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Vortrag von Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein

Erinnerungen an Horst-Eberhard Richter aus gemeinsamer Friedensarbeit

Herbsttagung 2012 der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung

24.11.2012 Horst-Eberhard Richter zitierte in seinen Vorträgen und Publikationen mehrfach die Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und Albert Einstein über Krieg und Frieden. Freud erwartete 1932, dass der Intellekt im Kulturprozess erstarken werde und beginnen werde, das Triebleben und somit auch die Aggression zu beherrschen. Einstein bezweifelte diese Voraussage. Er schrieb an Freud:“ Nach meiner Lebenserfahrung ist es vielmehr gerade die sogen. Intelligenz, welche den verhängnisvollen Massensuggestionen am leichtesten unterliegt“(1).

Und Richter fährt fort. Er (Einstein) sollte Recht behalten.  Die Deutsche Intelligenz  kapitulierte vor Hitler und vor einer Brutalisierung der Gesinnung, die zu einem blutigen Angriffskrieg, zu einer Beinahe-Ausrottung der Juden und zum Mord an 100.000  psychisch Kranken und Behinderten führte. Das Ausmaß der moralischen Selbsterniedrigung war dem Tätervolk( später) so unfassbar, das es sich später darin nicht wieder erkennen wollte, so als wäre es nur einem Spuk erlegen und erwache danach in alter Normalität. Es war der Unwille, die Schuld auf sich zu nehmen, an ihr zu leiden und dabei anzuerkennen: wir haben mitgemacht, was man mit uns gemacht hat“.  Richter fährt fort:“ und für mich als jungen psychoanalytischen Kinder- und Familientherapeuten wurde dies mein Lebensthema: War es der neuen Generation möglich, den ihr hinterlassenen Kulturbruch innerlich zu überwinden, oder werde das barbarische Empfinden, wie es Einstein genannt hatte, in anderer Form wieder auftauchen?“(9).

Ich zitiere Richters Aussage über sein, wie er es nannte „Lebensthema“ ganz bewusst deshalb, weil es gespeist ist von seinen Erfahrungen im Nazi-Deutschland und dann im wieder, im wahrsten Sinn des Wortes,  aufgerüsteten Deutschland. Richter sah mit großer Sorge, dass die von Carl-Friedrich von Weizsäcker beschriebene „ Seelische Krankheit Friedlosigkeit“ sich wieder in neuen Kriegen manifestierte. Bis wenige Tage, ja Stunden vor seinem Tod auf der Giessener Intensivstation grübelte Richter über Analyse und Therapie dieser verhängnisvollen Krankheit.
Er war unglücklich darüber, dass er sich nun nicht mehr für inneren und äußeren Frieden einsetzen könne. Er war kein Politiker, sondern ein Arzt, der mit den Millionen Menschen in Krieg und Elend litt, und er zitierte oft den von ihm verehrten „Friedenspolitiker Willy Brandt“ und dessen Motivation für seine politische Arbeit, das Mitgefühl, die „Compassion“,  sowie Michail Gorbatschow, der das Elend seines russischen Volks aus dem  2. Weltkrieg kannte und sich für ein Ende des „kalten Krieges“ und eine Nuklearwaffen  freie Welt einsetzte.

Richter sagte dazu in seiner als Vermächtnis gedachten großen Rede am 11. März 2011: “Der kalte Krieg wurde nicht, wie oft verkündet, durch Totrüsten der Russen mit Waffen, sondern durch Verständigung unter den Menschen beendet, u.a. durch die Annäherungs- und Versöhnungspolitik Brandts und Gorbatschows“. Und Richter schließt seine Rede mit den Worten „Es gilt, das erlahmende humanistische Denken aus Gleichgültigkeit und Verdrängung zu befreien….Zur Erneuerung und Stärkung dieses Geistes beizutragen,  ist unverändert mein Anliegen“( 9a)

