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Aus Forum 185/2026

Vertuscht und verharmlost

Die systematische Unterdrückung der Forschung verschleiert die wahren Folgen der Super-GAUs

Die Namen Tschernobyl und Fukushima stehen für die beiden größten und verheerendsten zivilen Atomunfälle. Die radioaktive Wolke zog um die ganze Erde und machte Millionen von Menschen über Nacht zu Opfern. Was wissen wir über die gesundheitlichen Folgen, insbesondere der sogenannten „Niedrigstrahlung“? Welche Lehren lassen sich für die zivile und militärische Nutzung ableiten?

Im Vergleich zwischen den beiden großen nuklearen Unfällen Tschernobyl und Fukushima ist festzustellen, dass die Internationale Bewertungsskala für nukleare Unfälle (INES) beiden die Kategorie INES 7 zuweist, also einen katastrophalen Unfall mit erheblicher Freisetzung radioaktiver Stoffe und weitreichenden Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Dennoch gibt es zwischen den beiden Katastrophen markante Unterschiede.

Ein zentraler Unterschied betrifft die Größenordnung des freigesetzten radioaktiven Inventars: Aus dem Tschernobyl-Reaktor entwichen schätzungsweise 5.300 Petabequerel [1], aus Fukushima etwa 520 Petabequerel radioaktive Stoffe. [2] Für den Tschernobyl-Unfall war entscheidend, dass der Reaktor explodierte und elf Tage lang brannte. Die radioaktiven Substanzen verbreiteten sich mit Wind und Wetter über weite Teile Europas: 36 % der Kontamination betrafen die drei Sowjetrepubliken, 53 % des radioaktiven Inventars kontaminierten Europa und 11 % außereuropäische Länder, so der IPPNW-Report 2016. [3]

 
Cs-137–Belastung in Europa nach den Daten der von der EU durchgeführten Messungen 1996.

 

Beim Fukushima-Unfall ist hingegen prägend, dass auch die Großregion Tokio von der Verstrahlung erfasst wurde und sich 80% der gesamten Kontamination im Pazifischen Ozean ausbreitete. [4] 



Meeresströmungen im Pazifik rund um Fukushima und Schätzung der Cs-137-Konzentrationen im Meerwasser vor der Küste von British Columbia (2011-14). Quelle: Timothy Mousseau

Die sogenannte „Weglass-Methode“ führt dazu, dass das Gesamtausmaß der Umweltkontamination oft unterschätzt wird, da auf Landkarten meist nur ein Teil der Gesamtkontamination dargestellt wird.

Tschernobyl: Geheimhaltung und Desinformation durch die sowjetische Regierung

Für die Sowjetunion war die Tschernobyl-Katastrophe eine Verschlusssache. Ab dem 29. April 1986 tagte im Kreml eine operative Gruppe des Politbüros des ZK der KPDSU, die über einzelne Aspekte des Unfalls 40 geheime Protokolle beschloss. [5]  Geheimgehalten wurde insbesondere die Anzahl der strahlengeschädigten Opfer, die in sowjetischen Kliniken untersucht und behandelt wurden. Ihnen wurden verdeckte Diagnosen gestellt, um den Begriff „Strahlenkrankheit“ zu vermeiden. 

Das Gesundheitsministerium erhöhte die zulässigen Grenzwerte für betroffene Personen, was erhebliche gesundheitliche Folgen nach sich zog. Auch das Landwirtschaftsministerium setzte die zulässigen Werte für landwirtschaftliche Produkte her-auf. So wurden in den kontaminierten Zonen bis 1989 rund 47.500 Tonnen Fleisch und Milch produziert, wodurch insgesamt 75 Millionen Menschen gefährdet wurden.

Alla Jaroshinskaya, eine ukrainische Journalistin und Politikerin, erhielt 1992 den Alternativen Nobelpreis für ihre Recherchen zu Tschernobyl. Das Ausmaß der Geheimhaltung wurde durch ihr Buch „Verschlusssache Tschernobyl“ bekannt. Mit der Auflösung der Sowjetunion und den beginnenden demokratischen Prozessen gelang es Jaroshinskaya 1991, Zugang zu den geheim gehaltenen Kreml-Protokollen zu erhalten.

