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IPPNW
Rede auf dem IPPNW-Weltkongress

Warnsignal Forsmark

Der Vorfall in Schweden

Rede vom 10. September auf dem Weltkongress in Helsinki, Finnland
von Lars-Olov Höglund


Meine Damen und Herren, mein Name ist Lars-Olov Höglund, Diplom - Ingenieur, und ich habe die letzten 30 Jahre als Atomexperte gearbeitet - einige davon in einer Führungsposition der staatlichen schwedischen Energiebehörde (heute Vattenfall). Diese Gesellschaft errichtete drei Atomkraftwerke in Forsmark, 120 km nördlich von Stockholm. Nach meiner Zeit bei der staatlichen schwedischen Energiebehörde war ich 20 Jahre im Besitz einer Beratungsgesellschaft, der Kärnkraftteknik AB, und arbeitete bis vor ein paar Jahren als Berater für die schwedische Atomindustrie.

Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich, heute hier bei Ihnen zu sein und die Möglichkeit zu haben, etwas über den Forsmark-Zwischenfall zu sagen und zu erklären, warum er als einer der gravierendsten Zwischenfälle, die bekannt sind, angesehen werden muss.

Außerdem möchte ich gerne etwas über Laufzeitverlängerung und Leistungssteigerung alter Atomkraftwerke sagen und meine Bedenken diesbezüglich begründen.

Ich habe während meines Urlaubs morgens in der Zeitung vom Zwischenfall in Forsmark gelesen und mir war sofort klar, dass es sich um eines der schwerwiegendsten Vorkommnisse in einem Atomkraftwerk handeln muss. Die Zeitung schien dies aber nicht so zu sehen. Also schickte ich eine E-Mail an UNT (Uppsala Nya Tiding), eine Lokalzeitung in der Nähe von Forsmark.

UNT stellte Nachforschungen an und schrieb einen Artikel, in dem meine Sichtweise der Geschehnisse in Forsmark geschildert wurde. Zu meiner Überraschung belebte dieser Artikel die Debatte um die Atomenergie in Schweden wieder und erregte noch stärkere Aufmerksamkeit in Deutschland. Die Einstellungen zur Atomenergie in Schweden waren zu diesem Zeitpunkt fast euphorisch, was sich nach dem Zwischenfall in Forsmark abrupt änderte. Und das ist gut so.

[...]

Am 25. Juli dieses Jahres führte ein Kurzschluss zur Trennung der Anlage in Forsmark vom externen Hochspannungsnetz. Es wurde sofort Notstrom benötigt. Dieser wird durch zwei Sicherheitssysteme erzeugt. Das eine System besteht aus vier Dieselgeneratoren für große Energieverbraucher. Das andere Sicherheitssystem soll das Atomkraftwerk mit Schwachstrom versorgen, eine so genannte unterbrechungsfreie batteriebetriebene Stromversorgung (Uninterruptibel Battery Power System, UPS).

Die Sicherheitssysteme für Notstrom in Forsmark bestehen also aus zwei unabhängig voneinander arbeitenden Stromversorgungssystemen mit unterschiedlichen Aufgaben. Beide Systeme bestehen wiederum aus vier redundanten Teilen A bis D; jedes Teilsystem produziert 50 Prozent des benötigten Stroms. Das heißt, dass mindestens je zwei Teile der beiden Systeme Strom liefern müssen, um ein sicheres Herunterfahren des Reaktors zu gewährleisten.

In den frühen Neunzigern entschieden die Mitarbeiter in Forsmark - Mitarbeiter, die ausschließlich für den laufenden Betrieb des Atomkraftwerks zuständig sind - die unterbrechungsfreie Stromversorgung UPS zu modernisieren. Sie taten dies, ohne den Rat von Experten eines der Atomkraftwerkanbieter wie ABB, Westinghouse, General Electric oder Beraterspezialisten ihrer eigenen Geschäftsstelle in Stockholm einzuholen. SKI, die schwedische Atomaufsichtsbehörde für alle Atomkraftwerke in Schweden, wurde weder über dieses Projekt informiert noch erhielt sie die Gelegenheit, zu überprüfen, ob das modernisierte UPS Sicherheitskriterien erfüllte. Tatsache ist leider, dass SKI keinerlei Information erhielt!

