Das Jahr 2025 war umweltpolitisch und klimapolitisch in vielerlei Hinsicht von zum Teil krassen Rückschritten gekennzeichnet, weil die neue Bundesregierung viele Errungenschaften zurückdreht oder ein Rollback angekündigt hat. Das gilt leider auch für die Atompolitik. Dennoch konnten an den verschiedenen Standorten beachtliche Erfolge erzielt werden, die es in 2026 zu verteidigen gilt.
Forschungsreaktor Garching
Ein typisches Beispiel ist der Forschungsreaktor FRM II auf dem TU-Campus in Garching bei München. Er ist ein Vorzeigeprojekt der bayrischen Staatsregierung, steht aber seit 2020 wegen anhaltender technischer Probleme still. Eigentlich sollte er spätestens in diesem Jahr wieder anfahren, doch nun kam es laut „taz“ erneut zu einer Verzögerung: Für den „Zentralkanal“, der das Brennelement hält, gibt es anscheinend keinen Ersatz.
Der Forschungsreaktor steht vor allem deshalb in der Kritik, weil er mit bis auf 93% hoch angereichertem, und damit atomwaffenfähigem Uran 235 arbeitet. Die bayrische Staatsregierung hat diese Kritik immer zurückgewiesen, doch die TU München will nach eigenem Bekunden in den 2030er-Jahren eine Umrüstung auf niedrig angereichertes Uran vornehmen. Die Realisierung ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch völlig ungewiss.
Von daher ist die jetzige Verzögerung bei der Wiederinbetriebnahme des Forschungsreaktors sehr zu begrüßen. Anfang Oktober fand zudem eine Kundgebung mehrerer Umweltorganisationen in Garching statt, die in der Presse breit beachtet wurde.
Ein Nebeneffekt der technischen Probleme in Garching: Da keine neuen Brennelemente verbraucht werden, rücken auch die im August genehmigten Castor-Transporte mit dem hochradioaktiven Atommüll von Garching über die Autobahnen des Landes ins Atommülllager nach Ahaus (NRW) wieder in die Ferne. Zudem haben der BUND, einige Grüne aus Bayern sowie die Stadt Ahaus Widerspruch eingelegt.
Brennelementefabrik Lingen
Die Brennelemente für Garching werden übrigens von der französischen EdF-Tochter Framatome beliefert. Und Framatome betreibt in Lingen/Emsland die einzige deutsche Brennelementefabrik. Dabei stützt sich der französische Atomkonzern ungeachtet des Ukraine-Kriegs weiterhin stark auf russische Uranlieferungen. Und schon Anfang 2021 beantragte man beim Land Niedersachsen für die Belieferung osteuropäischer AKWs in Lingen die Produktion von „russischen“ Brennelementen aufnehmen zu können – mit russischem Know-How und in enger Kooperation mit dem Kreml-Atomkonzern Rosatom.
Doch fast fünf Jahre später liegt der Genehmigungsantrag aufgrund der allgemeinen geopolitischen Sicherheitslage, dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine und den anhaltenden Protesten der Anti-Atom-Bewegung noch immer auf den Schreibtischen des niedersächsischen und des Bundesumweltministeriums. Die ständigen Warnungen der Sicherheitsbehörden vor russischer Sabotage und Spionage spielen dabei eine große Rolle. Doch anscheinend naht nun auf Druck der französischen Regierung eine Entscheidung. Präsident Macron will seine guten Atombeziehungen zum Kreml nicht aufgeben.
Die bisherigen erheblichen Verzögerungen bringen Framatome real aber schon jetzt in Lieferschwierigkeiten, weil sie den Kunden in Osteuropa anscheinend feste zeitliche Zusagen gemacht haben. Erst Mitte Dezember traf auch wieder das russische Uranschiff „Mikhail Dudin“ in Rotterdam ein. Es beliefert normalerweise die Lingener Uranfabrik mit russischem und kasachischem Uran – und bringt auch Brennstäbe aus Lingen via Russland in die kasachische Brennelementefabrik. Von dort geht es dann zumeist weiter nach China – die Atomindustrie arbeitet vom Krieg völlig unbeeindruckt weiter eng zusammen.
Urananreicherungsanlage Gronau
Der deutsch-niederländisch-britische Urenco-Konzern möchte hingegen von der Abkehr mancher AKW-Betreiber von Uranlieferungen aus Russland profitieren. Urenco, dessen deutsches Drittel RWE und E.ON gehört, betreibt im westfälischen Gronau die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage (UAA). Die Urananreicherung gilt – wie am Beispiel Iran deutlich zu sehen – als ein „Schlüssel zur Atombombe“ und ist deshalb nicht nur zivil, sondern auch militärisch höchst brisant. De facto macht die UAA in Gronau Deutschland zu einer stillen Atommacht.