Wenn ich über „Erinnerungen an Horst-Eberhard Richter und die gemeinsame Friedensarbeit“  sprechen soll, dann muss ich ihn noch einmal wörtlich zitieren, jetzt aus seinem Buch „Ist eine andere Welt möglich?“(8). Er sagte:  „Ich gehöre zu denjenigen, denen das Überleben des Hitlerkriegs, den ich seit meinem 19.Lebensjahr als Soldat mitgemacht hatte, so etwas wie einen Auftrag bedeutete,  künftig die gewonnene demokratische Freiheit für die aktive Teilnahme an der Politik zu nutzen. Wenn Willy Brandt später die „Compassion“, also das Mitfühlen, als Motto seiner Politik bezeichnete, so war dies auch genau meine entscheidende Erfahrung …und so entstanden auch meine Engagements für Arme in sozialen Brennpunkten, für Gefangene und für die Reform der Psychiatrie. In der ärztlichen Friedensbewegung (IPPNW), die ich in Deutschland mitbegründete, war für mich das ANTI  der Raketenproteste immer nachgeordnet dem  PRO  des Brückenschlagen-Wollens“  und Richter erwähnt Gorbatschow, der auf dem „Moskauer Friedensforum“ 1987 sagte :“ Ich bin der festen Überzeugung, dass die wichtigste Aufgabe der Gegenwart nicht ausschließlich in die Hände der Politiker gelegt werden darf, denn das ist nicht nur deren Sache“. Richter, der als Arzt dem Friedensforum angehört hatte, sprach damals über „physicians role in the prevention of nuclear war“.

Schon in seiner Rede im September 1981 auf dem 1.großen „Internationalen  Medizinischen Kongress zur Verhinderung des Atomkriegs“ mit über 1.600  Teilnehmern, der von Hamburger und anderen Anti-Atom-Gruppierungen organisiert worden war, und der unter dem Thema stand „Ärzte warnen vor dem Atomkrieg- die Überlebenden werden die Toten beneiden“ (5) hatte Richter einen wichtigen Vortrag gehalten. Sein Thema war „Psychosoziale Medizin und Prävention von Militarisierungsbereitschaft“:

Gleich im ersten Satz erläuterte er seine Fragestellung und Aufgabe indem er sagte“ Noch immer ist es weithin üblich, absolute politische Abstinenz für ein nahezu selbstverständliches Gebot ärztlicher Ethik zu halten. Es heißt, nur wer sich von politischen Kontroversen fernhalte, könne der gesellschaftlichen Rolle eines Helfers für alle gerecht werden“ Richter hält dagegen: :“ Es genügt nicht, dass einzelne von uns in Enqueten, Gutachten, Forschungsberichten oder auch gelegentlichen populärmedizinischen Publikationen darüber aufklären, was eine immer noch sträflich nachlässige Umweltpolitik und vor allem die fatale atomare Rüstungspolitik an neuen gesundheitlichen Risiken produziert. Wir müssen laut werden, müssen uns einmischen. Das gesundheitliche Argument muss zu einem erstrangigen politischen Machtfaktor werden. Das bedeutet aber, dass wir uns exponieren und kämpfen müssen…“)

Im weiteren Verlauf der Rede geht Richter auf die Gefahren durch Atomwaffen und die  Androhung der gegenseitigen Vernichtung ein, zwischen den USA und der Sowjet Union, und bekennt sich zu Albert Einstein: „Die entfesselte Macht des Atoms hat alles verändert, nur nicht unsere Denkweise…wir brauchen eine wesentlich neue Denkungsart, wenn die Menschheit am Leben bleiben soll…“ Richter fährt fort:“ Es geht darum, dass wir Ärzte dafür sorgen (müssen), dass mit den Erkenntnissen über die Folgen der Atomexplosionen und Neutronenwaffen anders umgegangen wird, als dies bisher geschieht….“ Er forderte, dass entsprechende Dokumentationen und vor allem instruktive Filme präsentiert werden, damit das Ausmaß des Grauens sichtbar wird, das mit den neuen Waffen verbunden ist….“(S.91-101).

Heute können wir es kaum noch glauben, dass damals die Menschheit trotz Hiroshima und Nagasaki sehr wenig über die Wirkung von Atomwaffen wusste (4a).  Helmut Schmidt warf später Richter vor, Ängste zu schüren, doch das hat Richter niemals getan, sondern er erklärte stets, dass es nötig ist, die Gefahren zu kennen und die  eigene Schuld und  Mitverantwortung nicht zu verdrängen, sondern sich für Kriegsverhütung zu engagieren.

