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IPPNW-Forum 119/09

Weniger als 1.000 Atomwaffen – das wäre ein Meilenstein

01.10.2009 Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW haben Sie eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit für das Atomwaffenthema bekommen. Inzwischen haben die atomaren Bedrohungen wieder zugenommen, aber die Gefahr der Atomwaffen gerät immer weiter aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Was meinen Sie, woran liegt das?

Lown: Das Problem mit jedem sozialen Thema ist, dass es Widerspruch, Kämpfe und Opposition hervorruft. Die Öffentlichkeit beschäftigt sich nicht gerne mit Themen, die außerhalb ihres Fassungsvermögens und ihrer Kontrollmöglichkeiten liegen und sich obendrein so furchtbar hoffnungslos anhören. Zudem haben wir Aktivisten oft ein falsches Verständnis davon, wie wir die Öffentlichkeit erreichen können. Wir denken, wir müssten nur die Fakten ausbreiten und erklären und schon würden die Menschen entsprechend handeln. Aber so funktioniert die Gesellschaft nicht. Fakten rufen noch keine Aktivität hervor. Es kommt darauf an, die Menschen moralisch aufzurütteln, an ihren Sinn für Pflicht und Zivilgesellschaft zu appellieren, an ihr Gefühl, etwas verändern zu können. 1980 haben wir noch nicht existiert, 1981 hatten wir unser erstes Treffen und 1985 hatten wir bereits Weltstatus. Das ist eine wichtige Lektion, dass einige wenige Menschen entscheidenden Einfluss haben können. Dafür wurden wir IPPNW-Ärzte ein Beispiel.


Und wie rüttelt man die Öffentlichkeit auf?

Lown: Wenn man die Menschen begeistern will, muss man an ihr Innerstes appellieren. Mit einem Individuum ist es fast wie zwischen Arzt und Patienten. Man muss den Patienten zunächst kennen lernen. Über das Reden werden Sie keinen Zugang zu ihm finden, sondern nur über das Zuhören. Wer ist der Patient? Was beeindruckt ihn? Was sind seine Sorgen? Wenn Sie den Patienten kennen, können Sie an seine moralische Ader appellieren, denn ich bin überzeugt: Was die Menschheit von den Tieren unterscheidet, ist dieses moralische Gewissen in uns. Ohne das hätte die Menschheit nicht überlebt.

 

Hat Obama bei seiner Rede in Prag an dieses moralische Selbst in uns appelliert?

Lown: Was Obama in Prag gesagt hat, ist sehr wichtig, weil er einer der ersten Präsidenten war, der ernsthaft über die Abrüstung gesprochen hat. Aber er hat auch einen anderen Satz gesagt, den die meisten Leute bereits vergessen haben. Er sagte, seine Vision lasse sich wahrscheinlich zu seinen Lebzeiten nicht mehr verwirklichen. Obama ist 47 Jahre alt! Seine Aussage war zwar „Ja, wir können“, aber er hat keinen Zeitplan vorgelegt. Ich glaube, es gibt eine Dringlichkeit zur Abrüstung und diese Dringlichkeit sehen auch die Politiker, die zur Zeit des Wettrüstens im Amt waren. Kissinger, Shultz, Perry, Nunn und viele andere, die Architekten des Kalten Krieges, haben erklärt, dass die Atomwaffen bald abgerüstet werden müssen. Was wir jetzt brauchen, ist eine Basisbewegung, die das Feuer entzündet und den Wandel beschleunigt. Aber eine solche Bewegung existiert im Vergleich zu den 80er Jahren nicht – damals hatten wir in den USA 5.700 verschiedene Anti-Atomwaffen-Organisationen!

 

Und was wären die nächsten politischen Schritte auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt?

Lown: Zunächst müsste Amerika den Atomwaffenteststoppvertrag unterzeichnen. Dann müssten wir statt dem START-Vertrag eine Vereinbarung mit Russland erreichen, in der sich beide Staaten verpflichten, Atomwaffen abzurüsten. Obama und Medwedjew sprechen von 1.500 Atomwaffen, unser Ziel sind weniger als 1.000 Atomwaffen. Das wäre ein Meilenstein. Schließlich bräuchten wir einen Zeitplan für die zukünftige Abrüstung, eine sichtbare Abrüstungserklärung mit dem Ziel, die Atomwaffen bis zum Jahr 2020 vollständig abzurüsten. Das wäre dann noch zu Obamas Lebzeiten.

 

Glauben Sie, dass die USA ihre Atomwaffen aus Deutschland bald abziehen werden?

Lown: Nein, nur wenn Deutschland furchtbar Druck macht. Für mich ist es unglaublich, dass die Deutschen so ruhig bleiben. Deutschland macht sich zum Komplizen des amerikanischen Nuklearismus. Die Deutschen müssten fragen: Warum haben wir noch Atomwaffen auf deutschem Boden, wenn die Bedrohung durch die Sowjetunion schon lange nicht mehr existiert? Welches Land soll nach Meinung der NATO Atomwaffen einsetzen und gegen wen? Warum beherbergt ein Land, das in den Köpfen vieler Länder mit Genozid verbunden wird, Massenvernichtungswaffen? Ist Ausschwitz nicht genug? – Wir müssen schockieren, damit die Menschen aufgerüttelt werden und uns zuhören. Sie hören nicht zu, wenn wir Kaffee und Tee in einem netten Restaurant servieren und Argumente präsentieren.