Die letzten Jahre seit Fukushima waren für Urenco aber nicht so glorreich. Es gab viele Reaktorstilllegungen von früheren Kunden, z. B. in Japan und Belgien. In Gronau wurden darum die Produktionskapazitäten runtergefahren. Doch nun wittert Urenco seine Chance, dem Erzkonkurrenten und Weltmarktführer Rosatom Marktanteile abzunehmen. In den kommenden Jahren möchte Urenco in Gronau für 1 Mrd. Euro u. a. neue Zentrifugen installieren und die Kapazitäten wieder hochfahren. Auch soll eine Lagerhalle für radioaktiv verseuchte Alt-Zentrifugen errichtet werden. Doch die Genehmigung steht noch immer aus. Auch ist es fraglich, ob es den von Urenco so herbeigesehnten Aufschwung der Atomenergie wirklich geben wird. Im Nachbarland Belgien z. B. regiert zwar wieder eine atomfreundliche Regierung, doch real wurden in den letzten drei Jahren fünf von sieben Reaktoren abgeschaltet – zuletzt in diesem Herbst Tihange 1 und Doel 2. Dennoch ist jedes neue AKW natürlich auch für Urenco ein Segen und weckt Begehrlichkeiten. Der Blick von Urenco geht dabei gerade insbesondere in die Niederlande, nach Polen und Tschechien sowie in die Slowakei – und in eine Nachkriegs-Ukraine.
Castor-Transporte nach Ahaus
Ein großes Thema in 2025 waren die seit 2009 geplanten Transporte von 152 Castor-Behältern mit den rund 300 000 hochradioaktiven Brennelementekugeln aus dem Forschungszentrum Jülich. Nachdem Ende 2024 das OVG Münster eine Klage der Stadt Ahaus gegen die Einlagerungsgenehmigung abgewiesen hatte, waren sich alle „Propheten“ einig, dass 2025 der erste Castor per LKW über die stellenweise sehr maroden Autobahnen von NRW nach Ahaus rollen werde – doch er kam nicht!
Zwar erteilte das zuständige Bundesamt BASE im August die entsprechende Transportgenehmigung und ordnete den Sofortvollzug an, doch eine Eilklage des BUND NRW vor dem Verwaltungsgericht Berlin bremste die Eigentümer und Verwalter des Jülicher Atommülls – die Bundesregierung und die NRW-Landesregierung – gleich wieder aus. Zudem gibt es in Ahaus seit August wieder wachsenden Protest auf der Straße und für den 24. Januar ist eine Demonstration mehrerer Umweltorganisationen am Autobahn-Rasthof in Bottrop unmittelbar an der Autobahn A2 angekündigt – auf halber Strecke zwischen Jülich und Ahaus. Schon am 18. Januar wird wieder in Ahaus demonstriert.
Bei Redaktionsschluss stand die Entscheidung des VG Berlin unmittelbar bevor. Doch auch die Gewerkschaft der Polizei äußerte immer wieder massive Kritik – fehlendes Strahlenschutzkonzept für die begleitenden Beamt:innen, fehlendes Personal, ergo eine „sinnlose Mammutaufgabe“ und schlicht „Wahnsinn“. Denn auch in Ahaus läuft die Lagergenehmigung schon 2036 aus – und ein Endlager ist erst in Jahrzehnten in Sicht. Dennoch soll der Jülicher Atommüll in jahrelangen Atommüll-Konvois über die Autobahnen just nach Ahaus gebracht werden. Ein teures und gefährliches Spektakel im Zeitalter von Drohnen, aber auch Großbaustellen und schweren Unfällen.
Ein Ausblick
2025 konnten also an den zentralen Atomstandorten wichtige Atomprojekte aufgehalten werden. Doch was erwartet uns 2026 an den diversen Atomstandorten? Der politische Druck wird leider nicht nachlassen, den Forschungsreaktor Garching doch wieder in Betrieb zu nehmen, anstatt ihn endlich ganz stillzulegen. Für Bayerns Ministerpräsident Söder ist das auch der Traum von einer Rückkehr zur Atomkraft. In Lingen möchte Framatome endlich mit Rosatom gemeinsame Sache machen dürfen, während Urenco überall die Vorzüge der Atomkraft propagiert, um neue Kunden zu gewinnen. Und ganz am Ende der nuklearen Kette soll der Atommüll ohne Sinn und Verstand von einem Zwischenlager in ein anderes gebracht werden, ohne dass die Endlagerfrage auch nur ansatzweise geklärt wäre.
Es gilt also, weiterhin für den vollständigen Atomausstieg in Deutschland einzutreten, um die international wichtigen Atomanlagen in Lingen und Gronau endlich stillzulegen und die bayrischen Atomträume platzen zu lassen. 2026 wird deshalb kein leichtes Jahr werden, aber es geht um viel.
Matthias Eickhoff, Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen
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