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Perinatalsterblichkeit in Japan nach Fukushima

Fukushima-2
12.10.2016

In Japan wird Perinatalsterblichkeit als ein Todesfall zwischen der 22. Schwangerschaftswoche und dem 7. Tag nach Geburt definiert. Bei den 15,2 Millionen Geburten in Japan zwischen 2001 und 2014 wurden nach dieser Definition 69.171 perinatale Todesfälle registriert. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Scherb et al. untersuchte diese Statistik mit der Fragestellung, ob sich die Perinatalsterblichkeit in den Regionen, die nach 2011 von radioaktivem Niederschlag betroffen waren, signifikant von anderen japanischen Regionen unterscheidet.

In der Studie werden die 47 japanischen Präfekturen in drei Kategorien unterteilt:

  • Schwerwiegend kontaminiert (mit großflächiger Belastung von mehr als 0,25 µSv/h Ortsdosisleistung): Iwate, Miyagi, Fukushima, Ibaraki, Tochigi und GunmaSV
  • Moderat kontaminiert (mit nur wenigen Gebieten mit mehr als 0,25 µSv/h Ortsdosisleistung): Chiba,Tokio und Saitama
  • Nicht oder nur geringfügig kontaminiert: die restlichen 38 japanischen Präfekturen

 

 

 

In der Analyse der Perinatalsterblichkeit in den sechs schwerwiegend kontaminierten Präfekturen (Iwate, Miyagi, Fukushima, Ibaraki, Tochigi und Gunma) zeigt sich eine relative Reduktion im Trend der perinatalen Todesfälle in den Jahren 2001 bis 2012 und ein signifikanter Sprung in diesem Trend von rund 15% im Januar 2012, etwa 10 Monate nach Erdbeben und Tsunami (siehe Grafik). Während die relative Reduktion der Perinatalsterblichkeit sich also auch nach der dreifachen Katastrophe vom März 2011 fortsetzt, tut sie dies auf einem insgesamt höheren Level. Dieser Sprung korreliert in absoluten Zahlen mit 318 zusätzlichen perinatalen Todesfällen zwischen Januar 2012 und Dezember 2014 (95%-Konfidenzintervall 136 bis 519).

 

 

Um die potentiellen Folgen des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 auf die Perinatalsterblichkeit von dem Effekt der radioaktiven Kontamination zu unterscheiden, wurden die sechs schwerwiegend kontaminierten Präfekturen noch einmal in zwei Gruppen unterteilt:

  • Gruppe 1 mit relativ hohen Todes- bzw. Vermisstenzahlen durch Erdbeben/Tsunami: Iwate (5.797) und Miyagi (10.777)
  • Gruppe 2 mit relativ niedrigen Todes- bzw. Vermisstenzahlen durch Erdbeben/Tsunami: Fukushima (1.810), Ibaraki (25), Tochigi (4) und Gunma (1)

Die separate Analyse der Perinatalsterblichkeit in diesen beiden Gruppen zeigt in Gruppe 1 (hohe direkte Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami) einen sprunghaften Anstieg der perinatalen Todesfälle um rund 50% in den Monaten März und April 2011, der sich in Gruppe 2 (niedrige direkte Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami) nicht findet. In beiden Gruppen zeigt sich allerdings ein ähnlicher Sprung des Trends der Perinatalsterblichkeit 10 Monate nach der dreifachen Katastrophe. Die Autoren der Studie kommen daher zu dem Schluss, dass jenseits der direkten Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami ein Effekt des radioaktiven Niederschlags in der Perinatalsterblichkeit wahrscheinlich ist. 

 

 

 

Zum Vergleich führen die Autoren noch die Trendanalyse der Perinatalsterblichkeit in den 3 moderat kontaminierten Präfekturen an, die ebenfalls einen, wenn auch geringfügiger ausgeprägten Sprung von rund 6,8% im Januar 2012 zeigt, sowie die Trendanalyse in den nicht oder geringfügig kontaminierten Präfekturen, die keine Veränderung der Perinatalsterblichkeit zeigt.

 

 

 

Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass eine Assoziation der dargestellten Trendveränderung der Perinatalsterblichkeit in den ausgewählten Präfekturen zur radioaktiven Kontamination wahrscheinlich ist, insbesondere da ähnliche Effekte auf die Perinatalsterblichkeit auch nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl in europäischen Studien gezeigt werden konnten. Geht man solch einer Assoziation aus,  könnten in den Jahren 2012 und 2014 zwischen 136 und 519 Kinder aufgrund des radioaktiven Niederschlags in der Perinatalzeit verstorben sein. Gleichzeitig räumen die Autoren ein, dass sich eine Kausalität durch solche Studien nie beweisen lässt.

Kritik an der Studie kam kürzlich von dem Nürnberger Wissenschaftler Alfred Körblein, der ein linear-quadratisches statt ein lineares Regressionsmodell für geeigneter hält, um die Fragestellung zu beantworten und die anhaltende Trendveränderung der Perinatalsterblichkeit anzweifelt. Weitere wissenschaftliche Aufarbeitung zu den Konsequenzen der Atomkatastrophe von Fukushima und den gesundheitlichen Folgen ionisierender Strahlung auf menschliche Gewebe sind weiterhin notwendig um die Zusammenhänge zwischen radioaktivem Niederschlag und Perinatalsterblichkeit besser verstehen wollen.

 

Dr. Alex Rosen


Quelle:

 

Interessierte können sich mittels dieser Links näher über die fachliche Auseinandersetzung zur statistischen Untersuchungen der Perinatalsterblichkeit informieren:

Foto: Fukushima-2

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