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Artikel von Dr. med Alex Rosen

Aus den Augen, aus dem Sinn

Pläne zur Entsorgung des radioaktiven Kühlwassers in Fukushima

10.03.2020 Ende Januar empfahl eine Arbeitsgruppe der japanischen Regierung, 1,2 Millionen Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifischen Ozean zu leiten. Seit der dreifachen Kernschmelze in Fukushima vor 9 Jahren müssen die havarierten Reaktoren kontinuierlich von außen gekühlt werden.

Da die Reaktoren jedoch zerstört sind und die hoch-radioaktiven Spaltmaterialien Uran und Plutonium relativ ungeschützt am Boden der Reaktordruckbehälter liegen, wird das Kühlwasser stark radioaktiv kontaminiert. Nur ein Teil dieses verstrahlten Kühlwassers kann nachträglich wieder aus den Reaktorhülsen abgepumpt werden (ca. 400 Tonnen pro Tag), der Rest sickert direkt ins Grundwasser und ins nahe gelegene Meer.

Das aufgefangene Wasser wird in große Tanks auf dem Kraftwerksgelände gepumpt. 1.003 dieser Behälter wurden bereits gebaut und ständig kommen neue hinzu.

Nun argumentiert TEPCO, dass der Platz für zusätzliche Tanks nicht ausreichen würde und erhöht den Druck auf die japanische Regierung, das verstrahlte Wasser in den Ozean kippen zu dürfen.

Über einen Zeitraum von etwa einem Jahr soll das Wasser nach und nach ins Meer geleitet und dort auf „natürlicher Art und Weise“ verdünnt werden – ein Horrorszenario für die Anwohner, die Fischerei und die Landwirtschaft in der Region, die allesamt fürchten, dass die Sorgen um Lebensmittelsicherheit erneut entflammen könnten, wenn radioaktives Strontium, Tritium und andere Radioisotope in größeren Mengen ins Meer gelangen würden. Mit einer Petition sammelten sie in einem kurzen Zeitraum mehr als 250.000 Unterschriften gegen die Freisetzung des flüssigen Strahlenmülls ins Meer.

Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) und die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) hingegen haben bereits grünes Licht gegeben – sie halten das Verklappen des verstrahlten Wassers für vertretbar und mögliche gesundheitliche Risiken für „gering“. Es ginge bei den radioaktiven Stoffen im Wasser nur noch um das „relativ harmlose“ Tritium – alle anderen Radioisotope seien bereits herausgefiltert worden.

Wer hat nun Recht? Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf die bisherigen Versprechen der Betreiberfirma TEPCO bezüglich der Aufbereitung des radioaktiven Wassers und die Realität vor Ort.

Dieselbe Arbeitsgruppe der Regierung, die jetzt, im Jahr 2020, die Verklappung des strahlenden Wassers ins Meer empfiehlt, hatte zu Beginn der Atomkatastrophe die Regierung bereits bezüglich der Verarbeitung des Wassers beraten. Damals hatte man das relativ kostengünstige „Fortgeschrittenes Flüssigkeits-Verarbeitungssystem“ ALPS (Advanced Liquid Processing System) empfohlen, mit dem alle radioaktiven Stoffe bis auf Tritium so weit aus dem Wasser entfernt werden sollen, bis diese nicht mehr nachweisbar sind.   Kritiker merkten bereits damals an, dass ALPS dies nicht leisten könne und schlugen aufwändigere technische Lösungen vor, die jedoch verworfen wurden. Das ALPS wurde installiert und das abgepumpte Wasser damit behandelt. Offiziell lief dies viele Jahre völlig nach Plan und mit angeblich hervorragenden Ergebnissen.

Unabhängige Untersuchungen der Wassertanks wurden von TEPCO wiederholt abgelehnt. Mittlerweile weiß man auch, weshalb. Im September 2018 musste TEPCO nach Bekanntwerden durchgestochener Dokumente einräumen, dass das ALPS Verfahren nicht den Erwartungen entsprach und weiterhin mehr als 62 Radionuklide im bereits behandelten Wassers zu finden waren, darunter radioaktives Strontium, welches Leukämie verursacht, radioaktives Cäsium, welches zu soliden Tumoren im Körper führen kann, radioaktives Jod, welches die Schilddrüse betrifft sowie radioaktives Kobalt, welches zur gefürchteten akuten Strahlenkrankheit führen kann. All diese Stoffe könnten sich bei einer Freisetzung ins Meer in der Tier- und Pflanzenwelt des Meeresbodens wiederfinden, sich in Fischen, Meeresfrüchten und Algen anreichern und über die Nahrungsketten des Ozeans bald auch ihren Weg auf die Teller von Konsumenten finden.

Das Unternehmen entschuldigte sich in einem offiziellen Statement für die jahrelange Fehlinformation und gab zu, dass mehr als 80% des gelagerten Wassers weiterhin die von der Regierung definierten Grenzwerte für Radioaktivität überschritt: Der TEPCO-Sprecher Kenji Abe sagte damals, es seien in den Tanks „neben Tritium auch noch andere Stoffe. Sie wurden bisher nicht herausgefiltert". In anderen Worten, von den damals 890.000 Tonnen verstrahltem Wasser waren 780.000 Tonnen auch nach der Behandlung mit ALPS mit gefährlichen Radioisotopen kontaminiert. In 65.000 Tonnen Wasser lagen die Strahlendosen gar mehr als 100 Mal höher als die Regierungsgrenzwerte es erlaubt hätten. Radioaktives Strontium-90, beispielsweise, wurde in einigen Behältern mit 600.000 Bq/l gemessen – rund als 20.000 Mal höher als der offizielle Grenzwert.