Was Elend im Krieg bedeutet, das hatte Richter erlebt. So schrieb er in seinem Buch „ Ist eine andere Welt möglich?“ (auf S. 78):“ Am schlimmsten habe ich den Krieg erlebt, als wir im Sommer 1942 über den Don übersetzen und einen Brückenkopf bei Woronesch errichteten. Die Russen erwarteten uns und überschütteten uns mit mörderischem Feuer….Wir hatten furchtbare Verluste. Ich dachte, es wäre das Ende.  Aber ich kam davon“. Auf dem Vormarsch nach Stalingrad erkrankte er später „an einer Diphtherie und anschließend an einer schweren Polyneuritis, die mit Hirnnervenlähmungen begann“… Richter kam ins Lazarett. “Dort erlebte ich am Radio den Untergang meiner Armee, die Hitler in wahrhaft egomanischem Starrsinn einem vermeintlich heroischen Schicksal auslieferte…Ich empfand große Dankbarkeit für meine Rettung. Aber es war auch eine dumpfe Scham dabei, als wäre das mir zuteil gewordene Los unverdient“ (8).  Richter durfte nach seiner Genesung bis 1944 Medizin studieren, dann musste er erneut an die Front, diesmal nach Italien. Kurz vor Ende des von ihm als verbrecherisch erkannten Krieges desertierte er und versteckte sich in den Stubaier Alpen, wo er durch Verrat in Haft genommen wurde und erst 1946 entlassen wurde. Er kehrte in seine fast total zerstörte Heimatstadt Berlin zurück und erfuhr erst hier, dass seine Eltern nach Kriegsende von betrunkenen russischen Soldaten erstochen worden waren. Ohne Familie und in tiefer Verzweiflung musste Richter sein Leben fortführen. Ein Segen war nach wenigen Monaten das Zusammentreffen mit Bergrun, mit der er bald die Ehe schloss und bis zuletzt in liebevoller Harmonie gelebt hatte.

Über all das hat uns Richter erzählt, wobei er immer wieder auch seinen Jammer erwähnte, wenn er  beim Vormarsch die zerstörten Bauernhäuser sah, die wahrscheinlich auch durch sein Artilleriegeschütz zerschossen waren, und die herumliegenden toten russischen Männer und Frauen, die er so oft freundlich erlebt hatte. Sie waren doch nicht seine Feinde!

So verstanden wir gut, wenn Richter immer wieder, besonders in seinen letzten Lebensjahren, auf seine persönlichen Erinnerungen zurückkam und die IPPNW und seine Zuhörer ermahnte,  sich aktiv für Frieden und Versöhnung einzusetzen. Auf dem IPPNW-Weltkongress in Köln 1986 hatte Richter die Festansprache mit dem Titel „ Der Arzt und das Umdenken zum Frieden“ gehalten(6).

Richter stimmte voll den Appellen des amerikanischen IPPNW-Begründers und Co-Präsidenten Prof.Bernard Lown zu, der auf dem  gleichen Kongress in seiner großen Rede  „The urgency of moral outrage“ (“die Dringlichkeit moralischer Empörung”) gesagt hatte:  „without exciting moral outrage among their intended victims, the dismantling of nuclear weapons will not succeed. Only unprecedented arousal of moral revulsion will provide the necessary spiritual energy”. („ ohne erregte moralische Empörung der anvisierten Opfer (eines Atomkriegs) wird die Abrüstung der Atomwaffen nicht gelingen. Nur eine bisher nie da gewesene Erregung und moralische Abscheu kann die notwendige geistige Energie erzeugen“) (7). 
 
Gorbatschow, der 1987 das internationale IPPNW-Direktorium in Moskau (nach dem 7.IPPNW Weltkongress) empfangen hatte und einige Monate später auch Richter ( beim Internationalen Moskauer Forum zum Thema „Für eine Welt ohne Kernwaffen, für das Überleben der Menschheit“), schrieb in seinem Buch „Perestroika“ auf Seite 87: „Die internationale Vereinigung Ärzte für die Verhinderung eines Atomkriegs hat innerhalb einer kurzen Zeitspanne immensen Einfluss auf die Meinung der Weltöffentlichkeit erlangt……nach dem Kongress in Moskau traf ich alle Führer der Bewegung. Man kann nicht ignorieren, was diese Leute sagen….Im Licht ihrer Argumente und der streng wissenschaftlichen Daten, über die sie verfügen, scheint kein Raum mehr für müßiges Politisieren. Und kein Politiker, der es ernst meint, hat das Recht, ihre Schlüsse zu missachten,  oder sich nicht um die Ideen zu kümmern….Im Kontakt mit ihnen erproben wir die Möglichkeiten der neuen Denkweise und den  Realitätsgehalt unserer Politik“(3). Wenige Wochen nach unserem Gespräch in Moskau 1987  verlängerte Gorbatschow den einseitigen Atomwaffen Teststopp der UdSSR.

