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40 Jahre Kernschmelz-Unfall in der Slowakei

von MarkBA (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons
05.02.2017

Von Tschernobyl und Fukushima hat fast jeder gehört. Die Teil-Kernschmelze in Harrisburg ist in der Anti-Atom-Bewegung gut bekannt. Doch wer weiß schon, dass sich vor 40 Jahren auch in der damaligen Tschechoslowakei ein Atomunfall mit teilweiser Kernschmelze ereignete?

Am 22. Februar 1977 kam es in dem mit einem Druckröhrenreaktor ausgestatteten ersten slowakischen Atomkraftwerk Bohunice A1 zu einem Unfall: Beim Beladen mit frischen Brennelementen überhitzten einige davon, ein Brennelement schoss aus dessen Druckröhre und zerschellte am darüber liegenden Beladungskran. Ein Arbeiter starb, die Reaktor-Halle wurde kontaminiert, es kam zu radioaktiven Freisetzungen in die Atmosphäre wie auch in Oberflächengewässer. Der Atommeiler wurde nach dem Unfall stillgelegt.

Das  Ereignis wurde offiziell mit INES 4 bewertet - es handelte sich demnach offiziell um einen „Atomunfall“ (nicht nur um einen „Störfall“). Unfälle der INES-Stufe 4 zeichnen sich durch Schäden am Reaktorkern und an den radiologischen Barrieren aus, sowie durch schwere Kontaminationen bzw. Strahlenbelastungen des Personals, die zu akuten Gesundheitsschäden führen können (in der Größenordnung von 1 Sievert).

Bei dem Unfall schmolzen in Bohunice A1 gleich mehrere Brennelemente. Die Reaktorhalle wurde radioaktiv kontaminiert. Als Ursache wird eine „fehlerhafter Beladung“ des Reaktors genannt. Es heißt, Verpackungs- und Feuchtigkeitsabsorptionsmaterial sei von einem Brennelement nicht entfernt worden, so dass ein Kühlkanal verstopfte, wodurch das Kühlmittel nicht richtig durch das Brennelement strömen konnte. Es kam zu einer lokalen Überhitzung und die Druckröhre sowie umliegende technologische Kanäle wurden beschädigt. In den Gas-Kühlkreislauf drang zudem schweres Wasser ein. Aufgrund des schnellen Temperaturanstieges wurde die Beschichtung der Brennstäbe in der aktiven Zone beschädigt. Durch das Wegfallen dieser Sperre wurde der Primärbereich kontaminiert und anschließend wegen Undichtigkeiten der Dampfgeneratoren auch Teile des sekundären Bereiches.

Jahrzehnte nach dem Unfall sind die Folgen dieses Unfalls noch immer nicht beseitigt. 1997 beklagten Abgeordnete des Deutschen Bundestages, am Standort des slowakischen Kernkraftwerkes Jaslovske Bohunice würden große Mengen verschiedener radioaktiver Abfälle „unsachgemäß aufbewahrt“. Boden, Flora und Fauna, Kanalisation, Flußbett und -ufer sowie die Zuflüsse seien durch eine große Anzahl radioaktiver Isotope kontaminiert worden. „Ursache dieser Kontamination ist der Unfallreaktor Bohunice A1, der aufgrund der Unfälle von 1976 und 1977 stillgelegt wurde. Die Nuklide aus dem Unfallreaktor werden seit mehr als 20 Jahren nicht sachgemäß behandelt mit der Folge, dass an einigen Korrosionsstellen radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangen“ (Bundestags-Drucksache 13/9078). 

In einer Stellungnahme vom 29. Oktober 2015 stellte die Europäische Kommission fest, am  Standort des Kernkraftwerks Bohunice A-1 würden noch immer „mittel- bis hochaktive Festabfälle“ zwischengelagert, bis ein nationales Endlager zur Verfügung stehe. Die slowakische Republik hatte einen „Plan für die Ableitung radioaktiver Stoffe“ aus der Stilllegung des Atomkraftwerks vorgelegt. Mit Blick auf die Nachbarstaaten Tschechien, Österreich und Ungarn schrieb die Kommission: „Unter normalen Stilllegungsbedingungen haben die Ableitungen flüssiger und gasförmiger Stoffe voraussichtlich keine gesundheitlich signifikante Exposition der Bevölkerung in einem anderen Mitgliedstaat zur Folge (…) Im Falle nicht geplanter Freisetzungen radioaktiver Stoffe nach Störfallen der in den Allgemeinen Angaben betrachteten Art und Größenordnung wären die Dosen, die von der Bevölkerung eines anderen Mitgliedstaats wahrscheinlich aufgenommen würden, unter  Berücksichtigung  der  Referenzwerte der neuen grundlegenden Sicherheitsnormen (Richtlinie 2013 /59/Euratom) gesundheitlich nicht signifikant.“ Zu den möglichen Gefahren für die slowakische Bevölkerung in der Umgebung der Anlage äußert sich die Kommission in ihrer Stellungnahme nicht.

Der Unfall in Bohunice, der sich diesen Monat zum 40. Mal jährt, zeigt abermals die große Gefahr, die von der Atomenergie für Mensch und Umwelt ausgeht und erinnert und an die dringende Notwenigkeit, die Atomkraftwerke in Europa stillzulegen, bevor es zu einem erneuten, eventuell schwerer verlaufenden Atomunfall kommt.

Von Henrik Paulitz

 

Dokumentation:

 

 

 

Foto: von MarkBA (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

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