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China bleibt Schwerpunkt des Atomenergie-Ausbaus

Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)
12.10.2016

Der  aktuelle „World Nuclear Industry Status Report 2016“ beschreibt wieder einmal Zustand und Trends der Atomindustrie. Die Rolle der Atomenergie an der weltweiten Bruttostromerzeugung blieb in den vergangenen vier Jahren mit rund 11 Prozent praktisch unverändert. In 31 Ländern werden derzeit insgesamt 402 Atomkraftwerke betrieben. 2002 waren es noch 438 Anlagen. China bildet nach wie den Schwerpunkt eines gewissen Zubaus von Atomkraftwerken. 21 Kraftwerke sind dort offiziell in Bau. Bei fast allen Neubauprojekten weltweit kommt es zu jahrelangen Verzögerungen, zum Teil auch in China. Mit den zahlreichen „Dauerbaustellen“ versucht die Atomindustrie offensichtlich den Eindruck zu erwecken, als habe diese Technologie in vielen Ländern weiterhin eine Zukunft. Tatsächlich aber ist in vielen Staaten eine Abkehr von der Atomenergie-Nutzung erkennbar.

In Taiwan und Kalifornien wurde ein Ausstieg aus der Atomenergie-Nutzung beschlossen. In Japan, Schweden, der Schweiz, Taiwan und in den Vereinigten Staaten wurden 2015 insgesamt acht Atomkraftwerke vorzeitig stillgelegt. Und: Mit Ausnahme der Vereinigten Arabischen Emirate und Belarus verschoben alle potenziellen Neueinsteiger in die Atomenergie entsprechende Entscheidungen. Chile und Indonesien gaben ihre Nuklear-Pläne wieder auf.

Unter dem Strich ist die globale Atomstromerzeugung auf sehr wenige Länder – die „Big Five“ – hochgradig konzentriert: Zwei Drittel der gesamten Atomstromerzeugung erfolgt in den USA, Frankreich, Russland, China und Südkorea. Allein in den USA und Frankreich ist die Hälfte der globalen Atomstromerzeugung angesiedelt. Für die überwiegende Mehrzahl der Staaten spielt die Atomenergie also energiewirtschaftlich keine oder eine nur geringe Rolle. Die Probleme, die diese Form der Energieerzeugung verursacht stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Hinzu kommt, dass die in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke immer älter werden. Lässt man China außen vor, so sind die Atommeiler weltweit durchschnittlich seit 29 Jahren in Betrieb. Mit 215 Anlagen produzieren mehr als die Hälfte länger als 30 Jahre Strom, 59 Anlagen sind älter als 40 Jahre (37 davon in den USA). Bei dem seit Jahren eher behäbigen Zubau an Neuanlagen ist zu erwarten, dass die Nutzung der Atomenergie in den meisten Ländern auslaufen wird.

 

Atomkraftwerks-Bau in Westeuropa

In Westeuropa ist der Atomkraftwerksbau seit nunmehr Jahrzehnten heftig ins Stocken geraten. Seit den 1980er Jahren gab es lange Zeit keine Neubauaufträge mehr.

An lediglich zwei Standorten wird inzwischen ein so genannter Europäischer Druckwasserreaktor (EPR) gebaut: Mit dem finnischen Olkiluoto-3 (Baubeginn 2005) und im französischen Flamanville-3 (2007) gibt es nunmehr zwei Langzeitbaustellen, die nicht den Eindruck erwecken, als hätten es die Bauherren besonders eilig. Der europäische Strommarkt ist völlig übersättigt, so dass die Stromwirtschaft eher ein Problem bekäme, wenn zusätzliche Atomstrom-Kapazitäten allzu schnell den Markt überfluten würden. Olkiluoto und Flamanville dürften in erster dem Zweck dienen, der angeblichen Rennaissance der Atomenergie Glaubwürdigkeit zu verleihen und in zweiter Linie sollen sie in ein paar Jahren einige wenige der stillzulegenden Altmeiler ersetzen. 

Fast noch eigentümlicher ist das britische Atomprojekt Hinkley Point C. Auch dabei geht es um zwei Europäische Druckwasserreaktoren - jedenfalls auf dem Papier. Es ist völlig ungewiss, ob Hinkley Point C gebaut wird und falls ja, ob die Anlage jemals Strom produzieren wird. Denn der vorgesehene Vertrag für dieses Atomkraftwerk enthält eine bemerkenswerte Klausel: Bleibt das Kraftwerk eine Bauruine, dann haftet der Staat für die Baukosten. Und der für die Anlage festgelegte Preis liegt um ein Vielfaches über dem Weltmarktniveau und noch um viele Milliarden über dem derzeit prognostizierten Preis für Olkiluoto und Flamanville. Hinkley Point C müsste also gar keinen Atomstrom produzieren und wäre dennoch für den Kraftwerkshersteller und für die Banken ein phantastisches Geschäft.

Die Atomenergie in Westeuropa tendiert jedenfalls in eine Richtung, in der es immer weniger Atomstrom, aber dennoch steigende "Kosten" gibt. In Wirklichkeit handelt es sich um völlig willkürlich festgelegte Preise für Projekte ohne jeglichen Nutzen.

Von Henrik Paulitz

 

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Foto: Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)

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