Vom 24. bis 26. April 2026 fand in Jena das IPPNW-Jahrestreffen statt. Die IPPNW, die in Jena auf eine Tradition seit 1984 zurückblickt, widmete sich aktuellen Fragen von Krieg, Frieden und gesellschaftlicher Verantwortung. Zum Auftakt betonten politische Vertreter*innen die besondere Verantwortung von Medizin und Gesellschaft in Zeiten wachsender globaler Spannungen. Die Thüringer Gesundheitsministerin Katharina Schenk unterstrich, dass ärztliche Verantwortung nicht an der Praxis- oder Kliniktür ende. Auch der Jenaer Bürgermeister Johannes Schleussner hob hervor, dass Engagement für Frieden angesichts aktueller Konflikte an Bedeutung gewinne.
Inhaltlich standen vor allem zwei Beiträge im Mittelpunkt: Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Dörre kritisierte die zunehmende Militarisierung von Politik und Wirtschaft. Aufrüstung, so seine These, werde zunehmend als wirtschaftlicher Ausweg betrachtet, verschärfe jedoch soziale Ungleichheiten und gefährde langfristig den Sozialstaat. Die Rüstungsindustrie bezeichnete er als „Doppelindustrie“, die nicht nur Waffen produziere, sondern auch deren Einsatzbedingungen mit hervorbringe. Pazifistische Positionen seien daher wichtiger denn je, um Alternativen sichtbar zu machen.
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Johannes Varwick betonte in seinem Vortrag die Erfolgsgeschichte der deutschen Entspannungspolitik der 1970er und 80er Jahre. Er warnte vor den Risiken einer direkten militärischen Konfrontation zwischen NATO und Russland und den Folgen eines verschärften Sicherheitsdilemmas.
Diese zentralen friedenspolitischen Themen stießen erwartungsgemäß bei den rund 120 Teilnehmenden auf großes Interesse und wurden lebhaft diskutiert. Weitere Workshops boten Raum für die Auseinandersetzung mit aktuellen Problemstellungen. Junge Menschen lassen sich heute eher über Werte und Emotionen erreichen als über Daten und Fakten. Die IPPNW-Studierenden demonstrierten deshalb anhand praktischer Beispiele, wie sich Social Media nutzen lässt, um junge Menschen mit den Anliegen der IPPNW zu erreichen.
Weitere Workshops beschäftigten sich mit der zunehmenden Militarisierung des Gesundheitswesens in Deutschland und aktuellen Entwicklungen innerhalb des türkisch-kurdischen Konflikts. Die humanitäre Katastrophe in Palästina und im Nahen Osten war das Thema eines weiteren und viel beachteten Workshops. Denn mit Trumps Friedensplan hat sich die Lage der Menschen in Palästina nicht grundlegend verbessert. Trotz des Waffenstillstands ist der humanitäre Bedarf dort nach wie vor extrem hoch. Der Krieg gegen den Iran lenkt den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung aber auf andere Schwerpunkte und verschärft die Lage der Menschen in Palästina indes weiter.
Ein wichtiges Thema mit unmittelbarem Einfluss auf das ärztliche Handeln im Alltag sind die Änderungen im Asyl- und Abschieberecht ab Juni 2026 in Europa. Das europäische Asylrecht GEAS wird in Zukunft stärkere Freiheitsbeschränkungen für Asylsuchende, Leistungskürzungen und schnellere Abschiebungen für Geflüchtete bringen. Es beinhaltet aber auch Chancen – denn durch das sogenannte Screeningverfahren können besonders schutzbedürftige Geflüchtete besser identifiziert und die Rechte vulnerabler Gruppen früher wahrgenommen werden. Die Podiumsdiskussion unter Leitung der Menschenrechtsanwältin Claire Deery beschäftigte sich gemeinsam mit Aktivist*innen und Betroffenen mit diesem hochaktuellen Thema.
Als Ergebnis verabschiedete die Mitgliederversammlung einen Leitantrag mit zentralen friedenspolitischen Forderungen. Dazu zählen internationale Rüstungskontrolle, Gewaltfreiheit, die Einhaltung der Klimaziele, der Erhalt des Völkerrechts sowie das Ende der nuklearen Teilhabe Deutschlands. Der Antrag fordert einen politischer Strategiewechsel zur Beendigung des Ukrainekrieges und spricht sich gegen eine weitere Militarisierung gesellschaftlicher Bereiche aus.
Den Abschluss bildete ein öffentliches Friedenssingen auf dem Jenaer Kirchplatz unter dem Motto „Jena singt für den Frieden“.
Autor: Dr. Stefan Teweleit, Facharzt für Innere Medizin und Mitglied der IPPNW-Regionalgruppe Jena.
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