Meine Damen und Herren, ich hatte meinen Vortrag mit der Erwähnung des 1. Internationalen Ärzte-Kongresses in Hamburg (5) im September 1981 begonnen. Dort sprachen Richter und ich  erstmalig über den bedrohten Frieden. (Zuvor kannte ich Richter nur von seinen Büchern „ Eltern, Kind und Neurose“ sowie „ Der Gottes Komplex“ und von gemeinsamer Beratung auf einem Symposion über Ursachen von Herzbeschwerden, wo Richter über Herzneurosen berichtete). Vier Monate später informierte ich Richter über ein internationales IPPNW-Symposion in Ascot/England, wohin ich von Prof. Lown, eingeladen worden war:  Im April 1982 werde ein IPPNW-.Weltkongress in Cambridge/England stattfinden, und ich schlug daher vor, in der BRD  eine deutsche Sektion der IPPNW  zu gründen und an dem Cambridge Kongress teilzunehmen(4)..  Richter stimmte  zu, und im Februar 1982 gründeten wir, nach mehreren vorausgegangenen Treffen und Versammlungen mit Kollegen/innen aus der deutschen Anti-Atom Bewegung, die deutsche IPPNW-Sektion. Richter und ich, zusammen mit zwei weiteren Kollegen, wurden  in den „Sprecherrat“ und später in den Vorstand gewählt. Somit begann unsere gemeinsame Arbeit vor 30 Jahren, Richter als Ordinarius für Psychosomatische Medizin, Psychoanalyse und Psychotherapie der Univ. Gießen, ich als Chefarzt der Medizinischen Klinik des Frankfurter Bürgerhospitals und Professor der Inneren Medizin an der Univ. Frankfurt. Es wurden arbeitsreiche Jahre enger Zusammenarbeit, in denen Richter, der sich als eher „Linker“ verstand, und ich als eher „Bürgerlicher“, einen raschen Anstieg der Mitgliedschaft erreichten.

Richter wurde der Initiator und Ideengeber für viele IPPNW- und Öffentliche Großveranstaltungen, mit denen wir die Bevölkerung und die Politik über die drohenden Gefahren aufklärten, denen  es zu widerstehen galt. Dazu gehörte insbesondere in den ersten Jahren die Aufklärung über die Wirkung von Atomwaffen auf Leben und Gesundheit der Menschen, sowie über die zunehmende Militarisierung der auch deutschen Politik im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses. Wir warnten vor den Vorbereitungen der deutschen Regierung auf einen möglichen Atomkrieg, mit Bunkerbau und Ausbildung  der Ärzteschaft, die sich in Triagekursen auf die „Behandlung“ massenhafter Kriegsopfer ausbilden sollte. Die Bundesregierung hatte ein „Gesundheitssicherstellungsgesetz“, mit dem Untertitel „ Gesetz zur Anpassung des Gesundheitswesens an besondere Anforderungen des Verteidigungsfalles“ erlassen.. Wir lehnten diese zwangsweise Ausbildung aus ärztlich ethischen Gründen ab und bezeichneten sie außerdem als Farce.  

Von der Politik, besonders aus der CDU,  wurden wir stark kritisiert und diffamiert als  „Aufweicher der deutschen Verteidigungsbereitschaft“ oder als  „Handlanger der Sowjet Union“, weil wir uns gegen die massive Atomwaffenrüstung der Großmächte, aber eben auch der NATO,  und gegen die Vorbereitungen. auf einen möglichen Atomkrieg engagierten.

Als 1985 die IPPNW  den Friedens Nobelpreis (2) in Oslo verliehen werden sollte, versuchten Bundeskanzler Kohl und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler zu intervenieren und forderten, die Entscheidung zurück zu nehmen. Oslo lehnte beleidigt ab. Der CDU- Staaatssekretär im Bundeskanzleramt Schreckenberger erklärte in einem FAZ-Interview( 27.12.1986):“Die IPPNW ist eine kommunistisch beeinflusste  Ärztevereinigung“. Dieser Vorwurf musste Wochen später auf Antrag der Abgeordneten Frau Hamm-Brücher in einer Anhörung im Deutschen Bundestag zurück genommen werden, aber von dieser peinlichen Rücknahme erfuhr die Bevölkerung nichts, weil die Medien schwiegen. Sogar im Deutschen Ärzteblatt ( Heft 40, 1.Oktober 1981, S. 1856) polemisierte der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Volrad Deneke, dass unsere ärztlichen Friedensbemühungen  „zu Lasten der Selbstverteidigungsbereitschaft in der NATO gehen, ganz offenkundig Propaganda zugunsten der vom sowjetischen Imperialismus militant gerüsteten sozialistischen Internationale betrieben“ würden. Schlagzeilen wie etwa „Ärzte warnen vor dem Atomtod“ hätten  „keine größere Dimension, als „Ärzte  warnen vor dem Verkehrstod oder dem Knollenblätterpilz“
Man unterschlug bei den Diffamierungen, dass wir uns nicht nur gegen die NATO-Atomwaffen, sondern gegen die sowjetische Atomwaffenrüstung gleichermaßen wehrten.

