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Die Globale Energiewende

Ein Workshop-Bericht von Angelika Claußen

Dr. Angelika Claußen, Foto: IPPNW
14.09.2017

"Wie weiter mit dem Atomwaffenverbotsvertrag", Klimawandel, Waffenexporte und extreme Ungleichheit aufgrund der gegenwärtigen neoliberalen Weltwirtschaftsordnung als Konflikttreiber, das waren die Topthemen auf dem Weltkongress der IPPNW in York. Mit mehreren Workshops zu aktuellen zivil-militärischen Zusammenhängen, zur Energiewende, zum Atomerbe/Atommüll sowie zum Uranbergbau gelang es uns, die von der Kongressorganisation ausgesparten Atomthemen wieder in das Gesamtbild hinein zu holen. Im Workshop zur globalen Energiewende und zum dazu notwendigen Ausstieg aus den fossilen Energien Atom und Kohle legten wir den Fokus auf den Versuch von einigen international tätigen Atomkonzernen, den Neubau von Atomreaktoren durchzusetzen. Im Mittelpunkt standen die englische und französische Atomindustrie, beide Länder sind gleichzeitig Atomwaffenländer.

 

Reinhard Uhrig von der österreichischen NGO „Global 2000“ (‚Friends of the Earth‘ Österreich) fasste die wichtigsten Argumente gegen die Kampagne der Atomindustrie „Nuclear4Climate“ zusammen: 

  1. Die Atomenergie produziert mehr Klimagase als Sonne bzw. Wind, wenn man die gesamte Produktionskette in den Blick nimmt  (88—146 g CO2/kWh),
  2. Atomenergie ist nicht wettbewerbsfähig, also immens teuer,
  3. Atomreaktoren haben erhebliche Sicherheitsprobleme, besonders die alternden Reaktoren
  4. Atomenergie schadet der Gesundheit, sowohl im laufenden Betrieb wie in hinsichtlich der Gefahr einer Kernschmelze
  5. Das Problem einer sicheren Endlagerung des verbleibenden Atommülls ist weltweit ungelöst.

Gegenwärtig, so R. Uhrig,  stellt die tiefgreifende und weltweit wirksame finanzielle Krise der Atomindustrie den Neubau von Atommeilern in Frage, eine Tendenz, die Mycle Schneider in seinem ‚World Status Nuclear Report‘ seit Jahren diagnostiziert, so auch dieses Jahr.

In den Ländern der EU sind zurzeit 127 AKW’s am Netz mit dem Trend zum Abstieg, sowohl nach den Kernschmelzen von Fukushima, als auch aus Gründen der Alterung und der Kosten. Um neue AKW’s zu bauen sind hohe Subventionen notwendig, die, wenn überhaupt, von Staaten/Regierungen bereit gestellt werden. Deshalb versucht die Atomlobby zum kommenden Klimagipfel in Bonn, Atomenergie als Lösung für das Klimaproblem anzubieten, um dadurch erneute UN-Subventionen aus den „Grünen Klimafonds“ zu erhalten.

Die Erneuerbaren Energien hingegen, Wind und Sonne sind längst wettbewerbsfähig. Das gilt weltweit und für Großbritannien, das in den letzten Jahren besonders in den Ausbau von Windenergie investierte, wie Ian Fairlie betonte. Solarenergie wird wegen des kontinuierlich fallenden Preises sehr bald Kohle und Gas aus dem Markt verdrängen (Bloomberg NEW Energy Finance).

Der geplante Neubau des AKW Hinkley Point C sei Milliardenprojekt und ein Milliardengrab der britischen Regierung. Es soll von zwei Investoren, dem französischen Energiekonzern EDF und dem chinesischen Energiekonzern CGN (China General Nuclear Corporation), gebaut werden. Gleich zu Beginn der Verhandlungen hatte die britische Regierung den Investoren eine Preisgarantie von 92,50 Pfd/Megawattstunde gegeben. Sollte der Marktpreis unter diesem Wert liegen, zahlt der britische Steuerzahler die Differenz. Das AKW-Projekt sei schon jetzt ein Milliardengrab: 24,4 Milliarden Pfund (aktueller Preis) gegenüber 16 Milliarden Pfd. bei Planungsbeginn 2013. Ob EDF, der Hauptfinancier überhaupt in der Lage sein wird, zu investieren, ist fraglich bei den gegenwärtigen Schulden des staatsnahen Konzerns (37,4 Milliarden Euro).

