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IPPNW-Forum 119/09

Peace through Health

How Health Professionals Can Work for a Less Violent World

01.10.2009 Vor kurzem ist das Textbuch "Peace through Health" erschienen, herausgegeben von den kanadischen IPPNW-Kollegen Neil Arya und Joanna Santa Barbara. Mit dem Ziel, das Buch vorzustellen und Interesse für die Thematik zu wecken, hat Eva-Maria Schwienhorst für das Forum das Einführungskapitel des Lehrwerks übersetzt und zusammengefasst:

Dass Menschen mit Gesundheitsberufen in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt werden, hat eine lange Geschichte. Es ist anzunehmen, dass es in der 10.000-jährigen Geschichte menschlicher Kriege immer Heiler gab, die die verwundeten Kämpfer versorgten. Krieger und Heiler jedoch entstammten ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen und hatten verschiedene Machtpositionen innerhalb einer Gesellschaft. Es gab jene, die zwischen Krieg und Frieden entschieden und es gab jene, die heilen konnten. Angehörige von Heilberufen spielen eine große Rolle in der Prävention und der Entschärfung von Kriegen und Gewalt.

Das liegt zum Teil am Erfolg des „Public Health“ oder „Community Health“ Modells, das in den letzten Jahrzehnten wesentlich zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Menschen beigetragen hat. Nicht nur die Therapie, sondern auch die Prävention bekommt dabei ein großes Gewicht. Krieg stellt dabei eine wichtige Determinante für Tod, Verletzungen und körperliche sowie psychische Erkrankungen dar.

Wie können nun Mitarbeiter im Gesundheitswesen in der Prävention von Krieg und anderen Formen der Gewalt tätig werden? Es gibt seit kurzer Zeit innovative und vielversprechende Ansätze, Krieg als Problem der öffentlichen Gesundheit zu definieren und Versuche, ihm aus dem Gesundheitswesen heraus entgegen zu treten.

 

Für wen ist dieses Buch geschrieben?

Wir schreiben dieses Buch für alle Angehörigen und Studenten von Gesundheitsberufen, die die Folgen von Krieg und Gewalt als Problem der öffentlichen Gesundheit sehen. Solche, die sich mit den verheerenden Folgen von Massenvernichtungswaffen beschäftigen, die in Gebieten arbeiten, in denen bewaffnete Konflikte herrschen oder bis vor kurzem herrschten, die sich mit Menschenrechtsverletzungen auseinandersetzen, die humanitäre Hilfe in Konfliktregionen leisten und diejenigen, die sich mit den Gesundheitsfolgen von Unterdrückung und Ausbeutung befassen.

Daneben möchten wir Friedenwissenschaftler ansprechen, die in ihren Tätigkeiten mit dem Gesundheitssektor zusammenarbeiten. Doch zunächst müssen einige Begriffe definiert werden.

 

Was ist Frieden?

Unsere Definition lautet: Frieden ist eine Eigenschaft des Verhältnisses zwischen zwei oder mehreren Parteien, in der zumindest keinem Beteiligten Schaden zugefügt wird und Konflikte gewaltfrei gelöst werden, idealer Weise aber ist es eine harmonische Beziehung von gegenseitigem Nutzen und Zusammenarbeit.

Die „Parteien“ können verschiedene Aspekte ein und derselben Person, Individuen, Interessensgruppen, Nationen, Staaten oder ganze Regionen sein. Manchmal schließen wir auch den Frieden zwischen der Menschheit und der Natur und den Frieden zwischen den heutigen und den zukünftigen Generationen in die Definition mit ein. Das Gegenteil von Frieden ist nicht der Konflikt, denn Konflikt kann sowohl konstruktiv und kreativ als auch gewaltsam und destruktiv sein. Das Gegenteil von Frieden ist eher die Gewalt.

 

Was ist Gewalt?

Wir stützen uns hierbei auf die Definition des Friedensforschers Johan Galtung, der Gewalt definiert als vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist. Die zugrunde liegenden menschlichen Bedürfnisse sind dabei Sicherheit, Wohlergehen, Identität und Freiheit.

Galtung spricht von direkter Gewalt als vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe. Er erweitert die Definition um den Begriff der strukturellen Gewalt und meint damit alle Gesellschaftsstrukturen, die Menschen daran hindern, ihre Möglichkeiten für ein glückliches Leben voll zu entfalten. Dies kann zum Beispiel die Unterdrückung von Frauen und Mädchen sein oder auch die ökonomische Globalisierung, die zu einem immer größer werdenden Unterschied zwischen Arm und Reich führt. Strukturelle Gewalt kann oft in unterschiedlichen Lebenserwartungen gemessen werden.

Er fügt eine dritte Kategorie hinzu, die der kulturellen Gewalt. Damit meint er Einstellungen, Glaubens- und Wertvorstellungen, die die direkte und strukturelle Gewalt rechtfertigen. Die klassische Form kultureller Gewalt ist die Überzeugung, dass die Menschenleben der eigenen Gruppe (z.B. Religion, ethnische oder nationale Zugehörigkeit) mehr wert sind als die anderer.

 

Was ist Krieg?