Was war das für eine Zeit, als Richter und  wir erkannten, dass es ärztliche Pflicht sei, sich auch in Deutschland West wie Ost  für die Prävention der furchtbarsten Epidemie, der Ausbreitung der Atomwaffen, zu Zwecken militärischer Politik einzusetzen?

Ich will nicht auf die internationale Lage zu Zeiten des Kalten Krieges eingehen, denn die ist allen Interessierten unter Ihnen  weitgehend bekannt. Was aber damals strikt geheim gehalten wurde und auch heute kaum noch jemand weiß, möchte ich Ihnen aus einem Vortrag von mir aus dem Jahr 1987 zitieren.  Richter und ich waren wegen der erfolgreichen IPPNW-  Aktionen, am 5.Mai 1987 in die  „Bundeswehr-Schule für Psychologische Verteidigung“ nach Waldbröl eingeladen worden.

Dort fand eine Tagung hoher Militärs und psychologisch geschulter Offiziere zur Förderung psychologischer Verteidigung statt. Am letzten Tag wollte man mit uns eine Diskussion über die Auffassungen der IPPNW durchführen. Die Tagung stand unter der Überschrift  „Sicherheitspolitik als gesellschaftliche Herausforderung“. Man wollte mit uns über die NATO-Strategie sowie über die von der Bundesregierung eingeleiteten Maßnahmen zum „Bevölkerungsschutz im Fall eines Atomkriegs“, sowie über die Pflicht zum Bunkerbau und über das “erweiterte Katastrophenschutz Ergänzungs-Gesetz für den Verteidigungsfall“ diskutieren. 
Richter und ich erklärten, dass Sicherheitspolitik Friedenspolitik sein müsse, in der keine sogen. Sicherheitsmaßnahmen tauglich seien, die das Risiko der Vernichtung von Millionen der eigenen Bevölkerung und anderer Länder in Kauf nehmen. 4.000 Atomwaffen in unserer kleinen BRD machten eine Friedenspolitik unmöglich. In diesem Bezug habe unsere Regierung nicht mehr das Vertrauen der etwa 10.000  IPPNW-Mitglieder.

Richter sprach  als Psychoanalytiker über die psychischen Auswirkungen der Atomwaffenbedrohung  und der sogen. Schutz-und Verteidigungsmaßnahmen auf die deutsche Bevölkerung.

Mir kam es zu, „harte“ Tatsachen auf dieser Lehrveranstaltung für die hohen Militärs aus der „politischen und militärischen Führung der Bundeswehr“, die für die „psychologische Verteidigung“ Verantwortung tragen, darzustellen, und die Militärs über unsere Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit zu informieren. Ich sprach darüber, dass die  4.000 Atomsprengköpfe in der Bundesrepublik eine Zerstörungskraft von 275 Megatonnen haben, d.h.von 20.000 Hiroshimabomben. Dass wir 250-300 Atomminen an der deutsch-deutschen Grenze mit jeweils einer Zerstörungskraft von 10-15 kt, also der Hiroshima Bombe entsprechend, haben. Dass wir  2.000 Atomgranaten für die Artillerie mit Reichweiten von 50 bis 130 km haben, die im Kriegsfall im eigenen Land oder bei unseren  Brüdern und Schwestern in der DDR  einschlagen würden. Dass wir 800-1000 Atombomben für 400  NATO-Flugzeuge und außerdem 108 Pershing- Raketen und Cruise missiles auf unserem Boden stationiert haben, und dass es bei einem auch versehentlich begonnenen Schusswechsel zu einer Totalzerstörung unserer Heimat beiderseits des Eisernen Vorhangs kommen werde.

Alle diese Atomwaffen  seien nicht nur zur politischen Abschreckung stationiert, wie man der Bevölkerung vormache,  sondern sie seien auch zum Kriegseinsatz bestimmt. Ich zitierte zum Beweis aus der deutschen Heeresdienstvorschrift 100/100 z.B.:“ Ist einem Truppenführer der Einsatz von Atomsprengkörpern gegen den Feind freigegeben, so ist das Vorbereiten und Führen des atomaren Feuerkampfes seine wichtigste Aufgabe. Die persönliche Verantwortung für den Einsatz von Atomsprengkörpern bindet ihn in starkem Maße an seinen Gefechtsstand“. Auch aus der US- amerikanischen Heeresdienstvorschrift, in der der Einsatz mit Atomwaffen auf dem Schlachtfeld detailliert beschrieben wurde, zitierte ich und erwähnte, dass so auch die deutschen Offiziere in Lehrgängen unterrichtet werden. Dem konnte keiner der hohen Offiziere widersprechen.
Ich zitierte auch aus der „Wehrmedizinischen Monatsschrift“, Heft 2, 1984, in der ein oberster  Wehrmachtsdekan für die Notwendigkeit lehrte :“…es kann auch im „nuclear general war“ nicht ausgeschlossen werden, dass es in gut ausgestatteten Atombunkern Überlebende gibt, die für fachspezifischen Rat dankbar sind, oder zumindest gegenseitiges menschliches Begleiten zum Sterben unter fachmännischer Hilfe erwarten und sich geben können“.