Auch Ian Fairlie sprach die großen finanziellen Probleme beim Investor EDF an. EDF habe große Schwierigkeiten darin, Anteile seines Energiekonzerns zu veräußern, um das nötige Geld für Hinckley Point zu bekommen, da es außer dem französischen Staat keine Käufer auf dem Markt finde. Ein weiteres Problem seien die Summen, die bei der Schließung von ca. 20 AKW’s in Frankreich anfallen. Die geplanten AKW-Projekte Hinkley Point C, Moorside und Wylfa B, stünden auf sehr wackligen finanziellen Füßen. Es sei unklar, ob sie tatsächlich verwirklicht werden.  

Warum, so stellt sich die Frage, hält die Atomindustrie so krampfhaft an ihren Neubauprojekten fest, und warum geben die Regierungen der Atomindustrie eine so starke Unterstützung? Geht es hier „nur“ um Profite der Atomindustrie oder um den Erhalt der angeblich so vielen Arbeitsplätze oder gibt es noch  weitere, gänzlich andere Aspekte?

Sean Morris von der britischen NGO „Nuclear Free Local Authorities“ zeigte auf, dass die britische Regierung das Projekt Hinkley Point C brauche, um die Infrastruktur für die britische Atomwaffenindustrie aufrecht zu erhalten. Es sei schlichtweg unmöglich, das notwendige wissenschaftlich gut ausgebildete Personal und die technischen Komponenten für die Herstellung von Atom-U-Booten wie Trident und Atomwaffen überhaupt aufrecht zu erhalten. Eine wesentliche Komponente beim Atomwaffenbau sei Tritium (Halbwertszeit 12,5 Jahre), das in zivilen Reaktoren in den USA und von Urenco in Europa (Großbritannien, Niederlande, Deutschland) hergestellt würde. Der neuerliche „Hype“ für Thorium getriebene "Small Modular Reactors" komme ganz klar aus der Waffenindustrie. Die westlichen Atomwaffenstaaten befürchten, dass sie angesichts des Niedergangs ihrer zivilen Atomindustrie ihr Waffenprogramm nicht mehr aufrechterhalten können und dass Russland und China mit ihrem zivil-militärischen atomaren Komplex an deutlicher Überlegenheit gewinnen könnten.

Und die weltweite Energiewende? Der Anfang ist gemacht, so Angelika Claussen, aber immer noch wird ca. 80% des weltweiten Verbrauchs der Primarenergie aus fossilen Rohstoffen gewonnen. Bei der Energiewende ginge es nicht nur um den Sektor Elektrizität, sondern ebenso um die Sektoren Verkehr, Industrie und Wärmeverbrauch. Für Deutschland alleine hat die Denkfabrik Agora folgende moderaten Ziele bis 2030 angegeben:

Verdopplung der Erneuerbaren im Primarenergieverbrauch auf 30%, im Elektrizitätsverbrauch auf 60 %. Kohle und Öl müssen um 50% reduziert werden, der Gasverbrauch um 20 %. Der allgemeine Energieverbrauch muss um 30 % verglichen mit heute reduziert werden. Das alles sei machbar unter der Voraussetzung, dass nach dem Prinzip „Effizienz überall fördern und durchsetzen“ verfahren würde.

In der Diskussion ging es hauptsächlich um die Möglichkeiten einer besseren Zusammenarbeit zwischen Sektionen und dass wir auf den zivil-militärischen Zusammenhang fokussieren. Zur Durchsetzung des Atomwaffenverbotsvertrags müssen wir gleichermaßen am Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Atomenergie arbeiten. Wir behalten die gesamte nukleare Kette im Blick unserer politischen Aktivitäten.

Von Dr. Angelika Claußen

Foto: Dr. Angelika Claußen, Foto: IPPNW

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