Rumänien

von Marie Schäfer

Da haben wir uns so lange mit postkolonialer Berichterstattung auseinandergesetzt und am Ende nun die Aufgabe, genau das in einem Bericht über unsere Zeit umzusetzen. Meine Zeit – das bedeutet zwei sehr intensive Monate in Bukarest und hin und wieder anderen Flecken in Rumänien, das bedeutet wahnsinnig viele, intensive Gespräche, Momente, Gedanken, Zweifel und Auseinandersetzungen.

<p">Erinnerung. Zum Auswahltag von F&E ging ich ohne große Länderpräferenz, wurde dann aber von der Vorgängerin, Theresa, ziemlich schnell überzeugt, meine Erstwahl auf Rumänien zu legen. Meine Entscheidung viel vermutlich aus einem oberflächlichen, aber sehr neugierigen Bauchgefühl zu dem Land und der Beschreibung ihrer Arbeit in der NGO und der Klinik.

Nach drei holprigen Monaten der mehr-oder-weniger Vorbereitung durch Gespräche, Lesen und Recherchieren (und dem Anerkennen, dass ich es nicht schaffe, mich auf die Sprache vorzubereiten) ging es dann per 36-stündiger Zugfahrt nach Bukarest in die Hitze.  Durch Theresas Kontakte konnte ich in der Wohnung einer Medizinstudentin aus Bukarest wohnen und startete nach zwei Tagen orientierungslos aber voller Vorfreude durch die Stadt Stolpern montags in meinen „E“-Teil – der Mitarbeit in der Fundația Inocenți. 

Diese Organisation wurde von einem Fotografen aus den USA in den 90igern gegründet und besteht mittlerweile aus v.a. rumänischen Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen (obwohl ich das * eigentlich weglassen könnte, ich glaube einem männlichen Mitarbeiter bin ich nicht über den Weg gelaufen), die sich u.a. um das Wohl von stationär eingewiesenen Kindern kümmert, die -aus welchen Gründen auch immer- wenig Unterstützung von ihren Eltern erhalten können während ihres Krankenhausaufenthaltes. Im Vorjahr bedeutete dies, dass täglich bis zu zehn Knirpse versorgt, bespaßt, getröstet oder einfach beim Spielen im Blick behalten werden mussten - eben die Aufmerksamkeit und Ablenkung bieten, die sonst häufig Eltern geben können. Innerhalb des letzten Jahres wurden in diesem Krankenhaus allerdings aus mehreren Gründen verstärkt die Kapazitäten der Stationen verkürzt und so bedeutete das für mich, dass lediglich ein einziger Junge auf der Normalstation meine gesamte Aufmerksamkeit in den ersten 2,5 Wochen erhielt, danach zwei kleine Jungen auf der Intensivstation.

Ich fühlte mich häufig eher als Last denn als Unterstützung für die dort hauptangestellte Mitarbeiterin (hätte sie die kleine Anzahl an Kindern leicht selbst versorgen können) und blickte kritisch auf meine Arbeit mit dem kleinen Jungen in der Anfangszeit (er war zwei und hatte bereits eine verzögerte Sprachentwicklung, mein kaum vorhandenes Rumänisch half ihm beim Spielen dabei wenig und eigentlich wollte ich nicht eine längerfristige Bezugsperson für nur ein Kind sein, um dann nach vier Wochen wieder abzudüsen).  Ich besprach meine Zweifel mit meiner Anleiterin und war ihr wahnsinnig dankbar, dass sie so einige Gedanken, wenn nicht ganz aus dem Weg, dann doch zumindest relativieren konnte.

Rückblickend bin ich in dieser Zeit vor allem für sämtliche, oft stundenlange Gespräche mit dieser Person dankbar – Gespräche über die Arbeit des Vereins, Lohnarbeit im sozialen Bereich, der Situation und die Entwicklung in Bezug auf elternlose oder vernachlässigte Kinder, aber auch sehr persönliche Erzählungen von ihrer Kindheit zu Ceausescus Zeiten. Trotzdem kamen wir beide zu dem Entschluss, dass es vermutlich nächstes Jahr wenig Sinn ergeben wird, eine*n Voluntär*in in dieses Projekt zu schicken. Am Nachbereitungswochenende besprach ich meine Erfahrungen, meine Rolle in dem Projekt und meine Zweifel viel mit anderen F&Eler*innen. Wir machten uns gemeinsam Gedanken darüber, wie der „E-Teil“ vielleicht eher gedeutet werden kann. Dass es auch darum geht, Aktivismus oder Engagement in anderen Ländern zu beobachten und einfach davon zu lernen, statt sich an dem Wunsch festzuhalten, irgendwo hilfreich mitarbeiten zu können innerhalb des kurzen Aufenthaltes. Sich immer wieder kritisch mit sich selbst und seiner eigenen Rolle auseinanderzusetzen, ist für mich zentraler Bestandteil meiner Zeit mit F&E. 