Im Rahmen dieses kleinen aber essentiellen Modernisierungsprojektes des UPS in Forsmark 1 und 2 installierte Forsmark eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, die aber, jedes der insgesamt vier Batteriesysteme für sich betrachtet, in bestimmten Situationen die gleiche Störanfälligkeit besaß. Eine klassische „Common Cause Failure“ - Situation.

Zudem machte Forsmark den Fehler, das UPS System so zu verbinden, dass bei Ausfall eines der vier Batteriesysteme auch einer der vier für die Notstromversorgung zuständigen Dieselgeneratoren ausfallen würde. Das bedeutet im Klartext: In Forsmark hätten alle Sicherheitssysteme für die Notstromversorgung zur selben Zeit versagen können. In dieser Situation kann nichts den Ausfall des Kühlsystems verhindern, wenn das Atomkraftwerk gleichzeitig von dem externen Hochspannungsnetz abgetrennt wird. Meiner Meinung nach hätte dies zur Freisetzung radioaktiver Substanzen führen können, mit noch schwerwiegenderen Folgen als nach der Tschernobyl-Katastrophe.

Dieses Mal hatten wir Glück - nichts ist passiert. Wo also liegt das Problem? Zwei der vier Teile eines jeden Sicherheitssystems versagten nicht.

Es gibt keine Probleme, versichert die Atomindustrie jedem, der zuhört. Wir werden einfach eine bessere technische Lösung finden, und dann werden wir wieder, wie immer, das sicherste Atomkraftwerk der Welt haben! Aber vergessen Sie nicht, dass auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die USA etc. Weltmeister in Sachen Atomsicherheit sind. Ich persönlich weiß nicht, mit welcher Begründung die Schweden immer wieder erklären, sie seien immer die Besten der Welt und das, obwohl vier schwedische Atomkraftwerke derzeit nicht in Betrieb sind, auf Grund schwerwiegender Sicherheitsdefizite.

Was vor einigen Wochen in Forsmark passiert ist, war eine natürliche Folge des heutigen Zustands der Atomkraftindustrie in Schweden, aber wahrscheinlich auch anderer Länder. Unsere Atomkraftwerke sind alt und verfügen nicht mehr über die beste Technik. Das bedeutet, dass auch das Sicherheitsniveau nicht ausreichend ist. Außerdem mangelt es uns an angemessener Kompetenz und Mitteln, um diese alten Kraftwerke auf einem akzeptablen Sicherheitslevel zu halten, bis ihre technische Lebensdauer ausgeschöpft ist.

Vor vielen Jahren, als die schwedischen Atomkraftwerke entwickelt, konstruiert und gebaut wurden, glaubten wir sehr stark an die Zukunft dieser Technologie. Es war leicht, qualifiziertes Personal einzustellen. Bei „Vattenfall“, zu jener Zeit Teil der staatlichen schwedischen Energiebehörde, wurden alle technischen Probleme ohne Ausnahme sorgfältig untersucht. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Auftraggeber der staatlichen schwedischen Energiebehörde - sehr große, aber auch kleine Gesellschaften - verfügten über hochqualifizierte technische Angestellte im Atombereich. Dies war damals wichtig, wenn eine Gesellschaft im so genannten Zukunftsgeschäft konkurrenzfähig sein wollte.

Die SKI, die schwedische Atomaufsichtsbehörde, und die SSI, die schwedische Strahlenschutzbehörde, vertrauten der Sicherheitsanalyse, die von den Besitzern der Atomkraftwerke wie Vattenfall durchgeführt wurden, und sie vertrauten den Atomkraftwerklieferanten wie Siemens, Westinghouse, GE, Framatom und ABB.