Meine Darlegungen verfehlten nicht ihre Wirkung. Die psychologisch geschulten Offiziere schwiegen betroffen, eine uns attackierende Diskussion blieb aus.

In dieser hier geschilderten Situation befanden wir Ärzte uns, als wir 1982 die IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs)  gründeten (4). Sie, meine Damen und Herren, als Psychoanalytiker und zumeist der „Gnade der späten Geburt“ zugehörig, werden jetzt hoffentlich verstehen und zustimmen, warum und dass  Horst-Eberhard Richter es als ärztliche Pflicht sah, in der  IPPNW und der deutschen Friedensbewegung aktiv zu werden,  nie als Politiker, sondern immer als Arzt. Er formulierte die berühmt gewordene, vielfach falsch verstandene und diffamierte  „Frankfurter Erklärung“ (2,4) die bald von etwa 3.000 deutschen Ärzten/innen unterschrieben wurde.

Darin heißt es:“ Ich halte alle Maßnahmen und Vorkehrungen für gefährlich, die auf das Verhalten im Kriegsfall vorbereiten sollen. Ich lehne deshalb als Arzt jede Schulung oder Fortbildung in Kriegsmedizin ab und werde mich daran nicht beteiligen. Das ändert nichts an meiner Verpflichtung und Bereitschaft, in allen Notfällen medizinischer Art meine Hilfe zur Verfügung zu stellen und auch weiterhin meine Kenntnisse in Notfallmedizin zu verbessern. Da ein  Krieg in Europa nach überwiegender Expertenmeinung unter Benutzung der modernen Vernichtungswaffen geführt werden würde, muss er absolut unmöglich gemacht werden. Jede Vorbereitungsmaßnahme indessen, die von seiner Möglichkeit ausgeht, fördert indirekt die Bereitschaft, sich auf etwas einzustellen, was um jeden Preis verhindert werden muss. Deshalb erkenne ich als Arzt nur eine einzige auf den Kriegsfall bezogene Form der Prävention an, nämlich die Verhütung des Krieges selbst mit allen Anstrengungen, zu denen ich mein Teil beizusteuern entschlossen bin“.

Mit Richters Unterstützung wurde auf dem 2. IPPNW-Weltkongress 1982 in Cambridge/ England mit gleicher Zielsetzung „The New Physicians Oath“ („Der neue Ärzte Eid“) verabschiedet und von uns Delegierten unterschrieben. Auf dem 3. Weltkongress 1983 in Amsterdam wurde dieser Eid von den etwa 1.000 Teilnehmern und Delegierten aus 43 Nationen als Ergänzung zum Hippokratischen Eid angenommen. Darin heißt es:“ Als Arzt des 20. Jahrhunderts erkenne ich, dass die Nuklearwaffen für meinen Beruf eine Herausforderung von nie da gewesener Größenordnung darstellen, und dass ein Nuklearkrieg die letzte Epidemie für die Menschheit bedeuten würde. Ich verpflichte mich daher, alles in meiner Macht stehende zu tun, um für die Verhütung eines Nuklearkrieges zu arbeiten“(4).

Richter war ein großer friedenspolitischer Denker und  Autor  und ein unermüdlicher Redner in Universitäten, Kirchen, Schulen und auf unzähligen Veranstaltungen groß und klein, um besonders die Jugend zum Friedensengagement zu ermutigen. sowie auf den  jährlich stattfindenden bundesdeutschen und nach der Wiedervereinigung gesamtdeutschen Veranstaltungen. Er erklärte aus seiner psychoanalytischen Kenntnis und Lebenserfahrung die tiefer liegenden Ursachen der bestehenden und der drohenden Krisen und Kriege. Er rief zum Widerstand gegen Krieg und Inhumanität auf und initiierte unsere großen IPPNW-Kongresse, wie „Kultur des Friedens“ und „Medizin und Gewissen“, an denen bekannte internationale Referenten und jeweils über 1.000 Ärzte und Ärztinnen teilnahmen.