Den zweiten Teil meines Aufenthaltes verbrachte ich in einer Sozialklinik, die ich ebenso durch Theresa vermittelt bekam. Die Klinik ist Teil einer Stiftung einer der größten Privatkliniken in Rumänien, Regina Maria, und bietet Menschen kostenlose ärztliche Behandlung, die nicht krankenversichert sind und sonst in den staatlichen Krankenhäusern nicht behandelt werden würden bzw sich die privaten nicht leisten könnten. Vom ersten Tag an war ich begeistert von dem Konzept und der Organisation der Klinik. Sie besteht aus dem Projekt-koordinierenden „Family Doctor“, der täglich dort arbeitet, zwei dauerhaft besetzten Zahnheilkunderäumen und je einmal die Woche Gynäkologie, Innere Medizin mit Sonografie und Augenheilkunde. Die Ärzt*innen arbeiten dort (mit Ausnahme des Koordinators) einmal wöchentlich ehrenamtlich, sämtliche Pflegekräfte und andere Angestellte werden finanziell entlohnt.

Ich verbrachte die meiste Zeit bei dem Family Doctor, beobachtete ihn im Umgang mit Patient*innen, half mit meinen paar rumänischen Phrasen bei der Untersuchung so gut es ging, auch wenn das meistens Blutdruck messen hieß, auskultieren und hin und wieder ein EKG schreiben. Wenn dort gerade keine Patient*innen waren, besuchte ich die anderen Räumen, schaute bei gynäkologischen Untersuchungen zu, beim Brille Anpassen, versuchte mich relativ erfolglos in Fundoskopien, erkannte nach und nach immer mehr Knoten in Schilddrüsen oder versicherte mich meiner Berufswahl als Human- und nicht Zahnmedizinerin bei diversen Wurzelkanalbehandlungen und Zahnextraktionen. Überall wurde ich herzlich willkommen geheißen, mal wurde im flüssigen Englisch geplaudert, mal versuchte ich mich irgendwie mit Händen und Füßen zu verstehen zu geben, da ich (das medizinische) Rumänisch zwar recht eingängig im Berichte Lesen empfand, aber leider mündlich so gar nichts verstand. So konnte ich auch kaum mit Patient*innen sprechen und verstand die Anamnesen nicht, trotzdem (und vor allem durch viele zuvorkommende Übersetzungen) war die Zeit in der Klinik sehr bereichernd für mich. Ich lernte, was es heißt, sämtliche Lebensumstände der Personen in der Behandlung miteinzubeziehen (Kann ich Diuretika verschreiben oder hat die Person keinen Zugang zu sanitären Anlagen? Ist die Person in der Lage, Marcumar wirklich streng nach Zeitplan einzunehmen, kann ich das verständlich genug erklären? Wie kann ich einer niereninsuffizienten Patientin ohne stationäre Einweisung mit Medikamenten einstellen, wenn ich eigentlich nur zweimal im Jahr Blut abnehmen kann?). Für mich hat sich in dieser Zeit ein gelebtes Konzept und ein Verständnis des Ärzt*in-Seins gezeigt, das mich sehr bewegt und von dem ich vieles übernehmen möchte.

Die Organisationsstruktur der Sozialklinik ist für mich nicht nur im Kontext Rumänien zu sehen, sondern vielmehr als ein Konzept, das auch in Deutschland umgesetzt werden könnte (und wo es bereits ähnliche Ansätze gibt). Dass es funktionieren kann, habe ich hier miterleben dürfen. Finde ich mich doch manchmal mit Bauchschmerzen angesichts der Gedanken, im deutschen Gesundheitssystem arbeiten zu müssen, hat mir die Zeit in der Sozialklinik Alternativmöglichkeiten gezeigt, die mich sehr bewegen.

Trotz allem bisher Beschriebenen war für mich die Zeit mit F&E aber viel mehr als nur die Arbeit in der NGO und eine wirklich bereichernde Famulatur. Die Auseinandersetzung mit Reisen, Berichterstattung, meiner Rolle als deutscher Studentin in Rumänien, was, wie, wann ich fotografiere oder was, wie, wann ich nicht fotografiere, all die Reflektionen, Zweifel und Gedanken waren für mich essentieller Bestandteil von F&E. Sei es durch das Vor- und Nachbereitungswochenende, durch einen sehr intensiven und ehrlichen Emailverteiler, durch Stunden gefüllt mit Schreiben und Lesen und Denken alleine auf meinem Balkon in Bukarest, durch engen Austausch mit den Teilnehmenden in anderen Ländern – all das hat für mich meine Zeit im Projekt ausgemacht. So ehrlich und frei habe ich mich bisher selten mit Thematiken auseinandergesetzt und am Ende bleiben ein Nebeneinander von neu gewonnener Ruhe und Erkenntnissen und gleichzeitig vielen neuen Frage

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Ansprechpartnerin

Susanne Dyhr, IPPNW-Referentin für Soziale Verantwortung
Susanne Dyhr
Referentin für Soziale Verantwortung
Tel. 030/698074 - 17
Email: dyhr@ippnw.de

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