und Instandhaltung von Atomkraftwerken. Der Atomkonzern beschäftigt in Atomkraftwerken Hilfskräfte und Leiharbeiter. Atomkraftwerke hat Siemens immer wieder in Erdbebengebieten errichtet. Trotz ungelöster Entsorgung setzt Siemens weiterhin auf die Atomenergie. Siemens sorgt mit seinen Atomexporten für die Verbreitung von Technologie und Know-how, die auch für die Entwicklung von Atombomben hilfreich sein können.

1. Siemens hat alle laufenden deutschen Atomkraftwerke gebaut

Siemens hat alle derzeit in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke gebaut. Dabei handelt es sich um die Atomkraftwerksblöcke Biblis A, Biblis B, Brokdorf, Brunsbüttel, Emsland (Lingen), Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen B, Gundremmingen C, Isar-1, Isar-2, Krümmel, Neckar-1 (Neckarwestheim-1), Neckar-2 (Neckarwestheim-2), Obrigheim, Philippsburg-1, Philippsburg-2, und Unterweser. Auch Siemens muss zugeben, dass für jedes dieser deutschen Atomkraftwerke ein so genanntes "Restrisiko" besteht.

2. Siemens baut neue Atomkraftwerke

Siemens treibt den weiteren Ausbau der Atomenergie unermüdlich voran – obwohl eine breite Bevölkerungsmehrheit dies eindeutig ablehnt und obwohl sogar die deutschen Atomkraftwerksbetreiber aus Wirtschaftlichkeitsgründen und wegen der fehlenden öffentlichen Akzeptanz der Atomenergie lieber auf Gaskraftwerke setzen. Jahrelang hat Siemens öffentlich und hinter den Kulissen dafür gekämpft, dass in Westeuropa zum ersten Mal nach dem Super-Gau von Tschernobyl ein neues Atomkraftwerk in Finnland in Auftrag gegeben wurde. Dort wird der "Europäische Druckwasser-Reaktor" (EPR) errichtet. Er dient nicht zuletzt als Referenzreaktor und soll als angeblich "katastrophensicherer" Reaktor für Nachfolgeaufträge sorgen. Der nächste EPR ist schon am Standort Flamanville in der Normandie in Frankreich geplant.

In Osteuropa und China beteiligt sich Siemens an der Errichtung von Atomkraftwerken. Siemens möchte in Osteuropa weitere Atomkraftwerke errichten, obwohl nach Meinungsumfragen 75 Prozent der deutschen Bevölkerung dies ablehnt. Dort sind die Entstehungskosten niedriger und der Widerstand der Bevölkerung gegen Atomenergie bis jetzt noch schwächer. Dieser somit billigere Atomstrom soll dann auch nach Deutschland geliefert werden – "Atomstrom durch die Hintertür".

3. Siemens spart bei der Sicherheit

Siemens baut in Finnland das Atomkraftwerk Olkiluoto-3. Das Atomkraftwerk vom Typ "Europäischer Druckwasser-Reaktor" (EPR) entspricht nach Einschätzung der IPPNW nicht den aktuellen sicherheitstechnischen Anforderungen. Mit einer elektrischen Leistung von rund 1600 Megawatt und einer großen Leistungsdichte rückte der Atomkraftwerkshersteller aus rein wirtschaftlichen Gründen vom Konzept eines so genannt "inhärent sicheren" Atomreaktors ab. Auch entspricht der Einsatz vornehmlich "aktiver" statt "passiver" Sicherheitssysteme nicht den heutigen sicherheitstechnischen Anforderungen.

Mit dem Einsatz digitaler Leittechnik setzt Siemens auf eine unausgereifte Steuerungstechnik, die bereits in einem deutschen Atomkraftwerk zum Ausfall eines zentralen Sicherheitssystems führte. Siemens verzichtete aus rein wirtschaftlichen Gründen auf einen "kernschmelzfesten Sicherheitsbehälter".