Unvergessen sind die Großdemonstrationen der Friedensbewegung in Bonn und in Berlin, sowie beim  Marsch zum US-Atomraketen Standort in Ramstein. Vor Tausenden von Teilnehmern appellierte Richter an die deutsche Regierung und die NATO, vom Krieg abzusehen und endlich die Atomwaffen von deutschem Boden fort zu schaffen und diese Waffentechnologie zu ächten. Stets erinnerte er daran, dass es nicht genüge, gegen etwas zu sein, sondern Friedfertigkeit vorzubereiten und zu praktizieren, also nicht dem „Anti“, sondern dem „Pro“zu leben..

Am 17. September 2011, also drei Monate vor seinem Tod, anlässlich der 30-Jahr Feier der IPPNW in der Berliner Philharmonie hielt Richter eine große Rede, die seine Abschiedsrede wurde. Er gab ihr den Titel „Kampf der Ärzte für den Frieden, jetzt erst recht!“ (9b). Da sagte er bewegt und mit voller Zustimmung:“ Als der US-General Omar Bradley, vormals Chef aller Stabschefs der US-Armee, Heerführer bei der Invasion der Normandie, Zeuge der Zerstörung Hiroshimas, in Pension ging, sagte er in seiner Abschiedsrede: “Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge, in einer Welt, die Brillanz ohne Weisheit, die Macht ohne Gewissen erlangt hat. Wir haben die Geheimnisse des Atoms entschleiert und die Lehren der Bergpredigt vergessen. Wir wissen mehr über den Krieg als über den Frieden, mehr über das Sterben als über das Leben“, und Richter stelle die Frage an die Zuhörer-und spätere Leserschaft: “Wollen wir  angesichts der atomaren Riesen ethische Zwerge bleiben, wollen wir mit der psychischen Korruption fortfahren ? Geht es uns weiterhin um Macht ohne Gewissen ? Oder können wir doch noch die Werte wieder zum Leben erwecken, mit denen wir unsere Kultur begründet haben ?“( 9b)

In den letzten Lebensjahren war für Richter das Thema „Friedlosigkeit als seelische Krankheit“ bestimmend. In fast keiner Rede fehlte ein Hinweis auf den bedeutenden Atomphysiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker, der  anlässlich der 100 Jahrfeier der Bodelschwingh´schen Anstalten in Bethel über „Die Friedlosigkeit als seelische Krankheit“ gesprochen hatte: „Friedfertig ist, wer Frieden um sich entstehen lassen kann. Das ist eine Kraft, eine der größten Kräfte des Menschen. Ihr krankhaftes Aussetzen oder Verkümmern, fast stets bedingt durch mangelhaften Frieden mit sich selbst, ist die Friedlosigkeit. Friedlosigkeit ist eine seelische Krankheit“( 11).  Richter erklärte mehrfach in seinen Vorträgen. „Der gestiftete Unfrieden ist eine Projektion von Selbsthass. Es ist eine innere Unversöhntheit, die sich zur Entlastung den äußeren Feind sucht, der bekämpft werden muss“. Richter beschäftigte sich immer wieder mit von.Weizsäckers Gedanken, der geschrieben hatte: „ Das eigentliche Unvermögen zum Frieden, das ich krank genannt habe, müsste in seiner Struktur und seinem Werdegang analysiert werden….insbesondere auch die Rolle der Angst in diesem Zusammenhang verfolgt werden….wir haben uns nicht mit der Friedlosigkeit abzufinden. Das ist jetzt selbstverständlich. Nur: wie macht man das?“…..“Wer kann der friedensbedürftigen Menschheit die Heilung bringen? Wenn das Übel so tiefe Wurzel hat, ist unsere Lage nicht hoffnungslos? Sie ist wohl, wenngleich in zugespitzter Form so hoffnungsvoll oder hoffnungslos, wie es die Lage der Menschen immer war. Niemand kann sagen: ich werde das leisten. Unsere Zuflucht ist die Hoffnung auf Gott, ist das Gebet“  (11).

Wie sehr sich Richter in seinen letzten Lebensjahren mit C.F. von Weizsäcker´s Denken einig wusste,  auch mit seiner Beziehung zur christlichen Religion und Nächstenliebe, geht aus seinem  Resümee in seinem Vermächtnisbuch „ Moral in Zeiten der Krise“(9)  hervor, wo er Martin Luther zitiert:“   Eines inneren Friedens werden wir nicht durch unser Verdienst, sondern weil wir geliebt sind und darum Gott und in Gott die Menschen lieben dürfen“.