Belarus: Kritische Wissenschaftler wurden systematisch politisch unterdrückt und sogar inhaftiert
In Belarus wurden mit der Unabhängigkeit der Republik zunehmend wichtige Forschungen zu den Gesundheitsfolgen der Tschernobyl-Katastrophe unterdrückt. Betroffen war etwa der Physiker Vassilij B. Nesterenko, Gründer des Strahlenschutzinstituts Belrad, das unabhängige Messungen zur Strahlenbelastung der Bevölkerung durchführte. Nesterenko wurde wegen seiner Kritik schrittweise die Kontrolle über staatliche Messstellen entzogen. Ein weiteres Beispiel ist der Pathologe Prof. Bandashewsky, Mitgründer der Universitätsklinik in Gomel. Er konnte nachweisen, dass Cäsium-Niedrigstrahlung zu Veränderungen an menschlichen Organen führt, insbesondere zur Akkumulation von Cäsium in Herz, Leber, Niere und Schilddrüse. 1999 wurde Bandashewsky unter dem Verdacht auf Terrorismus und Korruption verhaftet, 2005 entlassen und aus Belarus ausgewiesen. Heute lebt und arbeitet er in Kiew.

Nachgewiesene Folgeerkrankungen durch radioaktive Strahlung


Als besonders wirksame Strahler gelten Jod 131, Cäsium 137 und Strontium 90. Studien belegen eine Erhöhung des Krebsrisikos, insbesondere für Schilddrüsenkrebs, aber auch für Brustkrebs und andere Krebserkrankungen. Zudem traten bei Liquidatoren vermehrt nicht-kanzerogene Erkrankungen auf, etwa kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Erkrankungen sowie Katarakte. Diese Befunde decken sich mit internationalen Studien an Arbeitern in Atomfabriken. [6] 

Hinsichtlich genetischer Schäden wurde bereits in den ersten Jahren nach der Katastrophe in Weißrussland, der Ukraine und einigen mittel- und osteuropäischen Ländern eine Zunahme von Fehlbildungen, chromosomalen Aberrationen und erhöhter perinataler Sterblichkeit (Totgeburten, Fehlgeburten) registriert. [7] Bei den belarussischen Studien muß die Arbeit von Prof. Lazjuk und seinem Team zum dramatischen Anstieg der angeborenen Fehlbildungen hervorgehoben werden. So hatte Lazjuk nachgewiesen, dass es zu einem signifikanten Anstieg der Fehlbildungen in den ersten Jahren nach dem Unfall gekommen war. Das Ausmaß des Anstiegs korreliert mit der dem Ausmaß der Cäsiumkontamination in den betreffenden Wohnorten der Schwangeren. Es handelt sich damit um eine deterministische Strahlenfolge beim Kind infolge der Bestrahlung während der Schwangerschaft. [8]

Zahlreiche Studien aus Russland, Weißrussland und der Ukraine deuten zudem darauf hin, dass Strahlung den Alterungsprozess beschleunigen kann. In einer Übersichtsarbeit von 2006 wiesen die ukrainischen Forscher Bebeshko et al. nach, dass der durch ionisierende Strahlung beschleunigte Alterungsprozess als Modell für das normale Altern dienen könnte. [9] 

Gesundheitsfolgen, die nicht beforscht werden, können auch nicht gefunden werden

Nach der Fukushima-Katastrophe beschränkte sich die japanische Regierung darauf, lediglich Schilddrüsenkrebs bei Kindern und die psychischen Folgen der Katastrophe zu untersuchen. Die umfangreichen Forschungsergebnisse, die zum Zeitpunkt des Super-GAU von Fukushima bereits vorlagen, hätten eine Vorlage für weitere Forschungen darstellen können. Aber das war weder von der japanischen Regierung noch von der Internationalen Atomenergieagentur gewünscht.

IAEO und UNSCEAR: Die Politik der Internationalen Atomenergiebehörde 

Die Internationale Atomenergiebehörde untersteht als UN-Organisation direkt dem Sicherheitsrat und damit den fünf Atomwaffenstaaten. Diese können gemäß ihrer Interessenlage erheblichen Einfluss auf die IAEO ausüben. Während die Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen in ihrem Interesse liegt, ist es die Aufdeckung der gesundheitlichen und ökologischen Folgen von Atomkatastrophen nicht.