Auch bei einem neuen Siedewasserreaktor aus dem Hause Siemens entschied sich der Atomkonzern zugunsten der Wirtschaftlichkeit für ein niedrigeres Sicherheitsniveau. Nachdem Abschätzungen der zu erwartenden Stromerzeugungskosten ergeben hatten, dass die Kilowattstunde Strom aus dem zunächst geplanten 780 Megawatt-Reaktor zu teuer werden würde, erhöhte Siemens die Leistung auf 1000 Megawatt.

4. Siemens spart bei der Wartung und Instandhaltung

Siemens treibt bei der Wartung von Atomkraftwerken aus Kostengründen neue, risikoreiche Instandhaltungskonzepte voran. Die Revisionszeiten, bei denen die Atomkraftwerke geprüft und repariert werden, wurden zum Teil drastisch verkürzt. O-Ton Siemens: "Neckar-2 ist top: Die Revisionszeit wurde auf 17 Tage verkürzt." Fünf Jahren zuvor dauerte die Revisionszeit im Atomkraftwerksblock Neckarwestheim-2 mit 33 Tagen noch fast doppelt so lang. Es habe sich gezeigt, so Siemens, dass 50% Revisionszeitverkürzung 30% der Kosten spare.

Bei den rund 20.000 Armaturen eines Atomkraftwerks, von denen ein erheblicher Teil als "Sicherheitsventile" zu den wichtigsten Sicherheitseinrichtungen gehören, plädiert Siemens für eine "zustandsorientierte Instandhaltung (ADAM)", um "längere Service-Intervalle" zu erreichen. Das bedeutet, dass Armaturen wesentlich seltener überprüft und "bis kurz vor die Abnutzungsgrenze" eingesetzt werden.

Bei Armaturen sowie Pumpen in den Not- und Nachkühlsystemen soll außerdem nur noch der Zustand einzelner Komponenten tatsächlich überprüft und die Prüfungsergebnisse auf die übrigen Komponenten übertragen werden ("Referenzmethode"). Hierbei sind nach Angaben der Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks Grohnde "nur wahrscheinlichkeitsbehaftete Aussagen möglich". Die Bewertung des Zustands einer Komponente erfordere allerdings eine "langjährige Erfahrung, um die vorliegenden Messergebnisse richtig interpretieren zu können." Statt sicherheitsrelevante Komponenten zu prüfen, wird teilweise nur noch "interpretiert" und so die Gefahr eines Super-GAU in Kauf genommen.

5. Siemens beschäftigt in Atomkraftwerken Hilfskräfte und Leiharbeiter

Die deutschen Atomkraftwerke werden von Siemens geprüft, repariert und nachgerüstet. Bei der Wartung der Atomkraftwerke werden regelmäßig ungelernte Hilfskräfte und Leiharbeiter eingesetzt. Siemens lässt sogar bei der Reparatur zentraler Sicherheitssysteme Hilfskräfte arbeiten.

Beispielsweise wurden die für die Reaktorschnellabschaltung erforderlichen Steuerstäbe des Atomkraftwerks Isar-1 im Jahr 1996 von einem Team mit rund 40% Hilfskräften ausgetauscht. Zudem wurde unter hohem Zeitdruck gearbeitet: 14 Steuerstabantriebe wurden "in der Rekordzeit von zwei Wochen" ausgetauscht. Bisher wurden im gleichen Zeitraum nur zwei bis drei Antriebe inspiziert und überholt. Die Arbeiter wurden in 10-Stunden-Schichten in den Strahlenbereichen eingesetzt.

Hilfskräfte, Leiharbeiter, 10-Stunden-Schichten und ein von Profitinteressen geleiteter Zeitdruck bei der Wartung und Reparatur von Atomkraftwerken sind weder für die Bevölkerung noch für die Beschäftigten akzeptabel.

