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Rede von Matthias Jochheim

Konzentrische Weltkrisen

Ostermarsch in Frankfurt am 9. April 2012

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

ich war kürzlich in Nicaragua, habe die Frankfurter Partnerstadt Granada besucht und in der Hauptstadt Managua unseren Kollegen Dr. Antonio Jarquin getroffen. Antonio ist Arzt und Soziologe, und Mitglied im internationalen Vorstand unserer Ärzteorganisation IPPNW. Er arbeitet in einem spannenden Forschungsprojekt lateinamerikanischer und europäischer Sozialwissenschaftler mit, das sie „Internationales Observatorium der globalen Krise“ genannt haben. Es geht um die Erforschung der wesentlichen Ursachen der heutigen Weltkrise, und aber auch um sehr konkrete Empfehlungen, welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden sollten. Progressive Regierungen in Lateinamerika sind sehr interessiert an den Ergebnissen dieser Arbeit, und in Europa besteht Austausch und Kontakt zum Beispiel mit dem prominenten Friedensforscher Johan Galtung und seiner Gruppe.

Wenn wir die heutige Weltlage verstehen wollen, müssen wir in der Tat das Zusammenwirken, die gegenseitige Verstärkung mehrerer gleichzeitig wirksamer globaler Probleme ins Auge fassen:

- eine internationale Finanzkrise nicht nur in der europäischen Union, sondern auch des dominierenden Zentrums der aktuellen Weltwirtschaft, den USA. Es ist nicht zufällig, dass diese ökonomische Krise geschichtliche Erinnerungen hervorruft an die Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts, die letztlich in den 2.Weltkrieg mündete.

- Eine zweite Krise hat ihre Schatten schon vorausgeworfen: eine Energiekrise, die mit der absehbaren Erschöpfung der nutzbaren Rohölvorräte zusammenhängt. Schon heute werden die Vorräte unter immer riskanteren Bedingungen angezapft, und gewaltige Umweltkatastrophen wie unlängst im Golf von Mexiko provoziert. Umweltverträgliche Energienutzung wie Solar- und Windenergie dagegen wird in ihrem Ausbau gebremst, wie aktuell durch die Kürzung der Förderung, die das Bundesfinanzministerium vorhat.

- Mit der Energieproduktion unmittelbar verknüpft ist eine weitere wahrhaft globale Krise, gegen dier ganz unzureichende Gegenmaßnahmen ergriffen werden: der durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursachte Klimawandel, der schon jetzt mit Sturm- und Flutkatastrophen ein noch viel schlimmeres globales Desaster ankündigt, welches uns in den nächsten Jahrzehnten droht.

- Mit der Energiekrise zunehmend verknüft ist eine weitere schlimme Not von jetzt bereits rund einer Milliarde Menschen, die nicht in ausreichender Menge mit den unbedingt notwendigen Nahrungsmitteln versorgt sind. Die globale Weltunordnung tötet jeden Tag unzählige Kinder durch Verhungern, während Automobile auf  Antriebsstoffe aus landwirtschaftlicher Produktion umgestellt werden.

Der große deutsche Schriftsteller Thomas Mann hat schon darauf hingewiesen: wenn die dringenden gesellschaftlichen Probleme nicht angegangen werden sollen, greifen unverantwortliche Regierungen zum Mittel des Krieges, um ihre Herrschaft gegenüber dem gesellschaftlichen Druck zu stabilisieren. Wir erleben es heute besonders in der Region des Nahen und Mittleren Ostens: statt notwendigen gesellschaftlichen Wandel in den arabischen Ländern respektvoll zu unterstützen, suchen imperiale Strategen nach Chancen, dort ihre Militärmacht zum Einsatz zu bringen. Die Ergebnisse solcher angeblicher „Menschenrechts-Interventionen“ sind desaströs, wie wir in Irak und Afghanistan, aber zuletzt auch in Libyen beobachten müssen.

Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir uns aktiv einmischen in das Weltgeschehen. „Denke lokalglobal, handle lokal“, dieses Motto gehört zu den bewährten Prinzipien unserer Friedensbewegung. Vernetztes Denken und Handeln, Kooperation über die nationalen Grenzen und über die unterschiedlichen Themenfelder hinweg ist ein weiteres wichtiges Prinzip.
-Unsere IPPNW engagiert sich zentral weiterhin für dier Verhütung eines Atomkriegs, und das muß für uns wesentlich heißen: für die Abschaffung aller Atomwaffen weltweit. Hier müssen wir damit anfangen, und endlich die verbliebenen US-Nuklearbomben auf deutschen Luftwaffenstützpunkten demontieren, statt wie geplant, sogar eine Modernisierung dieser Massenvernichtungsmittel zu planen!

-Wir treten ein für eine UN-Konvention, die Nuklearwaffen international ächten soll, entsprechend dem Verbot von Streuminen, welches bereits gültges internationales Recht darstellt - wenn auch nicht von allen Mächten respektiert.
- Wir setzen uns ein gegen alle Kriege, mit dem Ziel, die Charta der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 endliche Wirklichkeit werden zu lassen, nämlich den Krieg als eine Geißel der Menschheit zu überwinden - so wie es der Menschheit gelungen ist, Pest und Pocken als Massenkrankheiten zu eliminieren.
- „Aufstehen für die Menschlichkeit“ hat uns Horst-Eberhard Richter als Devise mit auf den Weg gegeben. Wir tun dies auch, indem wir uns für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten hier in Deutschland aktiv einsetzen, Menschen, die häufig in unser Land kommen, weil die Mächte des Nordens an der Zerstörung ihrer Lebensbedingungen mitgewirkt haben. Auch die Unterstützung der Migranten ist deshalb für uns ein Stück aktive, praktische Friedensarbeit.
- und wir klären auf über den Zwillingsbruder der Atombombe, die sogenannte friedliche Atomenergie, deren Unbeherrschbarkeit längst erwiesen ist. Wir haben erlebt, dass die massive Mobilisierung der Bürger in Deutschland, eine über Jahrzehnte aktive Bewegung die Bundesregierung schließlich zwingen konnte, den Ausstieg aus dieser desaströsen Form der Energieproduktion zu erklären. Wir werden wachsam bleiben, ob die Taten den Bekundungen entsprechen werden.

Liebe Freundinnen und Freunde,
unsere Arbeit erfordert einen langen Atem. Wenn unsere nicaraguanischen Freunde eine schwierige Wegstrecke vor sich haben, rufen sie mit Festigkeit:

Adelante! Das heißt: Vorwärts!

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