IPPNW-Pressemitteilung vom 15.01.2021

Das Deutsche Rote Kreuz muss sich endlich aktiv der Last seiner Geschichte stellen und diese annehmen

Fachtagung zur DRK-Geschichte 1914 – 1945

15.01.2021 Die Ärzt*innenorganisation IPPNW appelliert im Vorfeld des 100-jährigen Bestehens an das Deutsche Rote Kreuz. Es muss sich endlich glaubwürdig und nachhaltig seiner belasteten Vergangenheit stellen und diese annehmen. Das Deutsche Rote Kreuz hat seine aktive Verstrickung ins nationalsozialistische Unrechtsregime jahrzehntelang nicht nur aktiv negiert, sondern sich im Gegenteil als humanitäre Organisation in inhumanen Zeiten stilisiert. Zwar gibt es zaghafte Schritte innerhalb des Deutschen Roten Kreuzes, diese Jahre historisch und ethisch genauer zu beleuchten, doch sie greifen zu kurz. Die IPPNW fordert daher, dass das Deutsche Rote Kreuz auf allen Ebenen eine glaubwürdige Erinnerungskultur lebt, die über das Gedenken von Henry Dunant hinausgeht.

An der Spitze des nach dem Führerprinzip strukturierten Deutschen Roten Kreuzes standen ab Dezember 1933 als Präsident Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha und neben ihm ab Juni 1937 als geschäftsführender Präsident Dr. med. Ernst Grawitz. Beide waren überzeugte und hochrangige Nationalsozialisten, Grawitz auch in Personalunion Reichsarzt der SS und damit in die verbrecherischen Menschenversuche in den Konzentrationslagern involviert. Neben Grawitz saßen zwei weitere hochrangige SS-Männer, Oswald Pohl und Prof. Gebhardt, im Präsidium. Letztere wurden in den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Grawitz entzog sich durch Suizid seiner Anklage.

Neben diesen vier Personen arbeiteten ab 1937 viele SS-Angehörige auf allen Ebenen des DRK. Auch waren 1940 nachweislich 80 % der Generalführer im Präsidium NSDAP-Mitglieder. Bei den oberen Führungsrängen waren zur selben Zeit auf Reichsebene 86 % in der NSDAP (1.916 von 2.234). Die Landesstelle XIII Nürnberg wies 1939 in ihren führenden Köpfen beispielsweise einen Organisationsgrad von 93 % auf. 1940 waren zudem von den 69 Oberinnen 49 (71 %) in der NSDAP.

Alle vorausgegangenen Entwicklungen kulminieren im DRK-Gesetz vom 24. Dezember 1937. Seitdem war das DRK nahezu ausschließlich fokussiert auf die Ausbildung und Bereitstellung von Sanitätspersonal für die Wehrmacht im Krieg und für den heimatlichen Luftkrieg. Ein riesiges Potential, darunter besonders viele Frauen, welches NSDAP und Wehrmacht im Krieg zur Verfügung gestellt wurde. Ungefähr 600.000 DRK-Mitglieder nahmen von 1939 bis 1945 aktiv am Sanitätsdienst an und hinter der Front teil, viele weitere als gewöhnliche Soldaten oder versuchten im Luftkrieg daheim die schrecklichen Verletztenzahlen und Todesopfer zu betreuen. Wie die Wehrmacht so scheiterte auch das DRK an dieser nicht zu bewältigendem Zahl von Opfern.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das DRK mit seinen circa 1,6 Millionen Mitgliedern im III. Reich vom Charakter her und de facto eine nationalsozialistische, von der SS infiltrierte Sanitätsorganisation mit nationalstaatlicher Anerkennung und internationalen Verflechtungen war. Spätestens ab 1937 war es fest in den NS-Staat und die systematischen Kriegsvorbereitungen integriert. Die Siegermächte zogen 1945 daraus die Konsequenz: Sie verboten vorübergehend das DRK.

Eine Stellungnahme von Dr. med. Horst Seithe, Facharzt für Kinder-und Jugendmedizin, Historiker, Mitglied der IPPNW Regionalgruppe Nürnberg-Erlangen-Fürth, finden Sie hier

Eine Stellungnahme von Prof. Dr. Hubertus Büschel, Neuere und Neueste Geschichte der Universität Kassel, zum Thema finden Sie hier

Morgen, am 16. Januar 2021, laden die IPPNW und das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich Alexander Universität Erlangen zu der Zoom-Tagung „Das Deutsche Rote Kreuz im Spannungsfeld zwischen humanitärem Anspruch und Realität 1914–1945“ ein. Weitere Informationen unter www.medizinundgewissen.de

Kontakt: Lara-Marie Krauße, Presse- und Öffentlichkeitreferentin der IPPNW, Tel. 030 / 69 80 74 15, Email: krausse@ippnw.de

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