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Aus Forum 186/2026

Jenseits des Schweigens

Woman Beyond Silence: Interview mit Dr. Tasabih Mohamed

Der Krieg im Sudan wütet nun schon seit drei Jahren. Die Kämpfe zwischen den sudanesischen Streitkräften und der paramilitärischen RSF haben zu einer der schlimmsten humanitären Krisen weltweit geführt. Wie geht es den Menschen im Sudan? 

Die Lage im Sudan ist weitaus komplexer, als vielen Beobachter*innen von außen bewusst ist. Was oft als interner Konflikt dargestellt wird, ist in Wirklichkeit stark von regionalen Machtdynamiken und externen Interessen geprägt. Der Krieg zieht sich unter anderem deshalb so lange hin, weil Akteure aus dem Ausland weiterhin Waffen, Ressourcen und politische Unterstützung bereitstellen. Dies hat die Gewalt und das Leid im Sudan verschärft.

Für die einfache sudanesische Bevölkerung sind die Folgen verheerend. Nach drei Jahren Krieg sind die Menschen körperlich, emotional und wirtschaftlich erschöpft. Ganze Gemeinden wurden vertrieben, Familien getrennt, das Gesundheitssystem zerstört. Millionen Menschen leben in ständiger Unsicherheit. Die Frustration ist groß, zumal sich viele Sudanes*innen von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlen, während geopolitische Interessen weiterhin mehr Gewicht haben als Menschenleben. Und doch gibt es eine bemerkenswerte Widerstandskraft. Viele Sudanes*innen entscheiden sich dafür, in ihre Heimat zurückzukehren, obwohl der Krieg weitergeht und die Lebensbedingungen nach wie vor extrem schwierig sind. Diese Entscheidung spiegelt etwas sehr Kraftvolles wider: Wenn uns so viele Grenzen verschlossen und so viele Türen vor der Nase zugeschlagen werden, bleibt die Heimat der einzige Ort, der uns Halt gibt – selbst inmitten des Leids. Diese Widerstandskraft sollte nicht romantisiert werden. Aber sie zeugt von der Stärke, Würde und Entschlossenheit eines Volkes, das weiter durchhält und gleichzeitig das Recht einfordert, in Frieden zu leben.

Welche Arbeit leistet deine Organisation „Woman Beyond Silence“ im Sudan? 


Wir arbeiten zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Es geht darum, Sichtbarkeit herzustellen, gerade im Kontext des Krieges im Sudan, wo geschlechtsspezifische Gewalt zu einer weit verbreiteten Waffe geworden ist. Unsere Arbeit konzentriert sich darauf, das Schweigen zu durchbrechen. Wir bieten kostenlose Webinar-Reihen zu geschlechtsspezifischer Gewalt und zu Friedensarbeit an, wobei wir die Lebenserfahrungen von Überlebenden und vertriebene Frauen in den Mittelpunkt stellen, deren Stimmen in den vorherrschenden Narrativen oft nicht gehört werden. Daneben leisten wir psychosoziale Unterstützung in Form von Workshops, Gruppentherapien sowie Schulungen zu mentaler Erster Hilfe, insbesondere für Geflüchtete und Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt. Außerdem schulen wir Menschen aus den betroffenen Gemeinschaften, solche Maßnahmen selbst anzuleiten. Wir wollen sicherstellen, dass die Hilfsmaßnahmen und der Heilungsprozess auf gelebten Erfahrungen basieren und ihnen nicht von außen aufgezwungen werden.

Wie gebt ihr sudanesischen Frauen und Gemeinschaften, die von Krieg, Vertreibung und der Klimakrise betroffen sind, eine Stimme? 


Wir untersuchen, wie diese Faktoren sich gegenseitig beeinflussen – insbesondere, wie die Klimakrise das Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt für Frauen erhöht und sich auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. In Webinaren und Fallbeispielen beleuchten wir diese Zusammenhänge und übersetzen sie in leicht verständliche Analysen, wobei wir strukturelle Ursachen von Gewalt mit den gelebten Realitäten im Sudan verknüpfen. Wir dokumentieren und teilen Erfahrungen, um die Berichte von Frauen als Zeugnis und Beweismittel zu bewahren. Unsere Kampagne „Peace and Love Letters“ schafft einen anonymen Raum, in dem Überlebende zu Wort kommen können. Globale Solidarität manifestiert sich in den Antworten, die für die betroffenen Frauen Würde und menschliche Verbundenheit wiederherstellen.

Unser Manifest „Von Gold zu Gräbern“ ordnet diese Erfahrungen in den anhaltenden Stellvertreterkrieg im Sudan ein und verknüpft persönliches Leid mit den politischen und wirtschaftlichen Dynamiken, die den Konflikt prägen.

Wie schafft ihr es, euch gleichzeitig für Geschlechtergleichstellung, psychische Gesundheit und nachhaltigen Frieden einzusetzen? 

