IPPNW-Pressemitteilung vom 06. Oktober 2021

IPPNW fordert Paradigmenwechsel zu ziviler Sicherheits- und Friedenspolitik

20 Jahre Afghanistankrieg – Aufarbeitung des Afghanistaneinsatzes: Bilanzdebatte

Die NATO-Militärintervention in Afghanistan hat zur Erosion völker- und menschenrechtlicher Normen beigetragen, mehrere hunderttausend afghanische Zivilist*innen das Leben gekostet und hinterlässt eine humanitäre Katastrophe von gigantischem Ausmaß. Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW fordert die neue Bundesregierung anlässlich der morgigen Bilanzdebatte zu einem generellen Umdenken auf - von einer militärischen Sicherheitspolitik zu einer zivilen Friedenspolitik. Zudem müsse es einen Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sowie eine unabhängige Kommission zur Zukunft deutscher Friedensmissionen geben.

„Militärische Strategien wirken gegen Terrorismus eher konfliktverschärfend. Notwendig sind dagegen zivile Konfliktbearbeitung in Form von diplomatisch-politischen, polizeilich-juristischen, entwicklungspolitischen sowie integrations- und kulturpolitischen Herangehensweisen und Methoden“, erklärt die IPPNW-Vorsitzende Dr. Angelika Claußen.

Das „Costs of War“-Projekt an der Boston University schätzt die Zahl der Todesopfer in Afghanistan und Pakistan auf mindestens 243.000 Menschen – weit überwiegend unter der Bevölkerung. Die Zahl der indirekten Opfer liegt nach ihrer Einschätzung um ein Vielfaches höher. Die Autoren der IPPNW-„Body Count“-Metastudie gehen von über 800.000 Toten in Afghanistan aus. Zudem haben knapp 60 Bundeswehrsoldat*innen im Afghanistankrieg ihr Leben verloren.

Auslandseinsätze der Bundeswehr bringen für die Soldat*innen zudem schwere körperliche und seelische Belastungen mit sich. Die Zahl der traumatisierten Soldat*innen der Bundeswehr, die einsatzbedingt in psychiatrische Behandlung müssen, steigt kontinuierlich. Das geht aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Demnach wurden im Jahr 2013 noch 602 traumatisierte Soldatinnen und Soldaten psychiatrisch behandelt – 2019 waren es bereits 1.006 und 2020 schon 1.116 Einsatzkräfte.

„Generäle beschönigen oder verschweigen eigene Probleme… Das Militär droht sich zu verselbständigen und von den politischen und völkerrechtlichen Vorgaben zu lösen,“ kritisierte Oberstleutnant Jürgen Heiducoff, ehemaliger militärpolitischer Berater an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan, bereits 2007 in einem Brief an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Es gebe keine Entschuldigung für das durch westliche Militärs erzeugte Leid unter den unbeteiligten und unschuldigen Menschen.  Auf diesen in die Medien gelangten „Brandbrief aus Kabul“ folgten dienstrechtliche Auseinandersetzungen, die 2008 zur vorzeitigen Ablösung Heiducoffs führten.

Die Friedensbewegung lädt am 31. Oktober 2021 zu einer Konferenz „20 Jahre NATO-Krieg in Afghanistan – eine vorläufige Bilanz“ in Frankfurt ein. Weitere Information: https://www.kultur-des-friedens.de/afghanistankonferenz.html


Kontakt:
 Lara-Marie Krauße (IPPNW), Tel. 030 / 69 80 74 15, Email: krausse@ippnw.de

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