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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter August 2016

Gefahr eines Super-GAUs in Berlin?

Fiktives Szenario einer radioaktiven Wolke über Berlin. Grafik: IPPNW
01.08.2016

Wenn sich die Diskussion um die Gefahren der zivilen Atomenergie dreht, denkt man sofort an die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima oder die Pannenmeiler quer durch Europa. Weniger Beachtung erfahren die sogenannten Experimentierreaktoren wie in München-Garching oder Berlin-Wannsee. Dabei wird auch hier spaltbares Material gelagert und in Reaktoren eingespeist – und natürlich kann es auch hier – beispielsweise durch einen Flugzeugabsturz – jederzeit zu einer Atomkatastrophe und somit zur  Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität kommen.

Ein besonderes Augenmerk für die Berliner IPPNW bildet dabei der Experimentierreaktor Berlin-Wannsee. Der Reaktor liegt am Stadtrand Berlins in einem Wohngebiet. Je nach Wind und Wetter könnte die radioaktive Wolke quer über Berlin ziehen und große Teile des Stadtgebiets verstrahlen. Die gesundheitlichen Auswirkungen für die Bewohner, die ökologischen Folgen und die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Stadt wären unabsehbar. Auch die brandenburgische Hauptstadt Potsdam und das weitere Umland wären akut gefährdet.

Wenn sich die Diskussion um die Gefahren der zivilen Atomenergie dreht, denkt man sofort an die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. Auch die Pannenmeiler hierzulande wie Gundremmingen oder im nahen europäischen Ausland wie Temlin in der Tschechischen Republik, Doel und Tihange in Belgien oder Fessenheim und Cattenom in Frankreich werden dann häufig genannt. Weniger Beachtung erfahren die sogenannten Experimentierreaktoren wie in München-Garching oder Berlin-Wannsee. Dabei wird auch hier spaltbares Material gelagert und in Reaktoren eingespeist – und natürlich kann es auch hier – beispielsweise durch einen Flugzeugabsturz – jederzeit zu einer Atomkatastrophe und somit zur Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität kommen.

Der Atomreaktor am Wannsee liefert Neutronen für wissenschaftliche Untersuchungen, die nach Auskunft der Betreiber überwiegend für Materialforschung benötigt werden. Der erste Berliner Experimentierreaktor (BER I) war zwischen 1958 und 1972 in Betrieb. 1974 wurde er stillgelegt und in den so genannten „sicheren Einschluss“ überführt. Im Dezember 1973 wurde der Nachfolge-Reaktor BER II mit einer Leistung von 5 Megawatt (MW) in Betrieb genommen. 1991 wurde die Leistung auf 10 MW erhöht. Da der Experimentierreaktor bei Normaldruck arbeitet, besitzt er keinen Reaktordruckbehälter wie alle anderen, stromerzeugenden Atomkraftwerke. Es handelt sich vielmehr um einen so genannten „Schwimmbadreaktor“, bei dem der Kern in einem offenen Wasserbecken hängt. Der Reaktor befindet sich in einer einfachen Industriehalle, ohne besonderen Schutz gegen Einwirkungen von außen.

Der BER-II wird vom Helmholtz-Zentrum Berlin betrieben, einer GmbH des Bundes und des Landes Berlin. Das Helmholtz-Zentrum ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. In deren Führungsgremien sitzen u.a. Vertreter des Rüstungskonzerns EADS/Airbus, des Atomkonzerns EnBW, des Chemiekonzerns BASF, der IBM Deutschland und der Robert Bosch Industrietreuhand. Die Grundfinanzierung erfolgt aber zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Land Berlin und kostet die Steuerzahler über 35 Millionen Euro pro Jahr. Die Aufsicht führt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz.

Der Reaktor ist seit 42 Jahren in Betrieb. Sein Schutzkonzept wurde von 1973 fortgeschrieben. Der Reaktor liegt mitten in einem Wohngebiet und gilt als sehr störanfällig. Von Mitte 1991 bis Ende 2014 gab es 66-70 meldepflichtige Ereignisse, darunter 10 Störfälle und mindestens 34 Reaktorschnellabschaltungen. Auch wenn der Betreiber einen schweren Reaktorunfall für nahezu unmöglich hält, haben Tschernobyl und Fukushima demonstriert, wie verwertbar solche optimistischen Annahmen in der Realität sind. Auch hat die Reaktorsicherheitskommission unmissverständlich festgestellt, dass der Berliner Atomreaktor gegen einen Flugzeugabsturz nicht gesichert ist und eine Kernschmelze nicht ausgeschlossen werden kann. Auch andere Szenarien sind denkbar, bei denen es zu einem substantiellen Schaden im Reaktor kommen könnte – zum Beispiel eine massive Naturkatastrophe, Sabotage, ein Hackerangriff oder ein konventioneller Terror-Angriff.  

Unabhängig von der Ursache, käme es bei einer Kernschmelze im trocken gefallenen Reaktorbecken zur Freisetzung großer Mengen radioaktiven Materials, u.a. von Radioisotopen wie Jod-131, Cäsium-137 und Strontium-90. Diese Stoffe können über Luft, Wasser oder Nahrung vom Menschen aufgenommen und in Organen wie der Schilddrüse, den Knochen, den Muskeln oder der Lunge eingelagert werden. Dort können sie z.T. über lange Zeit das umliegende Gewebe verstrahlen und durch Zellschäden und Mutationen zu Krebs und anderen Krankheiten führen. Insgesamt gehen die Betreiber von einer Gesamtemissionsmenge von 51,9 Peta-Becquerel, oder einer Billiarde Becquerel aus.

Eine radioaktive Wolke würde, je nach Windrichtung und Wetterbedingungen, den Großraum Berlin mit seinen mehr als 3,5 Millionen Einwohnern durch radioaktiven Niederschlag bedrohen. Bei schwachem Wind aus Südwest (Windgeschwindigkeit von 20 km/h), könnte die radioaktive Wolke nach einer Stunde bereits das Zentrum Berlins erreichen. Das offizielle Katastrophenschutzkonzept sieht allerdings nur bis zu 4 km Entfernung Evakuierungen vor, in einem Umkreis von bis zu 8 km würde die Bevölkerung aufgefordert, im Haus zu bleiben, um den Kontakt mit radioaktivem Niederschlag zu vermeiden. Zur Verringerung des Schilddrüsenkrebsrisikos müssten in kürzester Zeit Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt werden, wobei völlig unklar ist, auf welchem Wege dies im allgemeinen Chaos der Evakuierungen und der Panik geschehen könnte.

Übrigens: Bereits im Normalbetrieb treten nach Angaben des Bundesumweltministeriums aus dem BER-II im Jahr bis zu 660 Gigabecquerel (GBq) radioaktive Edelgase, bis zu 1,2 Megabecquerel (Mbq) radioaktives Jod-131 sowie Tritium, Strontium und Alphastrahler aus und stellen eine potentielle Gefahr für Umwelt und Anwohner dar. Und nicht nur der Atomreaktor selbst stellt eine Gefahr dar. Auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums Berlin befindet sich zudem eine  zentrale Sammelstelle für radioaktive Abfälle.

Die IPPNW fordert daher bereits seit langem die Stilllegung des Experimentierreaktors. Die Gefahr, die von ihm ausgeht, ist nicht hinnehmbar.


Barbara Hövener und Alex Rosen


Weitere Informationen:

 

 

Foto: Fiktives Szenario einer radioaktiven Wolke über Berlin. Grafik: IPPNW

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