Clara-Immerwahr-Auszeichnung

Rede von Osman Murat Ülke

Bei der Feierstunde in Izmir am 10. März 2007

Guten Abend,

Ja, ich wurde von der IPPNW mit dieser Auszeichnung gewürdigt, und das ist für mich eine große Ehre. Dabei wollte ich nur mir selbst treu bleiben, was in meinem Selbstverständnis den Aufbau einer gesellschaftlichen und politischen Bewegung mit einbezieht. Das wiederum habe ich selbstverständlich nie als einen Anlass für eine Ehrung angesehen. Doch im Laufe der Jahre habe ich genau dies in den verschiedensten Zusammenhängen, in Solidarität, immer wieder erlebt. Wenn auch jeder Mensch im solidarischen Handeln vorerst sich selbst Gutes tut, habe ich sehr viel Gutes und Nähe erfahren. Dafür bin ich vielen Freunden, nah und fern, zutiefst dankbar. Viele von Euch sind heute abend hier versammelt. Es ist im Alltag nicht immer einfach Dankbarkeit zu vermitteln, und ich will mich jetzt hier auch nicht einfach aus dem Schneider machen. Aber trotzdem nutze ich die Gelegenheit um Euch allen zudanken und zu sagen: Wie gut dass es Euch gibt!

Doch leider muss ich an dieser Stelle auch festhalten, dass ich den heutigen Tag nach einem jahrelangen Hergang noch nicht wirklich genießen kann. Ein Aspekt ist sicher meine ungelöste legale Lage, doch darüber hinaus schmerzt mich viel mehr, dass die Forderung nach Kriegsdienstverweigerung soweit noch nicht gesellschaftlich getragen wird, und die organisierte Bewegung sich nicht in einer klaren Kontinuität, wie ein Maurer einen Stein auf den anderen setzt, erhoben hat. Vielleicht sind alltägliche Sorgen heute nicht angebracht, aber das ist eben leider unsere Realität.

Ich betone immer einen bestimmten Aspekt der Kriegsdienstverweigerung. Natürlich geht es bei der Kriegsdienstverweigerung vor allem um die Integrität und den Willen des Individuums gegenüber dem Staat, aber eigentlich trägt sie darüber hinaus – gerade in der Türkei – eine noch viel umfassendere Bedeutung. Während der Staat seine unanfechtbare Staatsräson immer heftiger ausbaut und jede Kritik an dieser der Gesellschaft aufgezwungenen imaginären Wir-Konzeption kriminalisiert wird, ist Kriegsdienstverweigerung gleichzeitig ein Aufruf, aus diesem Paradigma auszutreten, die uns umgebende Welt nicht mit den Augen des Staates zu beurteilen. Daher stellt Kriegsdienstverweigerung viele unumstoßbar scheinende Muster gleichzeitig in Frage: z.B. Männlichkeit als eine Genderrolle, durch historische Mythen erzeugte Diskriminierung, die Unfähigkeit Geschichte aufzuarbeiten und viele ähnliche, in kritischer Weise festgefahrene Themen.

Auch wenn wir als Gesellschaft immer wieder mit neuen Verlusten konfrontiert sind und uns oft nur mit Schwermut durchschlagen, bleibt doch die Hoffnung auf weniger Einsamkeitsempfinden und Müdigkeit unter jenen, die sich nicht in der isolationistischen und selbstgefälligen Front positionieren, sondern sich in einer universellen Perspektive verwirklichen, gestützt auf Verantwortung für und Sorge um die ganze Menschheit.

Osman Murat Ülke, Izmir, 10. März 2007

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