 

Prof. Lown, in Ihrer Rede auf dem IPPNW-Symposium haben Sie das Verhältnis zwischen Arm und Reich als wichtigstes Thema für die Zukunft der Menschheit bezeichnet. Warum?

Lown: Das Nord-Süd-Gefälle ist das Kernthema unseres Zeitalters. Es fördert schlimme Entwicklungen, wie z.B. die Militarisierung. Auch im Kalten Krieg ging es nicht um Ideologien, es ging um das globale Nord-Süd-Gefälle. Heute beginnen sich die Entwicklungsländer aufzulehnen und diese Rebellion nimmt die Züge von Terrorismus an. Doch hinter Terrorismus stecken Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Das geschieht, wenn der Dialog und die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel erschöpft sind. Niemand sprengt sich gerne in die Luft. Erst an einem Punkt extremer Hoffnungslosigkeit sind Menschen bereit, schreckliche Verbrechen zu begehen. Hier kommen die Atomwaffen wieder ins Spiel. Die Terroristen haben die hohe Verletzbarkeit der industrialisierten Staaten erkannt, sie haben erkannt, dass sie die Macht haben, eine Gesellschaft lahmzulegen. Und niemand ist so verletzlich wie die Vereinigten Staaten. Das ist der Grund, warum die führenden Architekten des Nuklearismus die Atomwaffen loswerden wollen. Wir leben in einem Zeitalter großer Möglichkeiten.

 

Herr Lown, Sie befassen sich seit den 1980er Jahren mit der zunehmenden Kommerzialisierung des amerikanischen Gesundheitswesens. Präsident Obama versucht nun, das Gesundheitssystem zu reformieren. Was muss Ihrer Meinung nach ein soziales Gesundheitssystem leisten?

Lown: Es sollte Gesundheit bieten und zwar als Recht, nicht als Privileg. Es sollte kein Geschäftsabschluss sein, bei dem jemand Profit aus dem Schicksal eines Menschen zieht. Denn ich glaube, eine demokratische Gesellschaft ist ohne Bildung und Gesundheit nicht möglich. Wenn Sie ein demokratisches System wollen, müssen Sie Gesundheit garantieren. Aber in Amerika tun wir das nicht. 45 bis 46 Millionen Menschen haben überhaupt keine Gesundheitsversicherung. Weitere 15 Millionen Menschen haben zwar eine Krankenversicherung, aber die ist so schlecht, dass sie Tausende Dollar zusätzlich bezahlen müssen, wenn sie krank werden, sodass sie nie zum Arzt gehen. Eine durchschnittliche Familie in den USA muss ein Viertel des Einkommes für medizinische Versorgung ausgeben! Allerdings bin ich auch vom Gesundheitssystem in Deutschland nicht begeistert. Denn auch hier ist es zum Gesundheitsgeschäft geworden.

 

Was würden sie jungen Ärzten raten, wie sie mit diesem System umgehen sollen?

Lown: Ein junger Arzt ist sehr hilflos, wenn er sich nicht mit anderen zusammenschließt, um das System zu verändern. Es gibt in den USA eine starke Bewegung, „Medicare“, die sich für die medizinische Versorgung aller Menschen in Amerika einsetzt. „Medicare“ ist eine öffentliche Krankenversicherung für ältere und behinderte Mitbürger, ein sehr gutes System für Menschen über 65 Jahren. Obama wäre gut beraten gewesen, wenn er sich für den Ausbau dieses großartigen Systems für alle Bürger eingesetzt hätte. Aber das hat er nicht getan. Er hat sich auf die Seite der privaten Krankenversicherungen gestellt, einer der größten industriellen Sektoren in Amerika, größer als das Militär.

 

Prof. Lown, was treibt Sie als Arzt eigentlich an, sich mit Atomwaffen zu beschäftigen?

Lown: Das Atomwaffenthema ist ein medizinisches Thema! Als ich meine medzinische Karriere begann, hat mich der plötzliche Herztod am meisten beschäftigt. Das war damals die häufigste Todesursache in den USA, alle 9 Sekunden starb jemand daran. Das waren 400.000 Menschen im Jahr, mehr als an Brustkrebs und anderen Krebsarten. Ich begann meine Forschungen darüber und arbeitete viele Jahre hart, doch dann erkannte ich plötzlich, dass die Welt nicht dem plötzlichen Herztod erliegt, sondern einem nuklearen Tod ins Auge sieht. Ärzte sind qua Profession dafür geschaffen, sich für das Gute einzusetzen. Die Gesellschaft schaut auf die Mediziner. Sie haben eine enorme Macht, um die sie sich verdient machen müssen. Arztsein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.

 

Herr Lown, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview führten Angelika Wilmen und Anne Tritschler.

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