Für den Betrieb und den Unterhalt der Atomkraftwerke wurde dann aber Personal eingestellt ohne umfangreiches technisches Wissen darüber, wie die Kraftwerke aufgebaut sind. Ausreichende Expertenkompetenz war ja unter den vielen zentralen Spezialabteilungen der Atomindustrie immer zu finden, um jedes auftretende Problem lösen zu können.

Heute befinden wir uns in einer komplett anderen Situation!!

Die Atomkraftwerksbetreiber haben einen Großteil der Abteilungen mit Spezialisten einfach aufgelöst. Die Atomforschungsinstitute wie Studsvik haben alle Atomentwicklungsprojekte abgeschlossen, und ABB, der wichtigste Atomkraftwerksanbieter in Schweden, bekam seinen letzten Auftrag zum Bau eines Atomkraftwerkes im Jahr 1976. Tausende qualifizierte Ingenieure in Hunderten von Gesellschaften haben ihre Arbeit in der Atomindustrie aufgegeben, ohne aber ersetzt worden zu sein.

Manche sagen vielleicht, es ist okay wie es ist. Die Atomkraftwerke in Schweden sind ausgebaut und müssen nur ein wenig modernisiert werden um überleben zu können, bis sie stillgelegt werden.

Aber wo werden wir dann die Mittel und Fachkompetenz für Investitionen in einer Größenordnung von zwei bis vier Milliarden Dollar für die erforderliche Modernisierung und Leistungssteigerung der schwedischen Atomkraftwerke hernehmen? Die Antwort lautet, dass wir heute weder die Kompetenz noch die Mittel dafür haben.

Die Atomindustrie verschließt die Augen und erhält den Anschein aufrecht, die gewaltigen Sanierungen, Modernisierungen, die Leistungssteigerung und die Laufzeitverlängerungsprojekte, die bereits in vollem Gange sind, würden immer noch unter denselben strikten Bedingungen ausgeführt wie früher.

Die SKI, die schwedische Atomsicherheitsbehörde, ist sich des Problems bewusst, aber anstatt die Atomindustrie zu zwingen, Konsequenzen daraus zu ziehen, pflegen sie lieber den Mythos „Schweden als Weltmeister atomarer Sicherheit.“ Leider deckt sich dies nicht mit der Realität und nach dem Forsmark - Zwischenfall ist dies für jedermann offensichtlich.

Es stimmt, dass die SKI letztes Jahr strengere Sicherheitsvorkehrungen für schwedische Atomkraftwerke vorschrieb, von SKI selbst als „die stärksten Sicherheitsbestimmungen der Welt bezeichnet.“ Aber weil SKI in dem Moment, in dem die Bestimmungen Rechtskraft erlangten, umfangreiche Ausnahmen zuließ, wurde die Nominierung der schwedischen Sicherheitsregeln vom „First Class Worldwide“ zu billiger Propaganda oder schlichtem Unsinn.

Weder in der Auto-, Flugzeug-, Computer- noch in der Atomindustrie werden komplizierte technische Systeme durch Reparieren, Modernisieren oder Aufrüsten alter Modelle zur Weltklasse. Man versucht auch nicht, Airbags, ABS-Bremsen, Allradantrieb oder neue Radaufhängungen in einen Volkswagen Käfer aus den sechziger Jahren einzubauen, oder den technischen Status dieses Autos auf das Niveau von modernen Autos aus dem Jahr 2006 zu bringen.

Und nur, weil ein altes Auto die jährliche Kontrolle beim TÜV besteht, bedeutet dies nicht, dass es das beste, modernste und sicherste Auto der Welt ist. Aber dieser Logik folgt die Atomindustrie und sie wird von den Behörden geteilt. Sie argumentieren somit für eine Laufzeitverlängerung, ohne die hierfür nötigen Investitionen zu tätigen.