Hier ziehen wir die Definition eines der Vordenker von „Peace through Health“, Graeme MacQueen, heran. Krieg ist gegenseitige, massive, andauernde, tödliche direkte Gewalt zwischen zwei oder mehreren Gruppen. Es erscheint hilfreich, von Krieg nicht als einem sporadischen Ereignis, sondern von einem Kriegssystem zu sprechen. Innerhalb dieses Systems befinden sich Politik, Wirtschaft und Kultur von Ländern in einem andauernden Zustand der Kriegsvorbereitung, was sich periodisch in Kampfhandlungen entlädt. In diesem Rahmen könnte man sich auch ein Friedenssystem vorstellen, innerhalb dessen die Politik, Wirtschaft und Kultur von Ländern sich um harmonische, kooperative Beziehungen mittels Konflikttransformation bemühen, in dem es keine oder nur minimale gegenseitige Bedrohungen, ein großes Maß an Rechtsstaatlichkeit und viele Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen gibt.

 

Was ist ein Konflikt?

Konflikte entstehen wenn zwei oder mehr Parteien nach scheinbar unvereinbarenden Zielen streben. Es wurde mittlerweile viel Wissen darüber gesammelt, wie man gewaltfrei und konstruktiv mit Konflikten umgeht. Einiges davon wird im Rahmen von Konfliktlösungsstrategien und Konflikttransformation gelehrt und angewandt.

 

Was ist Gesundheit?

Die WHO definiert Gesundheit „nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“, sondern ganzheitlicher als „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“.

Äußere Einflüsse, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, sind unzureichende Kleidung und Unterbringung, Verletzungen, Giftstoffe, Mikroorganismen und Erlebnisse, die zu psychischem Stress führen. In welchem Ausmaß verschiedene Menschen und Populationen diesen Faktoren ausgesetzt sind, ist offensichtlich sehr unterschiedlich. Was führt zu diesen Unterschieden? Wir sehen dabei sechs Phänomene als besonders wichtig an, die untereinander in Verbindung stehen: Armut, Krieg und andere Formen von Gewalt, Umweltzerstörung, die Auflösung sozialer Gefüge, mangelhafte Regierungsführung und die Nichteinhaltung der Menschenrechte. Sie alle führen zu einem schlechteren Gesundheitszustand einer Bevölkerung.

 

Frieden und Gesundheit

Sowohl Frieden als auch Gesundheit sind hochgeschätzte Güter und werden oft als Menschenrechte betrachtet. Die Medizin denkt in Diagnose, Prognose und Therapie, dies kann auch im Kontext von Krieg, Gewalt und Konflikten hilfreich sein. Die Notwendigkeit in der Medizin, eine oder mehrere angemessene Therapien anzubieten, kann im übertragenen Sinne die Politiker dazu bewegen, in der Einschätzung einer Situation über die bloße Diagnose hinaus zu denken, oder mehr als eine (militärische) Lösung eines Konflikts zu sehen.

Auch das Konzept der Prävention kann aus der Medizin in die Friedenswissenschaft übertragen werden. Im Zuge der Primärprävention im Friedenskontext gilt es auf die vielen Faktoren einzuwirken, die zu einem Ausbruch von Gewalt führen könnten, aber bevor dies passiert. Sekundärprävention bedeutet, den Verlauf eines Krieges zu verkürzen und seinen Effekt auf die Bevölkerung zu lindern. Tertiärprävention ist die Rehabilitation der Bevölkerung und Gesellschaft nach Ende eines Krieges. In allen drei Feldern gibt es große Aufgaben für Menschen mit Heilberufen, wie wir noch zeigen werden.

Teil I des Buches beginnt mit einem Kapitel über die Geschichte von „Peace through Health“ und führt in die zugrunde liegenden Konzepte ein. In Teil II beschäftigen sich die Autoren mit den Folgen von Kriegen und Waffen in Gegenwart und Zukunft. In Teil III werden Prinzipien und Wertvorstellungen von „Peace through Health“ untersucht. In Teil IV werden Mechanismen und Werkzeuge beschrieben, um eine Problemstellung anzugehen. In Teil V werden zahlreiche Fallbeispiele aus Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention in der Friedensarbeit vorgestellt. In Teil VI geht es um die Evaluation der Friedenskomponente von „Peace through Health“-Projekten. In Teil VII und VIII wird ein Blick über das bisherige Verständnis von Gewaltprävention und Gesundheitsarbeit hinaus gewagt.

 

Dr. med. Eva-Maria Schwienhorst ist stellvertretende International Councillor im Vorstand der deutschen IPPNW. Während ihres  Aufenthalts im Rahmen des „famulieren & engagieren“-Programms an der McMaster Universität in Kanada lernte sie „Peace through Health“ kennen. Sie hat ein Aufbaustudium in „Nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit“ absolviert und beginnt derzeit ein Masterstudium in International Health an der Charité in Berlin.

 

Kasten:

An vielen Stellen des Lehrbuchs wird auf die Arbeit der IPPNW eingegangen, mitgearbeitet haben Sachkundige inner- und außerhalb der IPPNW wie zum Beispiel Caecilie Buhmann, Helen Caldicott, Rob Chase Leonard Cheshire, Kathy Christoffel, Khagendra Dahal, Ann Duggan, Paul Farmer, Norbert Goldfield, Ian Maddocks, Maria Kett, Jim Kim, John Last, Barry Levy, Evan Lyon, Ambrogio Manenti, Klaus Melf, Wendy Orr, Alex Rosen, Vic Sidel, Sonal Singh, John Sloboda, Anthony Zwi und andere.

„Peace through Health“ ist erschienen bei Kumarian Press und kann für 39,95 US-Dollar (Mengenrabatt von 20% schon ab zwei Exemplaren) online bestellt werden unter: www.kpbooks.com/Books/BookDetail.aspx?productID=185789

 

 

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