Während meines Aufenthalts in Belgrad absolvierte ich im Rahmen des IPPNW-Programms „Famulieren und engagieren“ eine Famulatur am Klinisch-Krankenhauszentrum Belgrad. Mein Einsatz erfolgte im Bereich der Anästhesiologie. Den Großteil der Zeit verbrachte ich im Reanimationsraum, ergänzend war ich gelegentlich im OP sowie auf Station eingesetzt. Meine Anwesenheit im Krankenhaus beschränkte sich meist auf die Vormittage zwischen 8 und 13 Uhr. Die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal war durchweg freundlich und respektvoll. Besonders zu Beginn meines Einsatzes wurde mir viel erklärt, wodurch ich einen guten Einblick in die Abläufe der Abteilung erhielt. Im weiteren Verlauf meiner Famulatur wurde meine Rolle zunehmend beobachtend; ich konnte weniger praktisch mitarbeiten und erhielt weniger direkte Anleitung. Fachlich war die Erfahrung daher ambivalent, zugleich war das Arbeitsklima offen und zugewandt.
Neben der klinischen Tätigkeit spielte das politische Geschehen in der Stadt eine große Rolle für meinen Aufenthalt. Während meiner Zeit in Belgrad kam es immer wieder zu Studierendenprotesten und Besetzungen an verschiedenen Fakultäten. Ich besuchte mehrere dieser Orte, die nicht nur als Protest- und Diskussionsräume fungierten, sondern auch zu wichtigen Treffpunkten für linke und politisch interessierte Menschen wurden. In Gesprächen mit Studierenden, die an den Besetzungen beteiligt waren, ging es häufig um Studienbedingungen, Korruption, soziale Ungleichheit und fehlende politische Perspektiven.
Im August waren viele dieser Proteste eher klein, spontan und teilweise chaotisch, was auch mit der sommerlichen Pause zusammenhing. Mit Beginn des Septembers wurden die Demonstrationen größer, strukturierter und sichtbarer im öffentlichen Raum. In vielen Gesprächen entstand der Eindruck, dass sich derzeit zahlreiche Menschen politisieren und beginnen, bestehende Zustände offener zu hinterfragen. Ein immer wiederkehrendes Thema war Korruption und ihre Auswirkungen auf den Alltag. Viele berichteten von einem Gefühl mangelnder Zukunftsperspektiven, insbesondere für junge Menschen, und dem Wunsch, Serbien zu verlassen, um anderswo bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu finden. Diese Erzählungen prägten mein Bild der politischen Stimmung in der Stadt nachhaltig.
Ergänzend zu diesen Erfahrungen engagierte ich mich während der Belgrader Pride Week. Ich unterstützte bei der Vorbereitung und Durchführung verschiedener Veranstaltungen, darunter Ausstellungen, Konzerte und organisatorische Aufgaben im Rahmen des Pride Walks. Dabei lernte ich viele unterschiedliche Menschen kennen und erhielt Einblicke in queere Organisierung in Serbien. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Pride innerhalb der lokalen queeren und linken Szene nicht unumstritten ist und von einigen politisch aktiven Personen kritisch begleitet oder bewusst nicht unterstützt wird.
Belgrad erlebte ich als eine Stadt voller Kontraste. Der August war von einer spürbaren Sommerpause geprägt, viele kulturelle und politische Aktivitäten ruhten. Erst im September gewann das öffentliche Leben wieder an Dynamik. Durch persönliche Kontakte und Freundschaften konnte ich Orte und Zusammenhänge kennenlernen, die mir einen differenzierteren Zugang zur Stadt ermöglichten.
Die Betreuung durch die IPPNW-Vertrauenspersonen war durchgehend zuverlässig und unterstützend. Sie standen mir bei organisatorischen Fragen zur Seite und waren ansprechbar, wenn Gesprächsbedarf bestand. Auch der Austausch mit lokalen Medizinstudierenden trug wesentlich dazu bei, mich im Alltag zurechtzufinden. Neben meinem Aufenthalt in Belgrad nutzte ich die Zeit, um innerhalb Serbiens sowie nach Bosnien und Montenegro zu reisen. Diese Reisen ergänzten meine Erfahrungen in Belgrad und erweiterten meinen Blick auf die Region. Insgesamt war mein Aufenthalt geprägt von einer Verbindung aus medizinischer Praxis, politischem Geschehen und persönlichen Begegnungen. Die Zeit in Belgrad ermöglichte mir Einblicke in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck, der über die klinische Tätigkeit hinausging.
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