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Der freie Strommarkt in Europa und Schweden, wo nur maximaler Profit zählt, ist meiner Meinung nach eine ernste Bedrohung der atomaren Sicherheit. Die Atomindustrie behauptet natürlich das Gegenteil, aber Ehrlichkeit und Moral sind nicht mehr Leitbild für Leute, die in der Atomindustrie arbeiten. Um Leistungssteigerung, Laufzeitverlängerung und Modernisierung der Kraftwerke zu erreichen, ohne jedoch Produktionskapazität und Profit zu verlieren, werden umfangreiche Arbeiten ausgeführt, während die Atomkraftwerke in vollem Leistungsbetrieb sind. Manchmal sind deswegen sogar Sicherheitssysteme ausgeschaltet, obwohl sie für Standbyfunktionen gebraucht werden.

Die Atomkraftwerke in Schweden sind und werden in der Zukunft sogar noch mehr von vorläufigen technischen Lösungen abhängig sein, was Systeme, die für atomare Sicherheit wichtig sind, betrifft . Grundlegend für die Sicherheit eines Atomkraftwerks ist, dass alle Sicherheitssysteme immer in Bereitschaft stehen, um bei Bedarf eingesetzt werden zu können. Wenn diese Sicherheitssysteme jedoch vorsätzlich abgeschaltet werden, um Projekte wie z. B. eine Laufzeitverlängerung wirtschaftlicher durchführen zu können, ist die Sicherheit aber nicht mehr gewährleistet.

Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Sicherheitsanalysen, die die Atomindustrie den Behörden als Bedingung für die Lizenz zum Betreiben eines Atomkraftwerks unterbreitet hat, und die beweisen sollen, wie selten ein Störfall zu einem Supergau führen kann, sind dann auch nicht mehr zuverlässig.

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Tatsache ist, dass Schwedens Atomindustrie in ihrem heutigen Zustand die gerechtfertigten Forderungen, den Sicherheitsfragen nachzukommen, nicht erfüllen kann. Gleichzeitig haben wir alte Atomkraftwerke, die modernisiert werden sollen, damit sie die nächsten 20 bis 30 Jahre laufen können.

Ich finde, dass der Forsmark - Zwischenfall als ein ernstzunehmendes Warnsignal gesehen werden muss, ansonsten werden wir weitere Fälle dieser Art in Zukunft erleben und vielleicht nicht noch einmal so viel Glück haben. Der Forsmark - Vorfall ist die logische Konsequenz eines degenerierten nuklearen Marktes.

Um die Kompetenz und Mittel, die wir für angemessen sichere, neue und alte Atomkraftwerke benötigen, wiederzuerlangen, müssten wir anfangen, neue Atomkraftwerke in großem Umfang zu bauen. Da aber die negativen Seiten dieser Wiederbelebung nuklearer Energie offensichtlich sind - sogar für die meisten Atomkraftbefürworter - wird dies nicht geschehen. Was ist also zu tun?

Ich denke, eine Lösung könnte sein, sich auf die wenigen Ressourcen* zu konzentrieren, die uns noch bleiben. Die Behörden und die Atomkraftwerksbetreiber müssen sie gemeinsam nutzen. Diese Lösung wird uns nicht die sichersten Atomkraftwerke der Welt bescheren, aber es wird uns helfen, die Zeit zu überbrücken, bis alle Atomkraftwerke stillgelegt sind.

Um die existierenden Atomkraftwerke auf einem akzeptablen Sicherheitslevel zu halten, müssen wir auch die Finger von Laufzeitverlängerungs- und Leistungssteigerungsprojekten lassen. Jedes Mal, wenn solche Projekte in die Wege geleitet werden, nehmen wir ein weiteres oder sogar höheres Risiko als in der Vergangenheit in Kauf.

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