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Der Patientennutzen muss Priorität haben vor Wirtschaftsförderung

IPPNW-Thementagung „Digitalisierung – Wie kriegen wir die Kurve? Vertraulichkeit und Patientenautonomie in Gefahr?“, 19. Oktober 2019 in Nürnberg

21.10.2019 Teilnehmer*innen der Tagung „Medizin und Gewissen“ am Wochenende in Nürnberg kritisierten, dass Ärzt*innen Gesundheitsapps verschreiben sollen, ohne dass sie deren Nutzen und Risiken für die Patient*innen kennen. Außerdem müssen nach den Plänen des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn alle Krankenkassen bis spätestens 2021 ihren Versicherten eine elektronische Gesundheitsakte (ePA) zur Verfügung stellen. „Auch deren Nutzung ist bisher nicht nachgewiesen. Der Patientennutzen hat offenbar für den Bundesgesundheitsminister nachgeordnete Bedeutung!“, moniert Prof. Dr. Hannes Wandt von der IPPNW-Regionalgruppe Nürnberg.

In der ePA sollen neben den Stammdaten der Versicherten Diagnosen, Therapien, Medikamente, Impfungen, weitere Befunde und alle Arztbesuche sowie Krankenkassenabrechnungen dokumentiert sein und das lebenslang. Alles sehr sensible Daten, die nach den bisherigen Planungen auf zentralen Servern von IT-Großkonzernen gespeichert werden sollen. Die Details sollen erst im nächsten Jahr festgelegt werden. Ein großer Teil der Ärzteschaft steht der überstürzten Umsetzung dieses Vorhabens besorgt und skeptisch gegenüber.

Offene Fragen sind neben der Datensicherheit die Zugriffsmöglichkeiten der unterschied­lichen Akteure im Gesundheitswesen auf die ePA. Dies betrifft neben Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pflegediensten, Apotheken auch die Krankenkassen. Wie kann bei dieser großen Zahl an Akteuren das Arztgeheimnis bewahrt werden? Wie sollen Ärzt*innen Patient*innen darüber aufklären, wer alles Zugang zu deren Daten bekommt, wenn sie es selbst nicht wissen? Wer darf auf welche Bereiche der ePA zugreifen? Können Versicherte darüber noch im Einzelnen entscheiden?

Die angeblichen Vorteile der ePA wie bessere Kommunikation und Information, die lebensrettend sein könnte und z. B. unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden würde, sind bisher nur Versprechungen, die noch keinen vergleichenden Praxistest bestanden haben. Der Nutzen für die Ärzt*innen, die am meisten mit der Dokumentation belastet sein werden, ist bisher nicht nachgewiesen.  Sicher ist, dass zusätzlicher Dokumentationsaufwand erst einmal Zeit kosten wird, die dann für die Patient*innenbetreuung fehlt!

McKinsey prognostizierte im September 2018 eine Einsparung von ca. 34 Mrd. Euro jährlich bei Investitionskosten in die Digitalisierung im Medizinbereich von mehr als 200 Mrd. Sicher ist bisher nur: Die Einführung der ePA wird weitere zig Milliarden Euro kosten, die im Wesentlichen aus Versichertengeldern finanziert werden müssen. Bevor solche Milliardenprojekte umgesetzt werden, sollten vergleichende Praxistests in Deutschland belegen, dass der erhoffte Nutzen auch tatsächlich erreicht wird.

Dass digitale Techniken bei der Versorgung der Patienten helfen, ist unstrittig. Sie sind schon heute aus der Medizin nicht mehr wegzudenken und sie werden zweifelsfrei auch zukünftig immer wichtiger werden. Ob aber der Weg über eine ePA, die in einer Cloud gespeichert ist und die dann mit jedem Smartphone eingesehen werden kann, der richtige Weg ist, das ist weder im Hinblick auf Sicherheit noch auf den Nutzen geklärt. Jeder übereilte Schritt unter Zeitdruck kann verhängnisvoll und teuer werden! Erst vergangene Woche stellte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in   seinem aktuellen Bericht fest: „Die Cybersicherheit spielte bei den Herstellern mobiler Anwendungen oft nur eine untergeordnete Rolle“, …  „die Gefährdungslage ist als kritisch zu betrachten …“.  

Weitere Informationen über die Tagung, das Programm und die Referierenden finden Sie unter www.medizinundgewissen.de. Gerne stehen wir für Interviewanfragen zur Verfügung.

Pressekontakt:

Angelika Wilmen, Pressesprecherin, IPPNW, Mobil: 0162 – 205 79 43, Email: wilmen@ippnw.de, www.ippnw.de
Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung, Körtestr. 10, 10967 Berlin Körtestr. 10, 10967 Berlin,

Prof. Dr. Hannes Wandt, Mobl: 01733620269; Dr. Alfred Estelmann, Mobil: 0170 763 21 55;  
IPPNW Regionalgruppe Nürnberg-Fürth-Erlangen
Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung e.V. – Regionalgruppe Nürnberg – Fürth – Erlangen der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW)

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Ansprechpartner


Angelika Wilmen

Pressesprecherin
Koordinatorin der Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 030 / 698074 - 15
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Regine Ratke

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Assistenz der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 030 / 698074 - 14
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Dr. Jens-Peter Steffen

Dr. Jens-Peter Steffen
Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising
Tel. 030 / 698074 - 13
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