Neben von Weizsäcker sprach Richter häufig in seinen letzten Reden von seinem Freund  Joseph Weizenbaum, dem jüdischen US-amerikanischen Physiker und  Pionier der Computer Wissenschaft (10. 9)). Ihn zitierte er mit dessen Worten „Gott gibt es, denn Gott ist Liebe, und Liebe ist in uns allen. Das Gebet ist die Suche eines Menschen, seine innere Liebe zu finden“. Richter fasste zusammen:“ Zwei große Wissenschaftler sind sich einig, dass es der Liebe bedarf, um Versöhnung im Innern und der Welt zu ermöglichen“.

In seinem letzten Brief  an mich schrieb Richter drei Monate vor seinem Tod (5.September 2011): „Mir scheint, dass wir beide von zwei Seiten her ganz wichtige Stützen der IPPNW geworden und geblieben sind. Wir sind beide christliche Humanisten“ und er fügte hinzu „Du allerdings näher bei der Kirche, ich näher beim ethischen Sozialismus. Beiden ist es uns wichtig, unser Friedensengagement mit unserem Arzttum zu verknüpfen. Wir fühlen uns nicht als Politiker im weißen Kittel, sondern als Vollblut-Ärzte, die aus der Ethik unseres Berufes unsere Zuständigkeit für die Krankheit Friedlosigkeit ableiten“.

Richter war ein bedeutender Wissenschaftler seines Faches, ein kluger und vielseitig gebildeter Lehrer und Autor, ein international bekannter Psychoanalytiker und -therapeut.  Er wurde in den Medien vielfach als „Vater der Friedensbewegung“ bezeichnet. In der Tat war er  ein aufopferungsvoller und couragierter Streiter für den Frieden. Er war ein großer Arzt, der aus Mitleiden, aus „Compassion“, bis zum letzten Atemzug für Friedfertigkeit und für die Therapie der „seelischen Krankheit Friedlosigkeit“ arbeitete.

So werden wir ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

Literaturverzeichnis

1.EINSTEIN,A.:“ Über den Frieden“ (Hg.O.Nathan und H.Norden, Lang Verlag Bern, 1975)

2.FRIEDENSNOBELPREIS FÜR 140.000 ÄRZTE (Hg. F.Duwe. Rowohlt Verlag 1985)

3. GORBATSCHOW,M.:“ Perestroika-die zweite russische Revolution“(Droemer´sche Verlagsanstalt, Th..Knaur, Nachf. München 1987)

4. GOTTSTEIN,U., KOCH,H., RICHTER, H.E.., SROKA, K..:“Können Ärzte zur Verhinderung eines Atomkriegs beitragen?“ (Deutsches Ärzteblatt 79, Heft 43, 69-72, 1982)

4a GOTTSTEIN,U.: „Die medizinischen, hygienischen und psychologischen Folgen eines Atomkrieges- dargestellt an einem Szenario in Berlin“ (2. Med.Kongress zur Verhinderung eines Atomkrieges, Berlin, Dezember 1982. Frankfurter Rundschau, 7.12.1982)

5. HAMBURG, 1.MEDIZINISCHER KONGRESS  ZUR  VERHINDERUNG  DES  ATOMKRIEGES, 19./20. Sept. 1981: „Die Überlebenden werden die Toten beneiden“ (Verlag Pahl-Rubenstein, Köln 1982)

6. IPPNW-WELTKONGRESS, KÖLN, 1986: „ Maintain Life on Earth“ (Verlagsgesellschaft  Jungjohann, Neckarulm und München, 1987)

7. LOWN,B. „The urgency of moral outrage“ in „Maintain Life on Earth“ (IPPNW-Weltkongress, Köln, 1986)

8. RICHTER,H.E.. “Ist eine andere Welt möglich?” (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2003)

9. RICHTER,H.E.: „ Moral in Zeiten der Krise“ (Verlag Suhrkamp,2010)

9a. RICHTER,H.E. „ Weiter mit Totrüsten?“ ( Vortrag IPPNW-Jahresversammlung 11.3.2012, Matthäuskirche, Frankfurt)

9b. RICHTER,H.E.: „Kampf der Ärzte für den Frieden, jetzt erst recht!“, Festrede zum 30-jährigen Bestehen der IPPNW, 17. September 2011, Philharmonie Berlin.( In: IPPNW-Broschüre 2012 „Ein Leben für den Frieden“, Horst-Eberhard Richter zum Gedenken“)

10. WEIZENBAUM, J.: „Vermächtnis 2007: Was ich am Ende meines Lebens glaube“.( in: Richter: „Moral in Zeiten der Krise“2010)

11. Weizsäcker, C.F.von :“Die seelische Krankheit Friedlosigkeit“ (in: „Der ungesicherte Friede“. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1969)

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