Diese Bereiche sehen wir als eng miteinander verflochten. In Kontexten wie dem Sudan, wo Krieg, Vertreibung und Ungleichheit an der Tagesordnung sind, geht es bei nachhaltigem Frieden nicht nur darum, die Gewalt zu beenden. Es geht auch darum, was mit den Menschen danach geschieht. Unverarbeitete Traumata, Ängste und Verlust bestimmen, wie Gemeinschaften leben, miteinander umgehen und Wiederaufbau schaffen können. Hier wird psychosoziales Heilen unabdingbar, denn Frieden kann nicht Bestand haben, wenn Menschen weiterhin die psychologischen und sozialen Folgen von Gewalt in sich tragen. Durch unser Programm „Roots of Healing“ schaffen wir sichere Räume für Gruppentherapie und gemeinschaftliche Unterstützung. Gleichzeitig verbinden wir Heilung wieder mit der Natur und dem Alltag. Es hilft Frauen, Traumata gemeinsam zu verarbeiten, Vertrauen wieder aufzubauen und ein Gefühl der Zugehörigkeit zurückzugewinnen. Auf diese Weise sind Geschlechtergerechtigkeit, psychische Gesundheit und Friedensarbeit Teil desselben Prozesses: der Heilung von Einzelnen, der Stärkung von Gemeinschaften und der Bekämpfung der Bedingungen, die Gewalt erst ermöglichen.

Wie geht es sudanesischen Geflüchteten in Ägypten und anderen Ländern? 

Sie erleben in den Aufnahmeländern sehr unterschiedliche Realitäten. Während viele von ihnen willkommen geheißen werden, sieht sich eine große Zahl weiterhin mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert: Rassismus, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung und Rechtsschutz, sowie Unsicherheit hinsichtlich ihrer Papiere und ihres Aufenthaltsstatus.

Aus meiner persönlichen Erfahrung als sudanesische Ärztin, die ihr Praktikum in Ägypten absolviert hat, habe ich die Hindernisse im Gesundheitssystem hautnah miterlebt. Ich erinnere mich an einen 17-jährigen sudanesischen Geflüchteten, der an der Grenze in einen Autounfall verwickelt war. Trotz einer Operation und der Bemühungen meiner Kolleg*innen, die Spenden für seine Versorgung sammelten, kam er nach wenigen Stunden in Haft, statt unter medizinischer Aufsicht zu bleiben. Solche Fälle spiegeln eine allgemeine Realität wider: Sudanesische Geflüchtete erleben unterbrochene Behandlungen, während sie gleichzeitig mit schlechten Lebensbedingungen in Haftzentren, mitUnterernährung, Infektionen, Missbrauch und der Angst vor Abschiebung kämpfen – selbst wenn sie über gültige Papiere verfügen.

Gleichzeitig hat die Vertreibung Momente der Verbindung und Solidarität geschaffen. In Ägypten habe ich viele herzliche Menschen kennengelernt und erlebt, wie Migration kulturellen Austausch und gegenseitiges Verständnis ermöglicht – und so sudanesische Gemeinschaften auf komplexe, aber sinnstiftende Weise näher an die Welt bringt.

Du arbeitest als Ärztin in den Bereichen Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie psychische Gesundheit. Du organisierst Bildungsangebote und psychosoziale Unterstützung für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. 


Woher nimmst du die Kraft und die Widerstandsfähigkeit für deine Arbeit?
Ich schöpfe viel Widerstandskraft aus dem Beispiel der Frauen, die vor mir kamen – insbesondere meine Großmutter Khadiga Mohammed, die Lehrerin und Frauenrechtsaktivistin war. Ich bin mit ihrem Vermächtnis aufgewachsen und führe ihre Mission fort. Kraft geben mir auch Freund*innen und Mitstreiter*innen, die während der sudanesischen Revolution ihr Leben verloren haben. Ihr Mut leitet mich weiterhin und gibt dem, was ich tue, Sinn.

Begleitet hat mich auch dieses Gedicht von John Roedel, das mir viel Halt gegeben hat: 

Wann immer ich mich hilflos fühle
in dieser überwältigenden Welt
werde ich zur Helferin 
Oh, meine Liebe 
An den Tagen, an denen es sich anfühlt 
als hätte ich keine Kraft 
diene ich anderen 
Wann immer ich helfe 
die Füße der Welt zu waschen 
hören meine Hände sofort auf zu zittern 
Und ich finde Frieden

Wie können medizinische Fachkräfte in Deutschland eure Arbeit unterstützen?

Gesundheitskräfte in Deutschland können zum Beispiel bei kontextspezifischer Forschung über die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen in Konfliktsituationen unterstützen. Die Daten sind hier oft lückenhaft oder unzugänglich. Sie können auch ihr klinisches und gesundheitspolitisches Fachwissen teilen, indem sie Webinare geben oder sich am akademischen Austausch zu geschlechtsspezifischer Gewalt, psychischer Gesundheit und den Auswirkungen von Konflikten auf Gesundheitssysteme beteiligen.
Wir möchten außerdem mit Partnern evidenzbasierte Instrumente und Schulungen für Einsatzkräfte vor Ort entwickeln, um sicherzustellen, dass die Maßnahmen sowohl wissenschaftlich fundiert sind als auch auf die Lebensrealitäten von Frauen eingehen, die Krieg erleben. Darüber hinaus können Partnerschaften die ethische Dokumentation von Lebenserfahrungen unterstützen, und so dazu beitragen, marginalisierte Stimmen zu verstärken, akademisches Wissen mit den Realitäten von Frauen im Sudan zu verbinden und so Maßnahmen zu stärken, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Dr. Tasabih Mohamed ist Ärztin und feministische humanitäre Helferin. Mehr Infos unter: https://womenbeyondsilence.com 
Das Interview führte Laura Wunder.

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Ansprechpartnerin

Angelika Wilmen

Angelika Wilmen
Referentin für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 - 13
Email: wilmen[at]ippnw.de

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