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Pressemitteilung vom 27.5.2016

Tausende Ärzte fordern von ihren Versorgungswerken Abzug von Investitionen aus Kohle, Öl und Gas

Klimawandel ist die größte Bedrohung für globale Gesundheit

Endegelände: Demonstration gegen Kohleabbau in der Lausitz am 13. Mai 2016.Foto: 350.org / Paul Lovis Wagner / https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Gemeinsame Pressemitteilung der Initiatoren und unterstützenden Medizinerorganisationen

Knapp 2.500 Mediziner und
sechs Ärzteorganisationen haben einen Aufruf an ihre Rentenversicherungen (Versorgungswerke) unterzeichnet. Darin fordern sie, alle Beteiligungen an Kohle-, Öl- und Gasunternehmen abzuziehen und so ein Zeichen für Klimaschutz und Gesundheit zu setzen.

Ärztinnen und Ärzte machen gemeinsam mit sechs Medizinerorganisationen Druck auf ihre Versorgungswerke. In einem Appell (https://weact.campact.de/efforts/aerzte-appell), der von knapp 2.500 Ärzten unterzeichnet wurde, fordern sie, die direkten und indirekten Beteiligungen an den 200 größten börsennotierten fossilen Brennstoffunternehmen offenzulegen, sie abzuziehen und die Beiträge der Mitglieder nach sozialen, ethischen und ökologischen Kriterien anzulegen. "Unsere Versorgungswerke verfügen mit über 90 Milliarden Euro über ein beträchtliches Anlagevermögen. Ein Abzug der Investitionen aus fossilen Unternehmen wäre daher ein deutliches Signal an Politik, Investoren und Wirtschaft für eine konsequente Transformation des Energiesektors zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft und Gesellschaft", sagt Dr. Zacher von Germanwatch. "Dies wäre von erheblichem Nutzen für die Gesundheit der Menschen und unseres Planeten."

In dem Appell heißt es: "ÄrztInnen und ärztliche Organisationen dürfen aus ihrer besonderen Verantwortung für die Gesundheit nicht gleichgültig gegenüber den Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels und der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe sein, die (...) die Gesundheit sehr vieler Menschen wie auch das menschliche (Über-)Leben insgesamt bedrohen."  Als erste hatte die Berliner Ärzteversorgung bereits im Dezember 2015 beschlossen, CO2-intensive Anlagen zu beenden.

Der Appell folgt gleichartigen Aufrufen vieler internationaler und nationaler Ärzteorganisationen, darunter die nationalen Ärzteverbände Großbritanniens (BMA), Kanadas (CMA) und der größte Ärzteverband Australiens (RACP). Auch führende  medizinische Fachjournale wie The Lancet und das British Medical Journal (BMJ), angesehene wissenschaftliche Institute und zahlreiche Medizin-Wissenschaftler haben zum Deinvestment aus fossilen Brennstoffen aufgerufen und fordern, die frei werdenden Mittel klima- und umweltfreundlich zu reinvestieren. "Obwohl etwa 80 Prozent der bisher bekannten Energiereserven im Boden bleiben müssen, wenn die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden soll, hält die fossile Brennstoffindustrie weiter an ihrem Geschäftsmodell fest und versucht, noch weitere Reserven zu erschließen", erklärt Dr. Ludwig Brügmann von MEZIS und der IPPNW.

"Investitionen in die fossile Brennstoffindustrie bergen zudem ein erhebliches finanzielles Risiko, wenn fossile Reserven aus Klimaschutzgründen nicht mehr gefördert werden dürfen und die Investitionen abgeschrieben werden müssen. Hier haben unsere Versorgungswerke eine treuhänderische Verantwortung gegenüber uns Mitgliedern, unsere Beiträge für unsere Renten sicher anzulegen."

Aber der Appell hat auch eine grundsätzliche Funktion. "In der deutschen Ärzteschaft ist das Thema Klimawandel und Gesundheit – im Gegensatz zu anderen Ländern – bisher allenfalls ein Nischenthema. Insofern erhoffen wir uns von unserem Appell auch einen Weckruf an die deutsche Ärzteschaft und den Gesundheitssektor, sich endlich mit 'der größten Bedrohung der globalen Gesundheit in diesem Jahrhundert' zu befassen", so Dr. Dieter Lehmkuhl (IPPNW und DGSP).

Der Bundesärztekammer (BÄK) liegt seit einem Jahr ein Deinvestment-Antrag des Deutschen Ärztetages an die ärztlichen Versorgungswerke vor, über den sie bislang noch nicht entschieden hat. Nach dem Klimagipfel von Paris erwarten wir nun eine klare Unterstützung.