Zwei Beispiele verdeutlichen, die systematische Unterschlagung und Verharmlosung der gesundheitlichen Auswirkungen:

1) Kurz vor dem 20. Jahrestag des Tschernobyl-Unfalls legte das „UN-Chernobyl-Forum“ – ein Gremium der IAEO und der WHO – im Jahr 2005 unzureichende Angaben zu den Kollektivdosen vor. [10]  IAEO und WHO nannten lediglich 55.000 Personen-Sievert (PSv) als Kollektivdosis für Weißrussland, die Ukraine und Russland. Das übrige Europa und den Rest der nördlichen Hemisphäre klammerten sie vollständig aus. Zudem beschränkten sie ihre Abschätzung auf einen Zeitraum von nur 20 Jahren (bis 2006) und machten keine Angaben zur Lebenszeitdosis. In der Pressemeldung des Chernobyl-Forums vom 6. September 2005 hieß es unter der Überschrift „Tschernobyl: Das wahre Ausmaß des Unfalls“: „Als Folge des Unfalls vor 20 Jahren können bis zu 4.000 Todesopfer, die der radioaktiven Strahlung zuzurechnen sind, erwartet werden. Bis Mitte 2005 seien zudem weniger als 50 Todesopfer infolge einer Strahlenkrankheit verstorben, ausnahmslos Liquidator*innen, die entweder wenige Monate nach dem Unfall oder im Zeitraum bis 2004 starben.“ [11] 

2) Der UNSCEAR-Report von 2020 kam zu dem Schluss: „Es ist mit keiner erkennbaren Zunahme strahlungsbedingter Gesundheitsschäden bei der exponierten Bevölkerung und ihren Nachkommen zu rechnen.“ Bei Arbeitern, die effektive Dosen von 100 Millisievert oder mehr erhielten, räumte UNSCEAR zwar ein, dass „in Zukunft mit einem erhöhten Krebsrisiko zu rechnen ist“, fügte jedoch hinzu: „Allerdings dürfte eine erhöhte Krebsinzidenz in dieser Gruppe nicht erkennbar sein, da es schwierig ist, eine so geringe Inzidenz gegenüber den normalen statistischen Schwankungen der Krebsinzidenz zu bestätigen.“
[12] 

Fazit 

Eine intensive Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Folgen radioaktiver Niedrigstrahlung ist unerlässlich – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die gegenwärtige deutsche und EU-Politik erwägt, möglicherweise eigene europäische Atomwaffen herzustellen. Dabei werden mögliche Strahlenschäden von militärischer und sicherheitspolitischer Seite systematisch kleingeredet. Um den Gefahren durch Atomwaffen und Atomenergie in Europa wirksam zu begegnen, ist ein fundiertes Wissen über die Auswirkungen von Niedrigstrahlung unverzichtbar.

Dr. Angelika Claußen ist Co-Vorsitzende der deutschen IPPNW.

Quellen:

[1] Ein Petabequerel ist eine Billiarde Bequerel.

[2] Steinhauser et al (2014) Comparison of the Chernobyl and Fukushima nuclear accidents: a review oft he environmental impacts; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24189103/

[3] Karte nach: Map of Cesium-137 Deposition in Europe through Chernobyl-Fallout. Ressource EUR1673 EN/RU, Izrael et al. 1996; IPPNW Report Tschernobyl und Fukushima 2016, https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW_Report_T30_F5_Folgen_web.pdf

[4] Karten von Prof Timothy Mousseau, University of South Carolina und aus: J.N Smith et al (2014) https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1412814112

[5] Alla Jaroshinskaja (1994): Verschlusssache Tschernobyl, S. 147ff

[6] UNSCEAR (2008) Sources and Effects of Ionizing Radiation, http://www.unscear.org/docs/reports/2008/11-80076_Report_2008_Annex_D.pdf, S. 62

[7] https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW_Report_T30_F5_Folgen_web.pdf

[8] G.I. Lazjuk et al. (1995) Frequency changes of inherited Anomolies in the Republic of Belarus after Chernobyl accident, www.researchgate.net/publication/279644573_Frequency_Changes_of_Inherited_Anomalies_in_the_Republic_of_Belarus_After_the_Chernobyl_Accident

[9] Bebeshko, V., Bazyka, D., Loganovsky, K., Volovik, S., Kovalenko, A. et al. (2006) Does ionizing radiation accelerate the aging phenomena? International Conference. Twenty Years after Chernobyl Accident: Future Outlook. April 24 -26,2006, Kiev, Ukraine. Contributed Papers (HOLTEH, Kiev) 1, 13-18, www.tesec-int.org/pdf.

[10] IAEA/WHO Health Effects of the Chernobyl Accident and Special Health Care Programmes. Report of the UN Chernobyl Forum Expert Group „Health“ (EGH) Working draft, July 26, 2005, https://www.who.int/publications/i/item/9241594179

[11] https://press.un.org/en/2005/dev2539.doc.htm

[12] https://www.un-ilibrary.org/content/books/9789210010030

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Ansprechpartner

Patrick Schukalla
Patrick Schukalla
Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
Email: schukalla[at]ippnw.de

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