Das Schweizer AKW Leibstadt hat im Dezember 2024 seine ursprünglich vorgesehene Betriebszeit von 40 Jahren überschritten. Damit steht es exemplarisch für die riskante Tendenz zu Laufzeitverlängerungen überalterter Atomanlagen in Europa. Vor einem Jahr forderten daher über 500 Ärzt*innen und mehr als 250 weitere Unterstützer*innen in einem offenen Brief die Stilllegung des Alt-Reaktors oder zumindest die Durchführung einer grenzübergreifenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Zu letzterer wären die Schweizer Behörden im Sinne der Espoo-Konvention eigentlich verpflichtet gewesen. Da diese Verpflichtungen nicht erfüllt wurden, richteten die IPPNW Deutschland und die IPPNW/PSR Schweiz im September 2025 ein Schreiben an das Sekretariat der Espoo-Konvention, das in der UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE) angesiedelt ist.
Darin bezieht sich die IPPNW auf die De-facto-Laufzeitverlängerung des AKW und mahnt an, zu überprüfen, ob die Schweiz ihre Verpflichtungen gegenüber den Nachbarstaaten verletzt hat. Unsere Argumentation stützt sich auf wissenschaftliche Studien, insbesondere auf eine Metastudie des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS). Diese Studie zeigt erhebliche Risiken für Süddeutschland durch den Weiterbetrieb des Altmeilers auf. Eine grenzüberschreitende UVP könnte die Gelegenheit bieten, die gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Risiken des Überzeitbetriebs öffentlich zu thematisieren.
Im Oktober 2025 hat das Implementation Committee der Espoo-Konvention über die Argumente beraten und die Thematik zur weiteren Prüfung angenommen. Die Beratung soll im Februar 2026 fortgeführt werden. Das Sekretariat der Espoo-Konvention wird eine detaillierte Informationssammlung durchführen. Sollte das Implementation Committee zu dem Schluss gelangen, dass die Schweiz ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Nachbarn verletzt hat, wäre dies ein klarer Dämpfer für das nukleare Laissez-faire bei Reaktoren, die nach heutigen Sicherheitsstandards nicht mehr genehmigungsfähig wären. Letztendlich ist jedoch der gesellschaftliche Druck für eine echte Energiewende hin zu erneuerbaren Energien entscheidend.
Patrick Schukalla ist IPPNW-Referent für Atomausstieg, Energiewende und Klima.
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