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Kommentar von Susanne Grabenhorst und Alex Rosen

Es ist Zeit, Frieden zu wagen

20.12.2016 Gestern Abend starben in Berlin am Breitscheidplatz 12 Menschen, über 50 wurden zum Teil schwer verletzt, viele traumatisiert und verunsichert. Ein Weihnachtsmarkt, der ein Ort der Begegnung und der Freude sein sollte, ist zu einem Ort der Trauer geworden. Die Gedächtniskirche, ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung, wird nun auch mit der Gewalt dieses 19. Dezembers 2016 in Verbindung gebracht werden. Unsere Gedanken, unser Mitgefühl und unsere Trauer sind heute mit den vielen Opfern und ihren Angehörigen.

Unsere Gedanken sind aber auch mit all den anderen Opfern von Gewalt und dieser grausamen Tat. Wir denken an die Menschen, die durch Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben wurden und die bei uns in Europa, auch hier in Berlin, Zuflucht gefunden haben; den Muslimen, die nun erneut von vielen Seiten unter Generalverdacht gestellt werden, weil Einzelne ihre Religion als ideologische Begründung für Hass und Gewalt missbrauchen; den Millionen von Menschen hier in Europa, die sich Tag für Tag für die Geflüchteten engagieren und sich für ein friedliches Miteinander von Menschen und Kulturen einsetzen; und den vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die Angst haben, die verunsichert sind und die nicht wissen, wie sie diese Ereignisse ihren Kindern erklären sollen.

Das vermutliche Ziel der gestrigen Gewalt war nicht nur ein Weihnachtsmarkt, sondern auch eine multikulturelle und offene Gesellschaft. Es geht Attentätern darum, Menschen zu entzweien – Christen und Muslime, Deutsche und Geflüchtete, Menschen mit heller und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Eine Radikalisierung und ein Rechtsruck in der Gesellschaft soll bewirken, dass Muslime weiter ausgegrenzt und diskriminiert werden, so dass sie sich ihrerseits radikalisieren. Der Terror will Realität ändern – die Realität, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens mit einander leben, von einander lernen und gemeinsam Lösungen für gesellschaftliche und politische Herausforderungen finden können.

Wir wollen keine Gesellschaft der Ausgrenzung und der Abschottung, sondern diejenige, die wir vergangenen Sommer an den Bahnhöfen in München, Dortmund und Frankfurt gesehen haben: eine Gesellschaft der Offenheit, der Solidarität und der Menschlichkeit.

Noch ist vieles offen in Bezug auf den Anschlag am 19. Dezember 2016. Sicher ist: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Der Ausweg aus der Gewalt ist der Weg raus aus der Gewalt. Deshalb müssen Kriege und auch der „Krieg gegen den Terror“ beendet werden - nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch aus pragmatischen. International muss es voran gehen mit einer Politik des Ausgleichs, mit Verhandlungen auf Augenhöhe, mit dem Aufbau von Vertrauen und Kooperation. Die Kriege und Interventionen im Nahen und Mittleren Osten der letzten Jahrzehnte, an denen sich auch Deutschland beteiligt, haben aus einer ohnehin unruhigen Region ein Pulverfass gemacht, das wir mit immer neuen Militäreinsätzen nicht entschärfen können.

Es ist Zeit, uns vom Krieg als untaugliches und unverantwortliches Mittel der Befriedung zu verabschieden und zurück zu kehren zu den einzigen Maßnahmen, die den Kreislauf der Gewalt und des Hasses wirklich durchbrechen können: Waffenstillstände, Verhandlungen, Diplomatie, fairer Interessensausgleich und gegenseitige Anerkennung. Mit jedem Jahr des Kriegs gegen den Terror wird dies schwerer; mit jedem Anschlag und jedem Toten in Bagdad, Aleppo, Paris oder Berlin schwindet die Bereitschaft. Es ist Zeit, Frieden zu wagen.

Susanne Grabenhorst ist IPPNW-Vorsitzende.
Dr. Alex Rosen ist stellv. Vorsitzender der IPPNW.

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Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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