6. Siemens baut Atomkraftwerke in Erdbebengebieten

Siemens errichtet immer wieder Atomkraftwerke in Erdbebengebieten. Ein Beispiel ist das brasilianische Erdbebengebiet Itaorna, welches in der Sprache der indianischen Ureinwohner "fauliger Stein" bedeutet. Ausgerechnet dort hat Siemens das Atomkraftwerk Angra-2 errichtet. Als die Baugrube für Angra-2 ausgehoben wurde, sackte gleich nebenan das Maschinenhaus von Angra-1 ab. Zum Glück war der Reaktor zu diesem Zeitpunkt nicht in Betrieb. Wegen der schlechten Bodenverhältnisse waren in Angra jahrelange aufwändige Pfahlgründungsarbeiten notwendig. Jetzt möchte Siemens mit Angra-3 ein weiteres Atomkraftwerk auf ein Gelände bauen, das von einem Erdrutsch teilweise zerstört wurde.

In der Türkei plante Siemens trotz massiver öffentlicher Proteste ein Atomkraftwerk ausgerechnet in der erdbebengefährdeten Zone bei Akkuyu an der türkischen Südküste.

Die von Siemens in Deutschland errichteten Atomkraftwerke stehen vielfach in dem für deutsche Verhältnisse stark erdbebengefährdeten Oberrheingraben. Dort sind nach Meinung von Experten Erdbebenstärken möglich, gegen die die Siemens-Reaktoren nicht geschützt sind.

7. Siemens setzt weiter auf Atomenergie trotz ungelöster Entsorgung

Jedes Atomkraftwerk verwandelt durch die Kernspaltung Uranbrennstäbe in hochradioaktiven Atommüll. Der Atommüll stellt wegen seiner radioaktiven Strahlung eine lebensbedrohliche Gefahr dar. Er muss daher für mehrere hunderttausend Jahre sicher von Menschen, Tieren und Pflanzen abgeschirmt werden. Atomkraftwerke werden seit rund 50 Jahren betrieben, aber bis heute weiß niemand, wie der Atommüll sicher endgelagert werden kann. Siemens baut also neue Atomkraftwerke trotz des ungelösten Entsorgungsproblems.

In dem Faltblatt "argumente" vom Oktober 2003 bestätigt Siemens, dass es weltweit noch kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll gibt. Es gäbe –– so Siemens –– lediglich "international große Fortschritte" bei der Endlagersuche. Wer seit Jahrzehnten solch gefährlichen Atommüll produziert, ohne gleichzeitig für seine Beseitigung sorgen zu können, handelt schon aus diesem Grund unverantwortlich. Verbietet sich der Bau neuer Atomkraftwerke bei logischem Nachdenken nicht von selbst?

8. Siemens verbreitet Atomtechnologie

Mit seinen Exporten sorgt Siemens für die Verbreitung von Atomtechnologie, die auch zum Bau von Atombomben genutzt werden kann. In den 70er Jahren schlossen Siemens und die deutsche Bundesregierung Verträge mit der brasilianischen Militärdiktatur über die Lieferung von Atomkraftwerken und von Anreicherungstechnologie. Inzwischen ist unstrittig, dass Brasilien ein Interesse am Atombombenbau hatte und ein paralleles Atomwaffenprogramm aufbaute.

In den Zeiten der Schah-Regierung begann Siemens den Bau eines Atomkraftwerkes im Iran (Bushehr), musste es dann aber auf politischen Druck hin aufgeben.

Ende der 90er Jahren errichtete Siemens in Garching bei München den Forschungsreaktor FRM-II, der trotz internationaler Proteste mit hochangereichertem, waffenfähigem Uran betrieben wird.

Wiederholt versuchte Siemens, seine Hanauer Plutoniumfabrik an Russland und zuletzt an China zu verkaufen, obwohl es Spekulationen über eine militärische Verwendung der Anlage bzw. von Teilen der Anlage gab.

Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass in jedem zivilen Atomkraftwerk spaltbares Plutonium entsteht, das sich für die Herstellung von Atombomben nutzen lässt.

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