Unterstützende Medizinerorganisationen:
DGSP – Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (www.dgsp.de)
Foring – Forum für internationale Gesundheit (http://www.foring.org)
GandHI – Globalisation and Health Initative (www.gandhiaachen.wordpress.com)
IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (www.ippnw.de)
MEZIS – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte e.V. (www.mezis.de)


Kontakt:

Dr. med. Ludwig Brügmann, IPPNW, MEZIS; ludwig.bruegmann@gmx.de 030/40605490
Dr. med. Dieter Lehmkuhl, IPPNW, MEZIS; dieterlehmkuhl@gmx.net 030/4042365
Dr. med. Winfried Zacher, MEZIS, Germanwatch; Winfried.Zacher@t-online.de 015778280885


Hintergrundinformation:
Der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen, Luftverschmutzung und Klimawandel ist eindeutig und die Auswirkungen sind inakzeptabel groß. Eine radikale Transformation der Energieerzeugung und des Energieverbrauches ist daher erforderlich. Der Abzug von Geld aus dem fossilen Energiesektor und das Reinvestieren in erneuerbare Energie ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Es ist an der Zeit, dass der Gesundheitssektor hier vorangeht. (vgl. Report: Unhealthy Investments, 2015)

Laut Margaret Chan, der Generaldirektorin der WHO, ist Luftverschmutzung eines der größten Gesundheitsrisiken weltweit, vergleichbar mit dem Rauchen. Weltweit ist sie für fast 15% aller Todesfälle verantwortlich und in einigen Ländern und der größte "Killer".

Etwa 80% der bisher bekannten Energiereserven müssen im Boden bleiben, wenn die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzt werden soll, wozu sich die Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Dennoch halten die Unternehmen der fossilen Brennstoffgewinnung weiter an ihrem Geschäftsmodell fest und versuchen, noch weitere fossile Energiereserven zu erschließen. Zu den ethischen Bedenken kommen mittlerweile auch ökonomische: Investitionen in die fossile Brennstoffindustrie bergen ein erhebliches finanzielles Risiko, wenn diese Investitionen aus Klimaschutzgründen abgeschrieben werden müssen. Vor diesem Risiko warnen inzwischen viele großen Finanzinstitute.

Die Berichte der internationalen "Lancet Commission On Climate Change and Health" bezeichnen den Klimawandel als "die größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert" (2009) und zugleich als die "größte Chance für die Gesundheit" (2015), wenn aktive Klimaschutzmaßnahmen rechtzeitig und konsequent umgesetzt würden. Die Lancet Commission fordert u.a. eine schnelle Dekarbonisierung  und den schnellstmöglichen Ausstieg aus fossilen Energieträgern, insbesondere aus der Kohle.

Die Lancet Commission (2015) kommt zudem zu folgenden Aussagen: Der Klimawandel gefährdet den Fortschritt in der globalen Gesundheit der letzen 50 Jahre. Seine Folgen sind schon heute spürbar, unzumutbar hoch und potentiell katastrophal. Die Dekarbonisierung der globalen Ökonomie und die Sicherung der damit einhergehenden Vorteile für die öffentliche Gesundheit sind nicht mehr primär eine technische oder ökonomische Frage, sondern inzwischen vor allem eine Frage des politischen Willens. Dem Gesundheitssektor kommt bei der Bewältigung des Klimawandels eine wichtige Rolle zu: So wie er in der Vergangenheit eine Vorreiterrolle gegen das Rauchen einnahm, so muss er sich jetzt im im Kampf gegen den Klimawandel einbringen.

Die direkten und indirekten Subventionen der fossilen Energien sind laut einer Studie des IWF (2015) mit 5,3 Billionen Dollar (6,5% des Welt-BIP) höher als die weltweiten Ausgaben für den Gesundheitssektor (rund 6% laut WHO). (Die IWF-Studie legt dabei einen erweiterten Subventionsbegriff zugrunde, der die negativen Auswirkungen der fossilen Energieproduktion – sogenannte externalisierte Effekte, vor allem bezogen auf Gesundheit, Umwelt und den Verkehrsbereich (u.a. Staus, Verkehrsunfälle) – mit einbezieht). Das heißt, wir subventionieren in gigantischem Umfang ein System, das ganz wesentlich zum Klimawandel beiträgt und damit die menschlichen, ökologischen und ökonomischen Folgekosten weiter in die Höhe treibt.

Daher rufen wir die Bundesärztekammer und die ärztlichen Versorgungswerke auf: Folgen Sie dem Beispiel der angelsächsischen Schwesterverbände und setzen Sie als Repräsentanten der offiziellen deutschen Ärzteschaft wie der Versorgungswerke ein deutliches Signal für Klimaschutz, Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit. Angesichts der Vorbildfunktion, die Ärzte vielfach in der Öffentlichkeit genießen, würde dies sicher zur Nachahmung anregen.

Foto:  Endegelände: Demonstration gegen Kohleabbau in der Lausitz am 13. Mai 2016.Foto: 350.org / Paul Lovis Wagner / https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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