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34 Jahre Tschernobyl – Waldbrände wirbeln Radioaktivität auf

30 Jahre beträgt die Halbwertszeit von radioaktivem Cäsium-137, das im Frühjahr 1986 quer über Europa herabregnete. Im bayerischen Wald und in Teilen Österreichs und Tschechiens sind Wildschweine, Beeren und Pilze bis heute so stark verstrahlt, dass ihr Verzehr das Krebsrisiko relevant steigern würde. Viel gravierender jedoch ist die Situation in der Sperrzone rund um Tschernobyl. Über ein rund 100.000 Hektar großes Areal verteilt rotten bis heute große Mengen an hoch- und mittelgradig radioaktivem Schutt von der Explosion und den wochenlangen Bränden in behelfsmäßig gesicherten Lagerstätten vor sich hin. In unmittelbarer Nähe zum Sarkophag, der den havarierten Reaktor 4 umgibt, lagern zudem die ausgebrannten Brennstäbe der Reaktoren 1-3 in oberirdischen Abklingbecken.

Die Waldbrände im April 2020 wirbelten radioaktive Partikel im Waldboden auf, bedrohten die Stromversorgung der Reaktorgebäuden und Abklingbecken und hüllen die nahe gelegene Hauptstadt Kiew über Tagen in schwere Rauchschwaden. Die französische IRSN schätzt, dass insgesamt 700 GBq an radioaktivem Cäsium-137 in die Atmosphäre aufgewirbelt wurden. Außerhalb der Sperrzone wurden keine relevant erhöhten Strahlenwerte außerhalb der Sperrzone gemessen, lediglich eine etwa hundertfache Erhöhung der Konzentration von radioaktivem Cäsium-137 in der Luft von Kiew (Daten des Zentralen Geophysischen Observatorium in Kiew zeigen einen Anstieg der Cäsium-137 Konzentration von rund 6 μBq/m3 auf 700 μBq/m3 am 10.-11. April), die damit jedoch weiter deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt.

Modellen der französischen Strahlenschutzorganisation IRSN zu Folge erreichten die Rauchschwaden aus Tschernobyl viele Teile Europas – am 8. und 9. April auch Deutschland (https://www.youtube.com/watch?v=eiHvBtb71Xc&feature=youtu.be). Die Konzentrationen von Rauch- und Strahlungspartikeln waren jedoch so gering, dass eine relevante Erhöhung der Strahlendosis außerhalb der Sperrzone noch nicht gemessen wurde.

Die Feuerlöschtruppen allerdings mussten direkt in der Sperrzone arbeiten und waren vor den stark erhöhten Strahlenwerten vor Ort nicht ausreichend geschützt. Die Staatliche Sperrzonen-Agentur der Ukraine veröffentlichte Luftmesswerte vom Reaktorgelände in Tschernobyl, die stark erhöhte Cäsium-137 Konzentrationen von 180.000 μBq/m3 zeigten, also Werte die mehr als 250 Mal höher lagen als zum gleichen Zeitpunkt in Kiew, wo den Anwohnern schon geraten wurde, in ihren Wohnungen zu bleiben und die Fenster geschlossen zu halten. Diese Werte müssen im Kontext gesehen werden: nach dem Super-GAU von Tschernobyl wurden in Bayern Cäsium-137 Konzentrationen von 10.000.000 μBq/m3 gemessen.

Auch 1986 wurden junge Menschen ohne adäquate Schutzausrüstung für Aufräum- und Löscharbeiten nach Tschernobyl geschickt. Damals wurden mehr als 800.000 sogenannte Liquidator*innen aus der gesamten Sowjetunion in die Sperrzone gebracht, um dort teilweise mit bloßen Händen verstrahlte Grafitbrocken umzuwuchten und die Feuer im Inneren des Reaktorkerns zu bekämpfen. Die Mehrheit von ihnen bezahlte einen hohen gesundheitlichen Preis für ihren Einsatz: Eine starke Häufung von Schlaganfällen, Herzinfarkten, Krebserkrankungen, Erblindung und anderen strahlenassoziierten Krankheiten bereits in jungem Alter wurden bei den Liquidator*innen festgestellt. Die männlichen ukrainischen Liquidatoren sterben etwa fünf Mal so häufig wie ihre Altersgenossen. (siehe IPPNW-Report "30 Jahre Leben mit Tschernobyl - 5 Jahre Leben mit Fukushima" von 2016).Strahlenbiologisch gibt es keinen Schwellenwert, unterhalb dessen Radioaktivität harmlos wäre. Jede noch so geringe zusätzliche Strahlendosis erhöht das Risiko, an Krankheiten wie Krebs, Schlaganfällen oder Herzinfarkten zu versterben.

Statistisch gesehen gab es in den letzten vier Jahrzehnten eine Atomkatastrophe mit Kernschmelze alle 10,7 Jahre. Fukushima ist gerade 9 Jahre her. Bis zur nächsten Atomkatastrophe ist es nur eine Frage der Zeit. Das nächste Tschernobyl, das nächste Fukushima, könnte überall geschehen - auch hier in Europa. Die Pannenmeiler von Doel, Tihange, Temelin, Beznau oder Fessenheim lägen allesamt in unmittelbarer Nähe zu Deutschland, aber auch hierzulande sollen noch bis 2022 Atommeiler weiter betrieben werden. Das nächste Tschernobyl kann auch Gundremmingen heißen.

Die IPPNW fordert daher eine Abkehr von schädlichen fossilen und atomaren Energien und eine Hinwendung zu erneuerbaren Energien, intelligenten Speicherlösungen und Energieeffizienz.

Dr. med. Alex Rosen ist Co-Vorsitzender der deutschen IPPNW

Weitere Ressourcen:

  • Modellierung der Rauchwolken vom 3. April bis 1. Mai 2020 laut dem franz. Institut de radioprotection et de sûreté nucléaire IRSN: www.youtube.com/watch
  • Modellierung der Rauchwolken laut dem staatlichen Wissenschafts- und Technologiezentrum Atom- und Strahlensicherheit (SSTCNRS): sstc.ua/news/rozrahunkovi-trayektoriyi-rozpovsyudzhennya-potencijno-zabrudnenogo-povitrya-na-osnovi-onovlenih-danih
  • Satellitenbilder von Rauch über Kiew laut NASA Earth Observatory: earthobservatory.nasa.gov/images/146561/fires-burn-in-northern-ukraine
  • Veröffentlichung des franz. Institut de radioprotection et de sûreté nucléaire IRSN: www.irsn.fr/EN/newsroom/News/Documents/IRSN_Information-Report_Fires-in-Ukraine-in-the-Exclusion-Zone-around-chernobyl-NPP_05052020.pdf
  • Flyer "Risiko und Nebenwirkungen der Atomenergie" www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/informationsblatt_atomenergie.pdf
  • IPPNW-Report „30 Jahre Leben mit Tschernobyl – 5 Jahre Leben mit Fukushima“ www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW_Report_T30_F5_Folgen_web.pdf

 

 

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