Als Grund für das Versagen der ALPS-Technik wurde Zeitnot benannt: "Wir waren damals in Eile", so Abe. Kazue Suzuki von Greenpeace Japan sieht jedoch vor allem wirtschaftliche Gründe hinter TEPCOs Versagen in der Frage der Wasseraufbereitung: "Die Entscheidung, keine Wasseraufbereitungstechnologie zu entwickeln, die radioaktives Tritium entfernen könnte, wurde durch kurzfristige Kostensenkungen motiviert, nicht durch den Schutz der Umwelt des Pazifischen Ozeans oder der Gesundheit und der Lebensgrundlagen der Gemeinden entlang der Küste von Fukushima.“ Neben der Wahl der relativ kostengünstigen ALPS-Technologie seien aber auch im Verlauf immer wieder Fehlentscheidungen getroffen worden. So seien unter anderem Reagenzien nicht in den fachgerechten Abständen ersetzt worden, wohl auch um Geld zu sparen.

TEPCO hat seit dem skandalösen Eingeständnis im September 2018 versprochen, die Wasseraufbereitung mit größerer Sorgfalt anzugehen, hält aber weiter an der umstrittenen ALPS-Technologie fest. So wolle man die Voraussetzung dafür schaffen, das kontaminierte Wasser schließlich doch ins Meer verklappen zu können. Auf der Basis dieser Versprechen empfahl nun dieselbe Arbeitsgruppe, die damals die Einführung von ALPS empfohlen hatte, die baldige Entsorgung des „behandelten Wassers“ in den Ozean.

Hat TEPCO seine Hausaufgaben in der Zwischenzeit gemacht? Unabhängige Messungen werden weiterhin nicht erlaubt, sodass man in der Bewertung ausschließlich auf die Zahlen des Unternehmens selbst angewiesen ist. Aber diese sind schon brisant genug: eine Abfrage der offiziellen Wassertestwerte vom 31. Dezember 2019 zeigt weiterhin ein besorgniserregendes Bild: von insgesamt 1.080.700 Kubikmeter Wasser entsprechen gerade mal 28% (300.000 Kubikmeter) den gesetzlichen Grenzwerten. Der Rest liegt deutlich oberhalb der Grenzwerte, wie diese Grafik von TEPCOs eigener Website veranschaulicht:

 

TEPCO beharrt darauf, dass durch weitere Reinigungsschritte mit ALPS die Radionuklide auf Werte reduziert werden könnten, die unterhalb der gesetzlich vorgesehenen Grenzwerte liegen. Ob dies mit ALPS möglich sein wird, darf aufgrund der bisherigen Erfahrungen zumindest angezweifelt werden. Unabhängige Wissenschaftler halten die Verklappung des radioaktiven Wassers in den Tanks weiterhin für ein unverantwortliches ökologisches und gesundheitliches Risiko und betonen, dass auch das vermeintlich  „harmlose“ Tritium ein Betastrahler ist und somit gesundheitsgefährdend, wenn es eingeatmet, mit der Nahrung, Trinkwasser oder über die Haut aufgenommen wird. Die biologische Halbwertszeit von Tritium im menschlichen Körper beträgt zwischen 7 und 14 Tagen. Das bedeutet, es dauert 1-2 Wochen um die Hälfte des aufgenommenen Tritiums auszuscheiden. Im Körper kann Tritium DNA-Schäden verursachen und somit zu Mutationen und Krebs führen. Tritium kann vom Körper nicht von regulärem Wasser unterschieden werden und wandert daher überall dorthin, wo Wasser im Körper ist, also praktisch in jedes Gewebe und jedes Körperteil. Vor allem während der Schwangerschaft besteht ein Risiko, dass Tritium über die Nabelschnur und das Fruchtwasser das ungeborene Leben im Mutterleib schädigen und zu späteren Krebserkrankungen führen kann.

Anstelle der Verklappung in den Ozean wäre eine weitere, möglichst erdbebensichere Aufbewahrung an Land für einen Zeitraum von etwa 100 Jahren denkbar, da viele der radioaktiven Isotopen in dieser Zeit allein durch ihren natürlichen Zerfall einiges an Gefährlichkeit einbüßen würden und dann ganz andere technische Verfahren möglich wären, um das Wasser grundlegend zu dekontaminieren. Das Argument, es sei auf dem Kraftwerksgelände nicht genügend Platz für weitere Tanks ist ohnehin wenig überzeugend, da das gesamte Umland eine riesige Sperrzone ist, in der niemand lebt. Unabhängig davon, welche technische Lösungen gewählt werden, das verstrahlte Wasser ins Meer zu kippen ist sicherlich ein Risiko, welches tunlichst vermieden werden sollte.


Dr. med Alex Rosen
Co-Vorsitzender der deutschen Sektion der IPPNW

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