IPPNW.DE
Text vergrößernText verkleinernSeite druckenRSS-Feed aufrufen Seite versenden
Aus dem ATOM-Energie-Newsletter November 2016

Militärische Motive bei Hinkley Point

Atomkraftwerk Hinkley Point - Richard Baker, geograph.org.uk, Creative Commons Attribution Share-alike license 2.0
11.11.2016

Wissenschaftler der Universitäten Oxford und Sussex gehen davon aus, dass das britische Atomkraftwerk Hinkley Point C einer verdeckten Co-Finanzierung von Atomwaffen dient. Konkret geht es um die 2007 beschlossene Erneuerung der "Trident" Atomwaffenträger. Dies würde den weit überhöhten Preis für das Atomkraftwerk erklären.

 

Ein weit überhöhter Preis

In Großbritannien ist offiziell geplant, am Standort Hinkley Point zwei Atomreaktoren vom Typ „Europäischer Druckwasserreaktor (EPR)“ zu errichten. Der Preis wurde zuletzt mit mindestens 27,4 Milliarden Euro (24,5 Mrd. Pfund) für beide Blöcke angegeben. Die von der EU-Kommission genehmigte Höchstsumme liegt bei 38 Mrd. Euro (34 Mrd. Pfund). Ein Reaktorblock soll im Vereinigten Königreich demnach zwischen 14 und 19 Mrd. Euro kosten, obwohl der EPR ursprünglich (2005) zum Preis von 3 Mrd. Euro schlüsselfertig angeboten worden war.

In Finnland werden für den EPR zwischenzeitlich 9 Mrd. Euro verlangt, in Frankreich 10,5 Milliarden. In China kostet der EPR aber nur rund 4 Mrd. Euro, in Polen wurde er für 6 Mrd. Euro angeboten und selbst der Schweiz bot man den Atommeiler für 4,5 bis 5,6 Mrd. Euro an. Das zeigt, wie willkürlich die Preisgestaltung ist und dass diese mit den realen Kosten nur wenig zu tun haben kann.

 

Geldsegen und atomares Testgelände bei London

Es ist ohne Zweifel erkennbar, dass für Hinkley Point C jede Menge Geld fließen soll. Dabei wird in den Verträgen sogar gleich mit eingeplant, dass das Atomkraftwerk gar nicht unbedingt fertiggestellt werden und ans Netz gehen muss. Auch wenn das Atomkraftwerk keinen Atomstrom liefern wird, ist sichergestellt, dass die Stromkunden und Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Außerdem wurde für die Finanzierung noch das chinesische  Staatsunternehmen China General Nuclear Power Group (CGN) zu einem Drittel mit ins Boot geholt. Dafür sollen die Chinesen den Standort Bradwell-on-Sea, nordöstlich von London, als „Testgelände“ für einen weiteren, bislang unerprobten Atomreaktor chinesischer Bauart nutzen dürfen. Verkehrte Welt: Ein Schwellenland soll im Mutterland der Industrialisierung einen Atomreaktor testen.

 

Rüstungskonzerne wollen robuste zivile Atomindustrie

Die These aus Oxford und Sussex, dass es bei diesem gigantischen Geldsegen in Wirklichkeit um etwas anderes, nämlich um die versteckte Finanzierung eines Atomwaffenprogramms, gehen könnte, ist alles andere als abwegig. Der Preis für die Erneuerung der Trident-Atomraketen wird offiziell mit 38,5 Milliarden Dollar angegeben. Da erscheint es natürlich äußerst lukrativ, weitere Milliarden heimlich zuschießen zu können, ohne den Militärhaushalt belasten zu müssen. Die Wissenschaftler verweisen auf Dokumente, wonach unter anderem Rüstungskonzerne wie Rolls-Royce und BAE Systems eine „robuste“ zivile Atomindustrie als essentiell für die Erneuerung des Atom-U-Boot-Programms sehen.

Es zeigt sich erneut, dass die zivile und die militärische Nutzung der Atomenergie letztlich zwei Seiten einer Medaille sind.

Viele Fragen wirft bei dieser Interpretation der Umstand auf, dass ein chinesischer Staatskonzern die „nukleare Abschreckung“ des Vereinigten Königreichs mitfinanzieren würde, die beispielsweise in der New York Times vom 10. Oktober 2016 als „gegen China gerichtet“ dargestellt wurde. 

 

EPR-Reaktoren nicht konstruierbar?

In einem Punkt dürften die britischen Wissenschaftler aber über das Ziel hinausschießen: So argumentiert der Oxforder Umweltexperte Peter Wynn Kirby in der New York Times, es sei „nicht klar, ob die EPR-Technik funktionsfähig ist“, da bisher keine funktionierende Reaktor-Version existiere. Die beiden Bauprojekte in Finnland und in Frankreich hätten mit wichtigen Sicherheitsproblemen zu kämpfen. Er verweist ferner darauf, dass sich beim ersten Guss des Druckbehälters für Hinkley Point C ernsthafte metallurgische Fehler gezeigt hätten.

Ins Feld geführt wird auch der Nuklearingenieur Tony Roulstone von der Universität Cambridge, der das EPR-Design 2014 als „unkonstruierbar“ bezeichnet hatte.

Was die britischen Wissenschaftlicher unterschlagen, ist, dass am chinesischen Standort Taishan zwei EPR-Reaktoren errichtet werden, die bereits im kommenden Jahr ans Netz gehen sollen. Am 27. Januar 2016 wurde in Taishan der Kaltlauf des Reaktor- und Hilfssystems, in dem die Integrität der Leitungen geprüft wird, abgeschlossen. Am 15. März 2016 war der Bau von Block 1 beendet, seitdem läuft die Testphase für die Betriebsaufnahme. Es wird sich also schon recht bald zeigen, ob die von Siemens und AREVA konstruierten EPR-Anlagen funktionieren oder nicht. 

Es sieht also so aus, als würde die Atomindustrie in Ländern wie China neue Atomkraftwerke relativ zügig zur Stromproduktion ans Netz bringen wollen, während die Atom- und Rüstungsindustrie in Europa vornehmlich an teuren „Dauerbaustellen“ interessiert ist, die in erster Linie der verdeckten Finanzierung von Atomwaffenprogrammen dienen könnten. Angebliche Schwierigkeiten bei der Herstellung der Reaktordruckbehälter und andere behauptete technische Probleme könnten willkommene Gründe dafür sein, den Preis immer weiter in die Höhe zu schrauben. 

Von Henrik Paulitz

 

Weiterlesen:

 

 

Foto: Atomkraftwerk Hinkley Point - Richard Baker, geograph.org.uk, Creative Commons Attribution Share-alike license 2.0

Sitemap Überblick