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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Juli 2016

Was passiert mit dem illegalen radioaktiven Müll im türkischen Gaziemir?

13.07.2016

Illegal deponierter radioaktiver Müll ist für die türkische Antiatombewegung ein wichtiges Thema. Schon seit vielen Jahren hatten sich die Bewohner von Gaziemir über die schwarzen und übel riechenden Dämpfe  der alte Bleihütte Aslan in ihrem Wohngebiet bei den städtischen Behörden beschwert. Die Hütte produzierte Blei aus alten Batterien. Aber Ende 2012 enthüllte die Presse einen Umwelt-Skandal: auf der Deponie des alten Fabrikgeländes befindet sich nicht nur Blei, sondern strahlender Atommüll.

Der Atommüll besteht laut Angaben der türkischen Atomaufsichtsbehörde TAEK hauptsächlich aus Europium-152 und -154, künstlich entstandene Radioisotope in Spaltprozessen von Uran und Plutonium. Europium wird wegen seiner sehr guten Neutronenabsorptionseigenschaft  in den Kontrollstäben eines Atomkraftwerks benutzt. Eu-152 und -154  sind Beta- und Gamma-Strahler.

Die Atomaufsichtsbehörde TAEK spielte das Problem herunter und ließ nach den Protesten der Anwohner verlautbaren, dass der Müll lediglich hinsichtlich seiner chemisch-toxischen Eigenschaften eine gewisse Gefahr darstellen würde, Gefahren durch radioaktive Strahlung jedoch keine Rolle spielen würden. So ließ die Atomaufsichtsbehörde tonnenweise Sand auf den Atommüll schütten, häufig entwichen dabei toxische Dämpfe.

Daraufhin bot der bekannte Umwelt- und Menschenrechtsanwalt, Arif Ali Cangi, den Anwohnern seine Hilfe an und reichte mehrere Klagen bei zuständigen Verwaltungsgericht gegen die verursachende Firma ein.  Die Klagen beschäftigten sich mit der Frage, woher der Atommüll stammt, und mit Klagen gegen die Aufsichtsbehörden und  gegen die Firma.

Schließlich sah sich die zuständige Umweltbehörde unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Rechtsklagen gezwungen, eine empfindliche Geldstrafe für die Firma zu verhängen und ordnete 2014 die Beseitigung des Atommülls an.

Die Recycling Firma Turan suchte ab 2014 den Kontakt mit der Antiatombewegung  und erklärte, dass sie mit der Beseitigung des Mülls beauftragt worden war. Für die Antinukleare Platform gaben daraufhin der Nuklearphysiker Prof. Dr. Hayrettin Kilic und unser IPPNW-Mitglied Dr. Alper Öktem ihre Stellungnahme zum Freimessungsprojekt der Firma ab. Der Nuklearphysiker, Prof. Hayrettin Kilic, wies kritisch auf die beim Zerkleinern des Atommülls entstehenden radioaktiv und chemisch-toxisch belasteten Feinstaubpartikel hin und bemängelte das Fehlen von  Ausbreitungszonen für den Staub beim Recycling-Prozess. Dr. Alper Öktem schlug vor, auf die Freimessung und den Zerkleinerungsprozess ganz zu verzichten und stattdessen die Schlacke aus Europium und Blei gesammelt zu  entsorgen.

Wie überall auf der Welt, ist auch in der Türkei kein Endlager für Atommüll  vorhanden. Die Aufsichtsbehörde TAEK betreibt mitten im stark erdbebengefährdeten Istanbul einen Atom-Forschungsreaktor. Die Behörde weiß selbst nicht, wo sie ihren Atommüll entsorgen kann. Für die Entsorgung des Atommülls aus Gaziemir hatte sich TAEK  für nicht zuständig erklärt, stünde allerdings für fachliche Beratung einer Entsorgungsfirma zur Verfügung.

Ende 2014 wurde mit den Entsorgungsarbeiten begonnen, jedoch ohne eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen, weil die Behörde das nicht für nötig hielt. Daraufhin klagte Rechtsanwalt Cangi nun auf die Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung beim zuständigen Verwaltungsgericht. Mit mehreren Verfahren  konnte sich Cangi durchsetzen und zwang die zuständigen Umweltbehörden, ein Verfahren zur Umweltverträglichkeit zu eröffnen. Da die Firma schon vor der Lagerung des Atommülls ca. 50 Jahre lang alten, chemisch-toxischen Müll auf dem Gelände gelagert hatte, geht es neben der Beseitigung des Atommülls auch um die Beseitigung dieses chemischen Mülls.

Das erste öffentliche Anhörungsverfahren wurde von Dr. Alper Öktem und der Public Health - Medizinerin PD. Raika Durusoy, sowie von fachkundigen Bürgern (Vertreter der Elektroingenieurskammer und Vertretern der Antinukleäre Platform) begleitet.

Als Erfolg bezeichnete Dr. Alper Öktem, dass entgegen den früheren Plänen nunmehr 90% der Atommüll-Schlacke gesammelt und ohne Freimessung entsorgt wird. Hinsichtlich der Beseitigung des chemisch-toxischen  Mülls bleibt das Ergebnis zwiespältig: Es wurde seitens der Firma beschrieben, dass das im Boden befindliche Altmetall (Kupfer, Zink, Aluminium) auf der Deponie der Firma Arslan nun mittels eines physikalischen Separationsverfahren staubfrei recycelt werden soll, ohne Einsatz von Chemikalien. Die Wissenschaftlichen Berater und die Bewohner fragen sich: Soll nun inmitten des Wohngebiets eine neue große Recyclingfirma plaziert werden?

Diese Frage wurde von der zuständigen Umweltbehörde und von der Firma verneint. Daher forderte die Initiative, dass fachkundige Bürger zwingend an dem Verfahren zur Entsorgung des Atommülls und des chemisch-toxischen Mülls beteiligt werden müssen. Demokratische Bürgerbeteiligung ist auch für die türkische Antiatombewegung essentiell.

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